# taz.de -- Überlebende zum Holocaust-Gedenken: „Seien Sie etwas strenger!“
> Tova Friedman warnt im Bundestag vor zunehmendem Antisemitismus. Auch in
> Brandenburg an der Havel wird deutlich, dass Erinnern über Gedenktage
> hinausgeht.
(IMG) Bild: Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman spricht am Mittwoch bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag
„Ich habe keine Brüder, keine Schwestern, keine Tante und keine Onkel“. So
beginnt Tova Friedman am Mittwoch ihre Rede im Bundestag anlässlich des
Holocaust-Gedenktags. Es ist zu einer Tradition geworden, dass das deutsche
Parlament zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 1945 [1][einen
jüdischen Zeitzeugen oder doch den Nachkommen eines solchen] zu einer Rede
einlädt. 2026 ist dieser Ehrengast ein Kind und eine alte Dame zugleich.
Tova Friedman überlebte Auschwitz als Fünfjährige. Heute ist sie 87 Jahre
alt, lebt in den USA und wurde [2][als Tiktok-Star berühmt], der jungen
Menschen in kurzen Sequenzen erklärt, was damals in Europa mit den Juden
geschehen ist.
Im Bundestag sind alle Abgeordneten anwesend, ebenso die Bundesregierung
samt Kanzler. Die Besuchertribüne ist dicht gefüllt, als Tova Friedman ans
Rednerpult tritt. Sie erzählt die Geschichte des polnisch-jüdischen
Mädchens, das es nach Ansicht der Nationalsozialisten nicht mehr hätte
geben dürfen. 1,5 Millionen Kinder, erinnert Friedman, seien im Holocaust
ermordet worden, „die nicht so viel Glück hatten wie ich“.
Am Tag zuvor steht Felix Byelyenkow, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde,
im Schnee von Brandenburg an der Havel. Seine eigene Anwesenheit sei nicht
entscheidend, sagt er. Wichtiger sei, dass trotz der beißenden Kälte viele
Menschen den Weg zur Gedenkstätte gefunden hätten. Es mögen 150, vielleicht
180 Menschen sein, die sich bei einbrechender Dunkelheit an den Stelen zur
Erinnerung an [3][die „Euthanasie“-Morde der Nazis in der
70.000-Einwohner-Stadt] versammelt haben. Das kann man nun wenig finden
oder viel. Byelyenkow, die wärmende Mütze tief ins Gesicht gezogen, findet
es viel, und auch Ran Ronen vom Zentralrat der Juden in Deutschland ist
beeindruckt. „Jede jüdische Familie hat Opfer zu beklagen, jede“, sagt
Felix Byelyenkow.
Am 27. Januar erinnern landesweit Politikerinnen und Politiker an den
Judenmord. Sie finden Worte des Entsetzens und erklären, das Geschehene sei
eine Mahnung an uns alle. Es gibt aber nicht nur die Reden vom
Bundespräsidenten, den geladenen Gästen, von Ministerpräsidenten und
Parlamentariern, deren Worte am Abend im Fernsehen zu sehen sind. Es gibt
auch eine Zivilgesellschaft, die in vielen deutschen Gemeinden diesen Tag
nicht im Wohnzimmer verbringt, sondern sich zu Wort meldet, laut und
deutlich. So wie in Brandenburg an der Havel.
## In Brandenburg lässt sich kein AfD-Vertreter blicken
Dort am Nicolaiplatz erinnert zunächst die Gedenkstättenleiterin Sylvia de
Pasquale daran, dass es darum gehe, „die Würde jedes Einzelnen zu schützen“
– und verbittet sich zugleich die Anwesenheit undemokratisch denkender
Politiker. Jeder weiß, wer gemeint ist. Die AfD wurde bei der letzten
Kommunalwahl in Brandenburg/Havel zur stärksten Partei. Keiner ihrer
Vertreter lässt sich blicken.
