# taz.de -- IT-Kollaps in Niedersachsens Justiz: Justizia ist schneeblind
> In Niedersachsen gab es nicht nur auf Straßen, Schienen und in Schulen
> Schneechaos, sondern auch in der Justiz. Serverausfälle legten Gerichte
> lahm.
(IMG) Bild: Stecken geblieben im Schnee: Bei Niedersachsens Justiz ging nichts mehr
Erst nach Tagen schälte sich das ganze Ausmaß des Desasters heraus: 18.000
Nachrichten des Elektronischen Rechtsverkehres (ERV) konnten in
Niedersachsen nicht zugestellt werden.
51 Behörden sind betroffen, 9.200 ERV-Nachrichten stecken noch immer „im
Rückstau“, wie ein Sprecher des Justizministeriums am Freitag einräumen
musste. Unklar ist immer noch, wie viele davon sensible Verfahren betrafen,
wie zum Beispiel Haftsachen oder Unterbringungen.
Dabei hatte man sich im Ministerium anfangs noch große Mühe gegeben, das
Problem kleinzureden. Wintersturm Elli hatte am 9. Januar dafür gesorgt,
dass in Niedersachsen nicht mehr viel ging: Räumdienste kamen kaum
hinterher, überall wurde der Bus- und [1][Schienenverkehr eingestellt], die
Schule fiel aus.
Jeder, der konnte, wurde dringend gebeten, zu Hause zu bleiben und dort zu
arbeiten. Das taten auch die zahlreichen Bediensteten der niedersächsischen
Justiz. Mit dem Erfolg, dass die Server angesichts des ungewohnten Ansturms
von Anfragen aus dem Homeoffice in die Knie gingen.
## Erst der Schneesturm, dann das Update
Eine Ausnahmesituation, hieß es da zunächst. Doch die [2][Klagen aus
verschiedenen Gerichten und Staatsanwaltschaften] rissen nicht ab. Noch
Tage später meldeten einzelne Gerichte Störungen im Elektronischen
Rechtsverkehr, mussten zwangsläufig auf Papier, Briefpost und sogar Fax
umschwenken. Das war nun mit einer vorübergehenden Überlastung kaum noch zu
begründen.
Tatsächlich haben sich hier verschiedene Umstände zum sprichwörtlichen
„perfekten Sturm“ zusammengebraut. Offensichtlich hatte ein fehlerhaftes
Update und möglicherweise auch die hektischen Versuche des Zentralen
IT-Betriebes, dies zu reparieren, für weitere Ausfälle gesorgt.
Sogar von möglichen Revisionsgründen wird deshalb jetzt geraunt: Denn wenn
ein Gericht urteilen muss, ohne Zugriff auf die E-Akte zu haben
beziehungsweise sicher sein zu können, dass die Akte vollständig ist – dann
könnten dadurch zentrale Rechte des Beklagten oder des Klägers verletzt
sein.
Der Schneesturm Elli traf die Justiz-IT natürlich auch zu einem höchst
sensiblen Zeitpunkt: Seit dem 1. Januar 2026 gilt offiziell überall die
E-Akte als eingeführt. Das hatte zuvor schon für mächtiges Rumoren im
Apparat gesorgt. Denn diese vom Bundesgesetzgeber vorgegebene Frist hatte
nicht nur in Niedersachsen zu Problemen geführt.
## Probleme auch in anderen Bundesländern
Auch anderswo gestaltete sich die Digitalisierung dieses Bereichs so
holprig, dass der Bund im Herbst des vergangenen Jahres die Reißleine
gezogen und eine „Opt-out“-Lösung geschaffen hatte: Wer die Frist nicht
halten kann, kann sich mit einer eigenen Rechtsverordnung ein Jahr mehr
Zeit verschaffen.
Das wollte dann aber auch fast niemand, immerhin schleppt sich [3][dieser
Prozess nun schon seit 2017 dahin]. Nur ein einziges Bundesland entschied
sich für den Aufschub – das war Sachsen-Anhalt.
