# taz.de -- Holocaust-Überlebende Tova Friedman: „Ich flehe Sie an: Wiederholen Sie nicht die Geschichte“
> Tova Friedman hat Auschwitz überlebt. Heute klärt sie auf Tiktok über die
> Verbrechen der Nationalsozialisten auf. Am Mittwoch spricht sie im
> Bundestag.
(IMG) Bild: Tova Friedman in ihrer Wohnung in New Jersey im Januar 2023
„Kein Kind sollte sehen, was ich gesehen habe“, schrieb Tova Friedman vor
einigen Jahren in ihren Memoiren, rückblickend auf die Zeit der Shoah,
während der sie noch ein kleines Mädchen war. Aber die Welt soll wissen,
was sie, die Überlebende, gesehen, gerochen und geschmeckt hat, nachdem sie
im Alter von zwei Jahren ins Ghetto Tomaszów Mazowiecki und im Alter von
fünf Jahren nach Auschwitz-Birkenau gekommen war.
Im Ghetto wird sie mit den „Geräuschen des Völkermords“ groß, „gut geölte
Schlagbolzen, die geschmeidig durch Gewehrläufe zischten. Kehlige
Verwünschungen und Flüche vor dem Morden.“ Später, im Vernichtungslager
Auschwitz, ist sie umgeben von dem „schwefelhaltigen, üblen Gestank wie von
faulen Eiern: brennende Haare, vermischt mit verbranntem Menschenfleisch“.
Von alldem sollen sich ihre Leser:innen ein schmerzhaft genaues Bild
machen können. Von den Deportationen, den Erschießungen, den Gaskammern.
Damit es sich niemals wiederhole.
Die Jüdin Tova Friedman wird am Mittwoch bei der Gedenkstunde für die Opfer
des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag sprechen, und sie wird
bestimmt genauso dringliche und durchdringende Worte finden wie in ihrer
Biografie, die Anfang 2023 auf Deutsch erschien („Ich war das Mädchen aus
Auschwitz“). Friedman ist heute 87 Jahre alt und lebt in New Jersey, wo sie
lange als Direktorin, Sozialarbeiterin und Therapeutin des regionalen
Jewish Family Service arbeitete. Bis zuletzt gab sie dort Therapiestunden.
Tova Friedman widmet heute ihr Leben der Erinnerung an die Shoah und dem
Kampf gegen Antisemitismus. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman betreibt
sie [1][einen Tiktok-Kanal], in dem sie vor allem über die Verbrechen und
die Methoden des Nationalsozialismus aufklärt. Über 500.000 Menschen folgen
ihnen auf der Plattform. Friedman erklärt in kurzen Clips unter anderem,
was geschehen ist in Auschwitz, Majdanek, Chełmno, Treblinka, Bełzec
[2][und Sobibór].
Die Familie ihrer eigenen Mutter ist in der NS-Zeit fast vollständig
ermordet worden, 150 Angehörige hat diese verloren. Die Toten und ihre
Verwandten vor dem Vergessen zu bewahren, sei eines ihrer Ziele, sagte Tova
Friedman vor drei Jahren [3][im Interview mit der taz]: „Ich muss über sie
sprechen, um die Erinnerung an sie am Leben zu erhalten. Solange ich über
sie spreche, sind sie nicht tot.“
In das Land der Täter reist sie nun bereits zum zweiten Mal, obwohl sie
dies eigentlich nicht wollte. „75 Jahre lang habe ich mich geweigert, nach
Deutschland zurückzukehren. Ich wollte die deutschen Stimmen nicht hören,
hatte Angst, Schäferhunde auf der Straße zu sehen“, hat sie kürzlich in
einem Tiktok-Clip gesagt. Deutsche Schäferhunde – für sie eine Erinnerung
an die Zeit in Auschwitz. Zugleich empfinde sie es als Ehre und
Verpflichtung, mit jungen Menschen über den NS und den Judenhass zu
sprechen, in einer Zeit, in der sich Antisemitismus „in Europa wie ein
Lauffeuer verbreitet.“
## Als Kind im Vernichtungslager
Tova Friedman wird – als Tola Grossman – 1938 in Gdynia bei Danzig geboren.
