# taz.de -- Erinnerungskultur in Italien: Dem Vergessen entrissen
> In Perugia in Umbrien gibt es seit 2024 einen Stolperstein. Er erinnert
> an eine Jüdin, die sich das Leben nahm, um der Deportation zu entgehen.
(IMG) Bild: Der bislang erste und einzige Stolperstein in Perugia erinnert an Ada Almansi Rimini
Wenn am 27. Januar der systematischen Ermordung der europäischen Juden
gedacht wird, wird es auch in Perugia eine Gedenkfeier geben. Seit zwei
Jahren gibt es dafür in der Hauptstadt der italienischen Region Umbrien
einen Ort: die Piazza Biordo Michelotti. Vor dem Haus mit der Nummer 6
liegt der bislang erste und einzige Stolperstein in Perugia.
Der Pietro d’Inciampo, wie Stolperstein auf Italienisch heißt, ist Ada
Almansi Rimini gewidmet. Sie hat hier viele Jahre gewohnt. Ihr Leben endete
am 4. Dezember 1943. Sie war 66 Jahre alt, als sie sich aus dem Fenster
ihres Wohnhauses, des Palazzo Minotti, in die Tiefe stürzte.
Ada Almansi Rimini wollte der Verhaftung und anschließenden Deportation
entgehen, die sie als Jüdin ereilt hätte. So sah es das Manifest von Verona
der Italienischen Sozialrepublik (RSI oder „Republik von Salò“) vom
November 1943 vor. Das Manifest war das Grundsatzprogramm des
faschistischen Italiens unter Diktator Benito Mussolini, das jüdische
Menschen zu Feinden erklärte und den Beginn der direkten Beteiligung an der
Shoah darstellte.
1938 lebten in Italien knapp 50.000 Jüdinnen und Juden, etwa 8.000 von
ihnen waren nach Italien geflohen – vor allem aus Deutschland. Die
italienischen und jüdischen Menschen lebten weitgehend friedlich
miteinander. Das änderte sich schlagartig, als im Oktober 1938 antijüdische
„Rassegesetze“ eingeführt wurden und das [1][Manifest schließlich für die
Eliminierung jüdischer Menschen] sorgte.
## Fast vergessen
Ada Almansi Rimini lebte unauffällig in Perugia. Damals hatte die
mittelalterliche Stadt etwa 80.000 Einwohner:innen. Bis auf Riminis
Geburtsjahr 1877 ist nichts über sie bekannt. Welchen Beruf sie ausübte, ob
sie verheiratet war, ob sie Kinder hatte oder wie lange sie schon in
Perugia lebte – über all das gibt es keine Informationen.
Fast wäre sie vergessen worden, hätte es nicht vor zwei Jahren eine
Initiative für einen Stolperstein für sie gegeben. Perugias
Stadtverwaltung, der Stolpersteinerfinder Gunter Demnig und die Federazione
Associazioni Italia Israele, ein Verband für italienisch-israelische
Beziehungen, haben dafür gesorgt, dass am 27. Januar 2024 in Perugia der
erste Stolperstein in Umbrien überhaupt verlegt wurde.
Der Pietro d’Inciampo für Ada Almansi Rimini ist so unauffällig, wie es ihr
Leben war. Auf der Piazza Biordo Michelotti etwas abseits vom historischen
Zentrum ist er in den Boden eingelassen, so wie das üblich ist für
Stolpersteine. Die meisten Menschen laufen achtlos über ihn hinweg –
vermutlich weil sie den goldenen Stein mit der Inschrift „Qui abitava Ada
Almansi Rimini“ (Hier wohnte Ada Almansi Rimini) nicht einmal bemerken.
Selbst jene, die sich den Stein ansehen wollen, müssen lange nach ihm
suchen. Während in Deutschland die Stolpersteine dicht an Häuserfronten
angebracht sind, liegt der für Almansi Rimini weiter weg vom Haus mit der
Nummer 6, auf der Straße zwischen parkenden Autos.
## Lange jüdische Geschichte
Die [2][Stolpersteininitiative] in Umbrien ist jung. Neben dem in Perugia
gibt es lediglich in Foligno, eine halbe Autostunde von Perugia entfernt,
acht weitere Stolpersteine. Sie wurden eine Woche nach der Verlegung in
Perugia in den Boden eingelassen. Gleichwohl hat Perugia eine lange und
reiche jüdische Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht.
Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die Juden und Jüdinnen allerdings
vertrieben und siedelten sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder
an. In den 1920er und 1930er Jahren studierten und lebten nicht nur in
Perugia viele Jüdinnen und Juden, sondern auch im benachbarten Assisi. Der
Geburtsort des Heiligen Franziskus ist heute ein Wallfahrtsort, der viele
Tourist:innen anzieht.
Während der deutschen Besatzung Umbriens versteckten Mönche und
Ordensschwestern etwa 300 jüdische Menschen in den Kellern unter dem Turm
der Basilika. Nachts, wenn sich die Tore der Festung schlossen, kamen sie
hervor und machten Turnübungen, um sich zu bewegen und das Leben zu spüren.
Das war hochgefährlich, denn das Gottesgelände wurde sowohl von
[3][italienischen als auch von deutschen Faschisten] streng bewacht.
So florierend das jüdische Leben in Perugia einst war, so verloren scheint
es heute. Derzeit leben nur noch wenige Jüdinnen und Juden in der Stadt,
der jüdische Friedhof wurde erst vor Kurzem wieder hergerichtet. Wer in
eine Synagoge gehen möchte, muss in größere Städte wie Rom, Neapel,
Bologna, Genua fahren.
27 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schmollack
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