Alle anderen zogen es irgendwie durch – wobei es im Januar auch in anderen
Bundesländern, zum Beispiel in Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz, zu
Problemen und Aussetzern im Elektronischen Rechtsverkehr kam.
Aber nirgends waren die so schlimm wie in Niedersachsen. Die CDU-Opposition
macht dafür den Ehrgeiz von Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD)
verantwortlich. Immerhin habe es doch im Vorfeld wiederholte und klare
Warnungen aus Gerichten und Staatsanwaltschaften gegeben, dass die
Einführung der E-Akte nicht hinreichend vorbereitet sei, sagte die
parlamentarische Geschäftsführerin Carina Hermann (CDU) der Hannoverschen
Allgemeinen Zeitung (HAZ).
## Bedenken zu leichtfertig abgetan?
Hat Wahlmann die Bedenken aus dem Justizapparat zu leichtfertig abgetan? In
früheren Landtagsdebatten hat sie gern darauf verwiesen, dass sie einen
erheblichen Nachholbedarf übernommen habe.
Das zielt natürlich auf ihre Vorgängerin Barbara Havliza von der CDU, in
deren Zuständigkeit die Digitalisierung der Justiz von 2017 bis 2022 fiel.
Wahlmann hat dagegen im aktuellen Haushalt die Mittel für die
Digitalisierung der Justiz noch einmal um 18,4 Millionen Euro aufgestockt.
Das Ministerium besteht außerdem darauf, festzuhalten, dass es sich ja um
ganz unterschiedliche Problemfelder handelt. Die Erhöhung der Kapazitäten
für das Homeoffice habe man bereits in die Wege geleitet, die Störung des
ERV habe zwischen dem 12. Januar und 21. Januar bestanden, sei mittlerweile
aber auch behoben.
Mit der E-Akte habe das überhaupt nichts zu tun, den ERV gebe es immerhin
schon seit 2022, lange vor Einführung der E-Akte. Die Störungen hätten ja
zudem nur die Arbeitsplätze im Home-Office betroffen: An den Gerichten und
in den Staatsanwaltschaften lief alles tadellos.
Vermengen hier also von Digitalisierungsprozessen frustrierte
Justizangehörige Dinge, die nicht zueinander gehören? Oder ignoriert die
Justizministerin die tatsächlichen Probleme? Das ist von außen kaum zu
durchschauen.
Immerhin gibt es bald möglicherweise einen weiteren Mitspieler, dem man die
Schuld zuschieben kann. Bund und Länder arbeiten an einer bundesweit
einheitlichen Justizcloud, die der technologischen Kleinstaaterei ein Ende
bereiten soll. Eine erste Version soll Anfang 2027 an den Start gehen. Mal
sehen, ob die winterfest ist.
26 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zugchaos-Wie-die-Deutsche-Bahn-winterfest-werden-kann/!6144986
(DIR) [2] /Justizreform-in-Schleswig-Holstein/!6098074
(DIR) [3] /Hamburg-digitalisiert-das-Recht/!5229066
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
## TAGS
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Justizministerin
(DIR) Justiz
(DIR) Schnee
(DIR) Winter
(DIR) Homeoffice
(DIR) Chaos
(DIR) Digitalisierung
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Hamburg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ein Blick auf Berlins Gehwege: Wer im Winter das Tausalz wert ist
Beim Schneeräumen zeigen Städte, wen sie schützen wollen. Die auf den
Gehwegen, vermutet unsere Kolumnistin, sind es wohl eher nicht.
(DIR) Schulschließungen wegen Winter: So kalt sollten uns Eis und Schnee nicht erwischen
Statt allzu rasch den Unterricht ins Homeoffice zu verlegen, sollten
Bildungsministerien eher überlegen, wie sie Schulwege sicherer machen
können.
(DIR) Vorbereitung auf den Schneesturm: Brot war ausverkauft
Am Vortag der befürchteten Schneekatastrophe kauften viele Menschen die
Regale leer. Der Staat empfiehlt Vorratskauf auch. Für Arme ist das
schwierig.