Ein Jahr vor Kriegsausbruch, zwei Monate vor den Novemberpogromen. Als sie
zweieinviertel Jahre alt ist, werden sie und ihre Eltern ins Ghetto von
Tomaszów Mazowiecki gebracht. Sie rekonstruiert diese Zeit später auch
mithilfe eines Yizkor-Buchs, einem Schriftstück, in dem das jüdische Leben
des Orts dokumentiert wurde und für das ihr Vater viel schrieb. „Das Leben
war eine einzige Litanei aus Katastrophen, verschwundenen Menschen,
Massakern und dem ständigen Kampf um Lebensmittel“, heißt es in ihrer
Biografie.
Typhus geht im Lager um, Ghetto-Bewohner:innen werden erschossen, Tola
Grossman hungert. Sie leckt an den Wänden und erklärt es sich später damit,
dass sie intuitiv versucht habe, Kalzium aus der Wandfarbe zu saugen. Ihr
Vater wird von den Nazis als jüdischer Polizist im Ghetto eingesetzt; wenn
er zu milde zu den Insassen ist, wird er blutig geprügelt, er muss später
seine eigenen Eltern zur Deportation bringen.
Im Rahmen der „Aktion Reinhardt“, der Vernichtung aller Jüdinnen und Juden
auf polnischem Gebiet, sollen insgesamt 15.000 Menschen aus Tomaszów
Mazowiecki nach Treblinka deportiert worden sein. Tola Grossman und ihre
Eltern gehören zu den letzten, die im Ghetto verbleiben. Als es aufgelöst
wird, kommen sie ins Arbeitslager Starachowice, wo ihre Mutter und ihr
Vater als Zwangsarbeiter:innen in der Munitionsfabrik eingesetzt
werden. Von hier aus werden sie 1944 nach Auschwitz deportiert.
Grossman scheint in Auschwitz im Herbst 1944 auf dem Weg in den sicheren
Tod. Sie wird mit einer Gruppe von Kindern in die Gaskammer geschickt,
sitzt nackt, elendig, frierend im Vorraum. Sie warten und warten dort,
irgendetwas aber läuft an diesem Tag nicht planmäßig. Schließlich wird die
Gruppe zurückgeschickt – warum, das weiß sie bis heute nicht genau. Auch
dem Todesmarsch entgeht sie später, weil ihre Mutter sie zwischen Leichen
versteckt.
Tola Grossman überlebt. Auch ihre Eltern Machel und Reizel Grossman
überleben. Aufgrund von Geschick – und wohl auch viel Glück. Sie kommen
nach dem Krieg in ein Displaced-Persons-Lager.
## Neuanfang in den USA
1950 emigriert Tola Grosmann als damals Elfjährige mit ihren Eltern in die
USA. Sie legt eine akademische Karriere hin, macht nacheinander Bachelor-
und Master-Abschlüsse in Psychologie, Black Literature und Sozialer Arbeit.
1960 heiratet sie Maier Friedman, den sie schon als Kind in den USA
kennengelernt hat; sie feiern eine traditionelle jüdische Hochzeit. Sie
nimmt den Nachnamen Friedman an.
Sieben Jahre später geht das Paar nach Netanya in Israel, dort soll sie an
der Hebrew University of Jerusalem lehren. In Israel benennt sie sich auch
erst in „Tova“ um, „weil das israelischer klang, aber auch, weil es so
ähnlich klang wie Tema – der Name meiner Großmutter mütterlicherseits“,
schreibt sie in ihren Memoiren. Aus beruflichen Gründen geht das Paar zehn
Jahre später in die USA zurück, wo Tova Friedman am Jewish Family Service
andockt.