Im Bundestag sind die Abgeordneten der AfD nicht so leicht zur Seite zu
schieben. Sie sind präsent. Und sie werden am Ende [4][der Rede von Tova
Friedman] genau wie alle anderen Anwesenden der Gastrednerin stehend
applaudieren – als ein Zeichen der Zustimmung und zugleich als ein Signal,
dass die mahnenden Worte Friedmans sie gewiss nichts, überhaupt gar nichts
angehen.
Die 87-Jährige beginnt zu erzählen. Ihr Bericht handelt von einem Mädchen,
das nach der Räumung des jüdischen Ghettos von Tomaszów Mazowiecki mit den
Eltern in ein NS-Arbeitslager gerät, zwei Tage vor ihrem fünften
Geburtstag. Das lernt, sich über einer Zwischendecke zu verstecken und
mucksmäuschenstill zu sein, geradezu unsichtbar. Der die Mutter beibringt,
ihren Peinigern keinesfalls in die Augen zu blicken, ja nicht einmal ihren
Wachhunden. Spielen ist verboten. Das Lager leert sich. Das Mädchen fragte
die Mutter: Wo sind all die Menschen hin? Die Mutter sagt: „Selektionen“.
Und Tova Friedman sagt: „An einem wunderschönen Sommertag durfte ich den
dunklen Raum verlassen. Wohin? Nach Auschwitz.“ Sie war jetzt fünfeinhalb
Jahre alt. Der Vater habe gesagt, sie solle ein braves Mädchen sein.
## Mehr als 9.000 Ermordete
In Brandenburg ergreift am Dienstagnachmittag Oberbürgermeister Steffen
Scheller (CDU) das Wort. Es gebe „eine Verantwortung, die aus der
Geschichte erwächst“, sagt der 55-Jährige. „Geschichtsverfälschungen“ seien
keine Seltenheit mehr. Dem müsse man entgegentreten.
Brandenburg an der Havel war ein Ort besonders grausamer NS-Verbrechen.
Schon 1933 richteten die neuen Machthaber im aufgelassenen Zuchthaus mitten
in der Stadt ein Konzentrationslager ein, das bis 1934 bestand. Fünf Jahre
später bauten die Nationalsozialisten in dem Gebäude eine Gaskammer. Mehr
als 9.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen wurden
dort bis Oktober 1940 ermordet. So wie der Arbeiter Hugo Klein, geboren
1913, der nach seiner Unterbringung in zwei Heilanstalten in Brandenburg
getötet wurde. In einem Brief an den Vater fantasierte die angebliche
„Landes-Pflegeanstalt“ von einer tödlich verlaufenden Bauchfellentzündung.
Viele der Täter konnten ihre Erfahrungen bald darauf im deutsch besetzten
Polen einbringen – in den Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor,
wo mehr als eine Million Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Der ärztliche
Direktor der Brandenburger Anstalt Irmfried Eberl avancierte zum ersten
Kommandanten von Treblinka, der Büroleiter Christian Wirth wurde Chef in
Belzec. Man kann sich darüber nur ein paar Schritte entfernt in einer
Gedenkstätte informieren. Und nicht weit entfernt liegt in
Brandenburg-Görden noch so ein Horror-Ort. Im dortigen Zuchthaus befand
sich eine NS-Hinrichtungsstätte – über 2.000 Todesurteile wurden
vollstreckt.
Man kann auch an einen Vorgänger von Oberbürgermeister Steffen Schiller
erinnern. Wilhelm Sievers hieß der Mann. Er organisierte am 9. November
1938 in der Uniform eines SS-Obersturmbannführers die Brandschatzung der
Synagoge von Brandenburg/Havel. In die Tat umgesetzt wurde das
Zerstörungswerk von der örtlichen Feuerwehr.
