# taz.de -- Schoah-Kurzfilm „Storia di Sergio“: Animiertes Gedenken gegen das Vergessen
       
       > Der animierte Kurzfilm von Rosalba Vitellaro feierte am
       > Holocaust-Gedenktag im EU-Parlament Premiere. Er dokumentiert eine
       > vergessene Geschichte.
       
 (IMG) Bild: Der kleine Sergio mit einem Holzschaf, Szene aus „Storia di Sergio“
       
       Es war genau an Sergio de Simones siebtem Geburtstag, als er am 29.
       November 1944 von Auschwitz-Birkenau ins KZ Neuengamme nahe Hamburg
       transportiert wurde. Am 20. April 1945, nur Wochen vor der Kapitulation
       Nazideutschlands, ermordete die SS ihn und 19 weitere Kinder im Keller der
       Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg, nachdem sie „Experimente“ an den
       verschleppten Kindern durchgeführt und sie etwa mit Tuberkulose absichtlich
       angesteckt hatten. Sie wurden an Fleischerhaken aufgehängt.
       
       Diese grausame Geschichte erzählt der italienische Animationskurzfilm
       „Storia di Sergio“, der am Internationalen Holocaustgedenktag am Dienstag
       im Europäischen Parlament in Brüssel Premiere feierte. [1][Nach der Schoah]
       blieb das Schicksal Sergios zunächst weitgehend unbekannt, bis der deutsche
       Journalist Günther Schwarberg den Fall recherchierte. In Akten aus der
       NS-Zeit tauchte er lediglich als Nummer 179614 auf, tätowiert auf seinem
       Arm.
       
       Sergios Cousinen Tatiana und Andra Bucci, die mit ihm nach Auschwitz
       deportiert worden waren und nur knapp überlebten, haben ihr Leben dem
       Gedenken an ihn gewidmet. Für Tatiana Bucci, heute 88 Jahre alt, ist der
       Auftritt im EU-Parlament ein bewegender Moment: „Mein Herz schlägt sehr
       schnell“, sagt sie zu Beginn ihrer Rede bei der Zeremonie im Plenarsaal.
       
       ## Aus dem Wohnzimmer verschleppt
       
       Ihre Ansprache bildet die Grundlage für die Animation, die im Anschluss
       vorgeführt wird: Im März 1944 sei Cousin Sergio aus Neapel bei der Familie
       Bucci in Fiume zu Besuch gewesen, was damals unter NS-Besatzung stand, als
       die SS-Schergen eines Nachts in ihr Wohnzimmer hineindrangen und die
       Familie verschleppten.
       
       Die Bucci-Schwestern, damals erst vier und sechs, seien bei der Selektion
       nur deshalb nicht sofort in die Gaskammer geschickt worden, weil [2][der
       berüchtigte NS-Arzt Josef Mengele] sie für Zwillinge gehalten habe – und
       damit für geeignete „Versuchskaninchen“. Auch Sergio sei zunächst verschont
       worden, weil Mengele eine Schwäche für Schönheit gehabt haben soll und der
       Knabe mit seinen dunklen Haaren und dunklerer Haut hübsch gewesen sei.
       
       Die drei Kinder seien anschließend nackt ausgezogen, gewaschen und
       tätowiert worden: „Wie Tiere, damit wir jedes Gefühl von Würde verlieren“,
       erklärt Tatiana Bucci. „Ich begann zu verstehen, dass jüdisch zu sein genau
       das bedeutet.“ Bis heute falle es ihr schwer, darüber zu sprechen.
       
       ## Niedliche Stupsnasen
       
       „Storia di Sergio“ nutzt eine vertraute Bildsprache, um Nähe zu vermitteln:
       Sergio und die anderen Kinder haben große, glänzende Augen und niedliche
       Stupsnasen. Der berührende Soundtrack für Geige und Klavier von Davide
       Caprelli erzeugt das angemessene Pathos, ohne ins Kitschige zu verfallen.
       Vor allem steht Sergios Geschichte im Mittelpunkt, und das ist die Stärke
       des 28-minütigen Films.
       
       Für diese Leistung landete „Storia di Sergio“ auf der Longlist für den
       diesjährigen Oscar in der Kategorie Animationskurzfilm, schaffte es jedoch
       nicht in die Endauswahl. Am 29. Januar 2026 wird der Film im italienischen
       Parlament gezeigt, danach in Schulen auf Sizilien. Einen Vertrieb hat der
       Film bislang noch nicht, weder in Italien noch international.
       
       Produzentin Alessandra Viola berichtet der taz von Schwierigkeiten bei der
       Finanzierung, vor allem nach dem 7. Oktober und dem Krieg in Gaza. Über die
       Unterstützung der deutschen Botschaft in Italien habe sie sich daher sehr
       gefreut. „Den Film zu realisieren, war mir sehr wichtig, weil es ein
       Riesenloch in unserer Familiengeschichte gibt“, sagt Viola, deren Vorfahren
       in Auschwitz ermordet wurden. Mit diesem Film könne sie nun zumindest eine
       Geschichte erzählen, auch wenn sie nicht die eigene ist.
       
       Regisseurin Rosalba Vitellaro kritisiert eine unzureichende
       Erinnerungskultur in ihrem Heimatland: „Ich bin der Meinung, dass Italien
       sich [für den Holocaust] entschuldigen muss.“ Es gebe im Land mehr Menschen
       mit Sympathien für den Faschismus als Antifaschisten, sagt sie. In eine
       ähnliche Richtung argumentiert Tatiana Bucci in ihrer Rede:
       „[3][Deutschland hat sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt.] Und
       wir in Italien sollten uns ebenfalls damit auseinandersetzen. Denn wir
       waren nicht ganz unschuldig.“
       
       Nach der Premiere dankt Tatiana Bucci unter Tränen dem Publikum, das mit
       Standing Ovations reagiert. Für sie ist damit eine Lebensaufgabe erfüllt
       worden.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nicholas Potter
       
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