Als Psychologin und als Überlebende kennt Friedman natürlich das
„Survivor’s Syndrome“, doch sie glaubt nicht, dass sie darunter leidet –
und prägt stattdessen einen anderen Begriff für sich: Survivor’s Growth.
Überlebenswachstum. Sie will in ihrem Leben Sinnvolles tun, um an die Shoah
zu erinnern. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie zunächst dem Schriftsteller
und Journalisten Milton John Nieuwsma, der in seinem Buch „Kinderlager“
(1998) darüber berichtet. Erst viele Jahre später, 2022, veröffentlicht
Friedman ihre eigene Biografie auf Englisch, wohl auch angestoßen durch das
Engagement ihres Enkels Aron, der im Jahr zuvor den Tiktok-Kanal mit ihr
gegründet hat.
In dem Buch beschäftigt sie sich auch mit der unbegreiflichen Routine und
Alltäglichkeit des Mordens, mit dem, was [4][Hannah Arendt] als Banalität
des Bösen bezeichnete. „Was ich auch nach all den Jahren nicht verstehe,
ist das vollständige Fehlen von Gewissen und die Zwanglosigkeit, mit der
harmlose Zivilisten ermordet wurden, so beiläufig wie essen und trinken“,
schreibt Friedman.
Es treibt sie um, dass das Gros der Mittäter:innen straffrei blieb,
dass erst sehr spät sehr wenigen Verwalter:innen des Völkermords der
Prozess gemacht wurde. „Irgendwo im Dritten Reich saß in einem Büro ein
schlauer Statistiker mit pervertiertem Denken, der ausrechnete, wie viele
zusätzliche Gleisstrecken, Haltepunkte und Signale gebraucht wurden, um
dafür zu sorgen, dass die Todeszüge reibungslos fuhren“, schreibt sie. Und
weiter: „Psychopathen allein hätten den Holocaust nicht zustande gebracht.
Sie waren auf eine ganze Armee bereitwilliger Helfershelfer angewiesen,
ebenso wie auf gut ausgebildete Akademiker, die die alltägliche Logistik
des industriellen Mordens zum Laufen brachten.“
Tova Friedman zu lesen, mit ihr zu sprechen, heißt innezuhalten, versuchen
nachzuvollziehen, wie ein System des Internierens, Drangsalierens und
Tötens sich entwickelt, sich verselbstständigt. Und vor allem zu begreifen,
was dies für die Opfer bedeutet. „Auschwitz bleibt ein Leben lang in mir,
bleibt immer Teil meines Körpers und meines Geistes“, erzählte Tova
Friedman damals im Interview und nannte zwei Beispiele: „Manchmal steht auf
Speisekarten in Restaurants das Wort ‚selection‘. Wenn ich das lese, zucke
ich immer zusammen. Denn ich muss an ‚Selektion‘ im Lager denken. Oder wenn
ich das deutsche Wort ‚Halt‘ höre, spüre ich häufig physische Angst. ‚Halt‘
bedeutete in Auschwitz oft, dass Leute angehalten und erschossen wurden.“
Friedman zuhören, sich vielleicht auch daran erinnern, was im
[5][vergangenen Jahr am Tag des Gedenkens im Bundestag passiert ist,] das
sollte den diesjährigen Auschwitz-Gedenktag prägen. „Ich flehe Sie an:
Wiederholen Sie nicht die Geschichte, die ich durchleiden musste“, schreibt
Friedman. Am Rednerinnenpult wird sie am Mittwoch sicher ähnlich treffende
Worte finden.
27 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tiktok.com/@tovafriedman
(DIR) [2] /Neuerscheinung-zur-Holocaust-Forschung/!5657041
(DIR) [3] /Holocaust-Ueberlebende-Tova-Friedmann/!5907393
(DIR) [4] /Politik-Professorin-ueber-Hannah-Arendt/!6115529
(DIR) [5] /Antrag-gegen-Migration-im-Bundestag/!6062259
## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
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