# taz.de -- „Liberation Dance“ zum 8. Mai: Tanzen gegen das Vergessen
> Gedenken muss nicht still sein: Auf der Friedrichstraße wurde der Tag der
> Befreiung vom NS-Regime mit einem Swing-Flashmob begangen.
(IMG) Bild: Zur Erinnerung an die Verfolgung von Swingtänzern in der Nazi-Zeit tanzen 200 Täner einen Charleston
Der 8. Mai. Vor 81 Jahren markierte dieser Tag das Ende des Zweiten
Weltkriegs, in dem 60 bis 75 Millionen Menschen sterben mussten. An diesem
Freitagabend tanzen deshalb rund 200 Menschen am Besselpark in Kreuzberg
den Charleston.
„Kick cross, kick step“, ruft Natalie Reinsch gegen die Musik, die neben
ihr aus den Lautsprechern dröhnt. In ihrem braunen Cord-Set und einem
dunkelroten Barett springt sie zwischen den Menschen in unauffälliger
Alltagskleidung auffällig hervor. [1][Die Ideengeberin des „Liberation
Dance“ leitet die Menschen an,] die sich ihr angeschlossen haben, um in
Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zu tanzen.
Viele Opfergruppen des NS-Regimes sind bis heute nicht der breiten Masse
bekannt. So auch Swing-Tänzer und Jazzmusiker, die wegen ihrer Leidenschaft
für die Musik und ihren Lebensstil verfolgt wurden. „Alles, was als dem
deutschen Wesen fremd empfunden wurde, hat man damals als ‚entartet‘
beschrieben“, erklärt Maria Wilke, Leiterin der EVZ Academy. Sie ist Teil
der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die an die Opfer
nationalsozialistischen Unrechts erinnert und auch das Geschichtsfestival
[2][„Histoday“] ausrichtet. „Viele 'Entartungen’ waren eng verbunden mit
kosmopolitischer Kultur, natürlich auch sehr stark mit jüdischer Kultur.“
Es sei ein Widerstand der jüngeren Generation gewesen, sich nicht in
nationalsozialistischen Jugendorganisationen gleichschalten zu lassen,
sondern offen die Musikkultur mit afroamerikanischen Wurzeln auszuleben.
„Die Provokation der ‚Swing-Jugend‘ war über die Musik hinaus auch eng mit
dem Kleidungsstil verbunden“, so Wilke.
## Gegen den „Schlussstrich“
Die Wahl des Standorts am Besselpark sei eine bewusste gewesen, sagt sie.
„Wir sind hier in direkter Nähe zum ehemaligen Mauerstreifen, zum
Checkpoint Charlie, auf der anderen Seite ist das Jüdische Museum. Das ist
ein hochpolitischer Ort mit einer sich überlagernden Geschichte.“
Eine Geschichte, deren Erinnerung in Gefahr zu sein scheint. Laut der
[3][Memo-Studie 2025] wünscht sich erstmals eine relative Mehrheit der
Bevölkerung einen „Schlussstrich“ unter die Erinnerungskultur. Diesen 38,1
Prozent stehen nur 37,2 Prozent der Befragten gegenüber, die anderer
Meinung sind. Dabei konnten 85 Prozent keine einzige Maßnahme oder ein
Projekt der Erinnerungskultur nennen. „Das ist eine total beängstigende
Perspektive“, bemerkt Wilke.
Hoffnung mache ihr, dass die EVZ in der aktiven Arbeit auf viel Interesse
bei jungen Menschen stoße. Dabei seien Angebote wie der Liberation Dance
eine wichtige Abwechslung zu konventionellen Gedenkveranstaltungen. „Wir
sind schon in der vierten, bald fünften Generation nach der NS-Zeit. Jede
Generation muss ihre eigenen Zugänge zur Erinnerungskultur schaffen.“ Musik
verbinde, auch wenn man selbst keinen Swing höre. „Es ist etwas anderes als
eine historische Rede oder noch eine protokollarische Gedenkveranstaltung.