## Tova Friedmans neuer Name in Auschwitz: 27633
Im Bundestag ist es still. Friedman berichtet weiter. In Auschwitz habe sie
einen neuen Namen erhalten: 27633. So lautete die Nummer, die ihr eine
andere jüdische Gefangene eintätowieren musste. Die Mutter habe ihr gesagt:
Du bekommst eine Schüssel, eine Tasse und einen Löffel. Wenn du sie
verlierst, erhältst du nichts mehr zu essen. Und dass sie niemals weinen
dürfe. Friedman sagt: „Ich weinte nicht.“
Sie weinte auch nicht, als sie zusammen mit anderen Kindern in die
Gaskammer getrieben wurde, die sie, wohl wegen eines technischen Defekts,
lebend wieder verließ. Sie weinte nicht, als die Mutter sie unter einer
Leiche versteckte, um so den Todesmärschen bei der Auflösung des Lagers
durch die SS zu entgehen.
An der Stelle, wo einmal die Gebäude des KZ Brandenburg lagen, steht nun
eine schmale Frau mit dunklem Haar. Es ist die Schauspielerin Patricia
Litten. Sie sagt: „Es beginnt immer mit der Marginalisierung von Menschen,
von einem vermeintlichen ‚Wir‘ gegen ein konstruiertes ‚sie‘.“ Es folgten
Erniedrigung, Kriminalisierung, Dämonisierung.
Es sei für sie „ziemlich schwierig, hier zu sein“, sagt Patricia Litten.
Ihr Onkel Hans Litten zählte zu den Menschen, die im KZ Brandenburg gequält
wurden. Der mutige Berliner Rechtsanwalt hatte in der Weimarer Republik
Nazi-Gegner vor Gericht verteidigt und es gar gewagt, Adolf Hitler
persönlich in den Zeugenstand zu zwingen, wo dieser sich in seiner
Argumentation gewaltig verhedderte. Hitler schwor Rache. Hans Litten beging
1938 im KZ Dachau Suizid. Seine Mutter Irmgard hatte jahrelang für ihren
Sohn gekämpft. Patricia Litten wird am Abend noch aus ihrem Buch „Eine
Mutter kämpft gegen Hitler“ lesen.
„Hans Litten hat nicht geschwiegen, sondern hingeschaut“, sagt seine Nichte
Patricia am Nachmittag. „Es liegt an uns, in welcher Zukunft wir leben
müssen.“
## „Juden gelten wieder als Sündenböcke“
Nicht weniger kämpferisch gibt sich einen Tag später Tova Friedman im
Bundestag. Sie belässt es nicht bei der Erzählung des fünfjährigen Kindes
unter den Nazis, sondern verlangt bei allem Lob für die Deutschen
Konsequenzen aus dem wieder ansteigenden Antisemitismus. „Ein Großteil der
Welt hat sich gegen uns gewandt“, sagt sie. Ein Enkel habe auf dem
Uni-Campus seinen Davidstern verbergen müssen. „Juden gelten wieder als
Sündenböcke. Der Antisemitismus ist nicht verschwunden, er verbirgt sich
hinter antizionistischer Sprache“, beklagt sie. Man müsse die „Epidemie des
Hasses“ ernst nehmen.
Tova Friedman ruft dem Plenum zu: „Jetzt ist Ihre Chance. Sie müssen Ihr
Land zurückgewinnen. Lassen Sie es nicht zu, dass der Antisemitismus wieder
wächst.“ Und: „Seien sie etwas strenger!“
Die, die dieser Appell möglicherweise etwas angehen könnte, bemerken es
nicht oder wollen es nicht bemerken. Sie applaudieren. Der Bundespräsident
bedankt sich. Friedrich Merz beugt sich herab zu der kleinen Frau und
schüttelt ihre Hände.
Steffen Scheller, der Oberbürgermeister von Brandenburg an der Havel, hatte
am Vortrag einen ganz wichtigen Satz gesagt: dass sich Erinnerung nicht auf
Gedenktage beschränken dürfe.
28 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /80-Jahrestag-der-Auschwitz-Befreiung/!6061885
(DIR) [2] https://www.tiktok.com/@tovafriedman?lang=de-DE
(DIR) [3] /Erinnerung-an-NS-Verbrechen/!6140251
(DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=lWQE4424FgM
## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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