# taz.de -- 1.448 Tage Krieg in der Ukraine: Die Schrecken russischer Gefangenschaft
       
       > Stas aus Mariupol war über drei Jahre Kriegsgefangener. Trotzdem plant
       > er, zum ukrainischen Militär zurückzukehren.
       
 (IMG) Bild: Ein Theater in Mariupol nach einem Luftangriff im März 2022
       
       „Ich habe das Angeln schon immer geliebt, egal ob im Sommer oder im Winter.
       Jetzt waren wir am Buh, der Fang war schlecht. Aber das ist nicht so
       wichtig. Angeln hilft mir, auf andere Gedanken zu kommen“, erzählt Stas.
       Eine der schönsten Erinnerungen des Matrosen aus Mariupol ist, wie er mit
       Freunden zum Knurrhahnfischen aufs Asowsche Meer gefahren ist. Die große
       Invasion 2022 erlebte er unweit von Mariupol, wo er mit der 36.
       Marineinfanteriebrigade stationiert war.
       
       Stas erinnert sich sehr genau an die Schrecken der letzten vier Jahre, die
       er größtenteils in russischer Gefangenschaft verbracht hat. [1][Erst im
       vergangenen Sommer wurde er ausgetauscht]. Schon fünfmal wurde er seitdem
       in Kyjiw und Lwiw operiert. Zurzeit ist er noch im Reha-Urlaub. Doch danach
       muss er seine Frau, seinen Sohn und seine Mutter wieder verlassen. Stas ist
       28 Jahre alt, doch das Erlebte reicht für mehrere Leben.
       
       Folter mit Elektroschocks, die Wärter zynisch „Elektrophorese“ nennen,
       tägliche Schläge bis zur Bewusstlosigkeit – die Behandlung ukrainischer
       Kriegsgefangener in Russland ist mit nichts zu vergleichen. Der gesamte
       russische Staatsapparat ist darauf ausgerichtet, den Willen der Gefangenen
       zu brechen: „Die Leute vom FSB (dem russischen Inlandsgeheimdienst; d.
       Red.) folterten uns, damit wir die Schuld für die Erschießung von
       Zivilisten in Mariupol auf uns nahmen. Als ich sagte, dass ich nicht für
       ihre Sünden geradestehen werde, wurden die Schläge noch brutaler. Einige
       von uns hielten es nicht aus und bekamen achtundzwanzig Jahre Gefängnis“,
       erzählt Stas.
       
       „Einmal haben die Russen mich so zusammengeschlagen, dass ein Bein komplett
       herunterhing, ganz schwarz war und ich mich nicht einmal darauf stützen
       konnte. Ich dachte im Krankenhaus, es würde amputiert, doch nach und nach
       erholte es sich. In der Zelle war uns alles verboten, außer den ganzen Tag
       strammzustehen. Setzte sich jemand hin oder redeten wir miteinander, begann
       sofort die nächste Prügelei“, erinnert sich der 28-Jährige.
       
       ## Beim Ausbruchsversuch aus Mariupol gefasst
       
       Stas wurde Mitte April 2022 gefangen genommen, als er versuchte, [2][aus
       dem umzingelten Mariupol zu fliehen]. Dem waren fast zwei Monate Kämpfe
       vorausgegangen, deren Chronologie ihm klar im Gedächtnis geblieben ist: Wie
       sie am 22. Februar um 5 Uhr morgens die erste russische Kolonne stoppten,
       mit Stinger-Raketen Flugzeuge abschossen, unter dem Beschuss russischer
       Schiffe aus der ersten Umzingelung bei Talakiwka ausbrachen und versuchten,
       Zivilisten zu evakuieren.
       
       Er erinnert sich auch an die Verluste seiner Kameraden: „Ich schaue mir
       Filme über Stalingrad an: In Mariupol war es schlimmer. Wir waren auf
       Stadtkämpfe vorbereitet, doch Russland setzte alles gegen uns ein,
       Luftwaffe, Flotte, die besten Einheiten, und zerstörte die Stadt
       methodisch“, erinnert er sich. „Im März flogen noch Hubschrauber mit
       Munition zu uns, aber die Kämpfe waren extrem und es fehlte an allem. Mein
       letztes Notrationspaket gab ich einem dreijährigen Jungen namens Roma,
       [3][der sich mit seiner schwangeren Mutter im Keller einer Schule
       versteckte]. Offenbar konnten sie später fliehen“, berichtet Stas.
       
       ## Lieber sterben, als in russische Gefangenschaft zu geraten
       
       Stas und seine Sturmgruppe versuchten dreimal den Durchbruch. Der letzte
       Versuch war am 12. April 2022. Nach dem Verlassen der Stadt mussten sie 120
       Kilometer zurücklegen. Am dritten Tag gerieten sie in ein Gefecht mit
       russischen Wachposten, das bis zur letzten Patrone dauerte. Auch heute ist
       sich Stas nicht sicher, ob er richtig gehandelt hat, als er die letzte
       Kugel nicht für sich behielt. Sollte er je wieder vor dieser Wahl stehen,
       würde er nicht erneut in Gefangenschaft gehen, sagt er heute.
       
       Nach mehr als drei höllischen Jahren in Russland plant Stas, zum Militär
       zurückzukehren. Solange der Krieg andauert und seine Kameraden in
       russischen Folterkammern sitzen, sieht er für sich keinen anderen Weg.
       Während der Reha-Zeit möchte er noch so viel Zeit wie möglich mit seinem
       Sohn verbringen.
       
       Der Junge ist heute 10 Jahre alt und hat die Hälfte seines Lebens ohne
       Vater verbracht. Dass dieser in Gefangenschaft war, hat man ihm bewusst
       verschwiegen. Stattdessen sagte man dem Kind: „Papa verrichtet eine
       wichtige Arbeit.“
       
       10 Feb 2026
       
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