Jeder, der sich bewegen möchte, kann mitmachen.“
Ein Vater hebt seine kleine Tochter vom Asphalt auf die Schultern, die
bunten Vögel auf ihrem weißen Rock flattern im Wind. Um sie herum bilden
die Tänzer die „London Bridge“-Formation, bei der in S-Form
aneinandergereihte Menschenpaare mit ausgestreckten Armen eine Brücke
bilden, unter der die anderen Tänzer durchlaufen können. Die Tochter hält
sich erst noch am Kopf ihres Vaters fest, nimmt dann die Hände der Frau ihr
gegenüber und bildet ein Brückenelement. Eine ältere Frau lacht, zieht eine
junge Zuschauerin von der Bordsteinkante und mit sich durch die Formation.
## Späte Anerkennung für Zwangsarbeiter
Hinter der Leichtigkeit des Flashmobs und den lachenden Gesichtern steht
die schwere Geschichte der Stiftung. Gegründet wurde sie erst im Jahr 2000,
ausgestattet mit einem Gründungskapital in Höhe von 5,2 Milliarden Euro,
die hälftig von der Bundesregierung und der Stiftungsinitiative der
deutschen Wirtschaft erbracht wurden. [4][Sie sollte insbesondere ehemalige
Zwangsarbeiter finanziell entschädigen] – ein 4,4 Milliarden Euro schwerer
Prozess, der bis zu seinem Ende im Jahr 2007 für viele Betroffene um
Jahrzehnte zu spät kam. Von den geschätzten 20 Millionen Zwangsarbeitern in
der NS-Zeit seien die meisten damals schon nicht mehr am Leben gewesen,
hätten also keinen Antrag auf die Einmalzahlungen stellen können, sagt
Wilke.
Die Entschädigungen waren je nach Leidensweg gestaffelt: Wer im KZ
Zwangsarbeit leisten musste, erhielt bis zu 7.669 Euro, Betroffene in der
Industrie oft nur 2.556 Euro. „Die Summen sind nur symbolischer Natur
gewesen. Sie können das Leid nicht tatsächlich kompensieren“, räumt Wilke
ein. Denn selbst nach der NS-Zeit sei der Leidensweg für viele nicht vorbei
gewesen. „Wenn sie überlebt hatten, stellte man sie teilweise unter den
Verdacht der Kollaboration. Viele Zwangsarbeiter wurden zum Beispiel zu
Hause in der Sowjetunion weiter in den Gulag (Arbeitslager, Anm.d.Red.)
geschickt.“
[5][Die Auszahlung war an Bedingungen geknüpft]: Mit einem
Rechtsmittelverzicht mussten die Empfänger versichern, von weiteren Klagen
abzusehen, etwa gegen deutsche Unternehmen. Die hätten ohnehin noch einigen
Nachholbedarf in Sachen Erinnerungskultur. „Unter zehn Prozent der
Unternehmen in Deutschland haben ihre historische Verantwortung historisch
aufgearbeitet. Da ist noch sehr viel Luft nach oben.“
Um 18:20 Uhr ist der Liberation Dance vorbei, doch die Musik läuft weiter.
Einige Paare swingen zu Titeln aus den 30ern weiter, andere gönnen sich ein
Getränk auf den Parkbänken am Straßenrand. Bald wird die Friedrichstraße
wieder dem Verkehr gehören. Doch bis dahin wird getanzt.
10 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.25-jahre.stiftung-evz.de/en/events/evz-histoday/liberation-dance
(DIR) [2] https://www.25-jahre.stiftung-evz.de/veranstaltungen/evz-histoday
(DIR) [3] https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/gedenkanstoss-memo-studie/
(DIR) [4] /NS-Zwangsarbeit/!5184154
(DIR) [5] /Expertin-ueber-NS-Zwangsarbeit/!5687302
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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(DIR) Hamburg
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