# taz.de -- 1.429 Tage Krieg in der Ukraine: Hurra, ich bin kein Eisblock!
> Bei Minusgraden bombardiert Russland verstärkt die Energieinfrastruktur.
> Unsere Autorin entflieht ihrer kalten Kyjiwer Wohnung – für einen Tag.
(IMG) Bild: Wie in einem eisigen Märchen: Wintertag am Kyjiwer Meer
Nach dem Aufstehen führte mein erster Gang zur Heizung. Kalt! Draußen lag
Schnee, das Thermometer zeigte minus 9 Grad.
Die ganze Nacht lang waren über Kyjiw russischen Raketen und Drohnen
geflogen. Alle zehn Minuten konnte man Explosionen hören. Deshalb hatte ich
entschieden, im Flur zu schlafen. Der nächste Schutzraum ist zu weit von
meiner Wohnung entfernt. Ich nahm also wichtige Dokumente, Telefon,
Notebook, Powerbank und das neue Kleid, das ich erst kürzlich gekauft
hatte. Wäre schade, wenn es durch russische Drohnen zerstört würde.
Gegen drei Uhr nachts las ich auf Telegram Nachrichten und sah dort, wie
Drohnen und ihre Trümmer über Kyjiwer Wohnhäuser flogen. Und in diesem
halbdämmernden Zustand schlief ich irgendwann wieder ein.
## Ohne Heizung, Strom und Wasser
Morgens ging dann die Heizung nicht mehr. Strom und Wasser waren auch weg.
Ich lag auf meinem improvisierten Nachtlager im Flur und hatte keine Lust,
den Tag zu beginnen. Und ich hatte Angst, denn es waren 17 Grad Frost
angesagt. Und dann keine Heizung! Wie kann man so überleben? In
Zeichentrickfilmen über Superhelden werden die Menschen in solchen
Situationen zur Schneeskulptur oder zum Eisblock. Und wenn es wieder wärmer
wird, tauen sie halt wieder auf und laufen weiter. Sind Ukrainer jetzt also
auch Superhelden?
Der Strom blieb den ganzen Tag über weg. Abends fuhr ich mit einer Freundin
ins Büro, um Telefon und Notebook aufzuladen. Unser Gespräch hob meine
Stimmung, gleich war alles ein bisschen leichter. Und so beschlossen wir
gemeinsam, am nächsten Tag einen kleinen Ausflug zu machen: zum
zugefrorenen Kyjiwer Meer.
Das Kyjiwer Meer ist ein Stausee – nur 60 Kilometer von der ukrainischen
Hauptstadt entfernt. Dieses Jahr gibt es hier wirklich Eis und Schnee,
darum ist der See zugefroren und hat sich in eine endlose weiße Fläche
verwandelt, fast wie in der Antarktis. In den sozialen Medien haben die
Kyjiwer das bereits zum neuen Fotospot erkoren. Und auch wir wollten uns
ein bisschen davon inspirieren lassen.
## Wie ein eisiges Märchen
Den See erreicht man nur mit dem eigenen Auto. Die meisten Busse fahren
nicht so weit raus. Die Straße war rutschig und nicht überall war geräumt
worden. Eisstücke und gefrorener Schnee lagen in der Mitte. Es war wie in
einem eisigen Märchen. In der Woche zuvor hatte es geregnet, dann kam
plötzlich starker Frost und alles vereiste quasi über Nacht: Bäume,
Sträucher, Dächer, Stromleitungen. Märchenhaft, aber auch beunruhigend –
denn vereiste Leitungen bedeuten neue Herausforderungen für die
Energieversorger. Und eine lange Zeit ohne Strom.
Eine halbe Stunde später lag die Kyjiwer Antarktis vor uns. Die Sonne
schien und daher fühlte es sich trotz der minus 13 Grad fast warm an. Viele
Menschen waren mit Schlitten und Skiern unterwegs. Sie tranken Tee aus
Thermoskannen und machten Fotos, wir auch. Und dann legten wir uns einfach
in den Schnee und schauten ein paar Minuten in den Himmel.
Für mich hält in solchen Momenten einfach die Zeit an. Der Lärm der Stadt
verstummt, Jobdeadlines verschwinden aus meinem Kopf. Aber das Wichtigste
und Schönste ist, dass man mal für eine Weile den Krieg und die Raketen
vergisst, die fliegen, um dich umzubringen.
Nach einer Stunde fuhren wir zurück. In Kyjiw dämmerte es schon, der Strom
war immer noch nicht zurück. Aber die Heizung ging wieder. Hurra, ich werde
nicht zum Eisblock! Schon ist alles etwas leichter.
Ich wärmte mich an der Heizung wie an einem Kaminfeuer. Und ertappte mich
bei dem Gedanken: Wir lernen, uns über Dinge zu freuen, die wir früher gar
nicht wahrgenommen haben. Die Wärme im Haus, das Wasser aus der Leitung,
das Licht im Zimmer – Alltägliches, das jetzt zum Ereignis wird. Und obwohl
uns der Krieg jede Nacht das Leben nehmen will, erkämpfen wir es uns
hartnäckig zurück.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
22 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Yuliia Shchetyna
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