# taz.de -- Ausstellung über DDR-Theatergeschichte: Vorhänge, die sich nie öffneten
       
       > DDR-Geschichte in Stücken und Lücken: Eine Ausstellung der
       > Ernst-Busch-Schauspielschule erinnert an Dramen, deren Premieren verboten
       > wurde.
       
 (IMG) Bild: Mit Wolf Biermanns  „Berliner Brautgang“ hätte das Berliner Arbeiter-und Studententheater b.a.t. 1963 eigentlich eröffnen sollen
       
       Die DDR-Theatergeschichte wird gerne über ihre Leerstellen erzählt. Also
       eher über das, was nicht stattfand, weil es von Staat und Partei verboten
       wurde. Das ist zwar verständlich, erzeugt aber seinerseits Leerstellen.
       Denn diese Sicht bringt meist wenig Gespür für das komplexe
       Reibungsverhältnis von Kunst und Staatsmacht mit, aus dem viele
       DDR-Künstler*innen ihre kreative Energie bezogen.
       
       Der Dramatiker und Regisseur Heiner Müller beispielsweise, der nun auch
       eine wichtige Rolle in einer Ausstellung spielt, mit der die Berliner
       Hochschule für Schauspielkunst (HfS) Ernst Busch anhand ihrer Studiobühne
       b.a.t. auf ihre DDR-Geschichte blickt. „Ausgefallene Stücke“ ist die Schau
       doppeldeutig überschrieben. Gemeinsam ist den Stücken, an denen entlang die
       Schau von 1961 bis 1989 führt, dass sie vor der Premiere verboten wurden.
       
       Es fängt mit dem „Berliner Brautgang“ an, mit dem das b.a.t. 1963 eröffnen
       sollte. „Der zwölfte August“ hatte [1][Wolf Biermann] sein Stück eigentlich
       überschrieben – nach dem Tag des Mauerbaus, aus dem es sein
       Konfliktpotenzial bezieht: Ein Arbeiter und eine Arzttochter lieben sich –
       die Eltern der Arzttochter wollen in den Westen. Der Arbeiter, wackerer
       Proletarier, der er ist, möchte sie aufhalten. Dann wird die Mauer gebaut,
       und die Sache hat sich erledigt.
       
       Im Gestus eines Brecht'schen Lehrstücks und mit Gesangseinlagen lässt das
       Drama fast kaltblütig offen, ob es sich dem Mauerbau und seinen Folgen
       gegenüber positiv oder kritisch verhält. Das Publikum, das in die Handlung
       einbezogen werden sollte, sollte schließlich selber denken und eigene
       Schlüsse ziehen.
       
       Wenn das Stück denn aufgeführt worden wäre. Doch der ganze Ansatz missfiel
       am Ende, und mit dem Verbot hatte sich auch das Projekt b.a.t. erledigt.
       Zumindest als das freie und selbstverwaltete Theater, als das es begonnen
       worden war. Für Studioinszenierungen der Schauspielschule konnte die Bühne
       weiter genutzt werden. 1974 wurde das b.a.t. dann an den neugegründeten
       Studiengang „Regie“ angebunden und offiziell Teil der Schule.
       
       Die Buchstaben b.a.t. stehen für „Berliner Arbeiter- und Studententheater“.
       So hatten die Gründer*innen Wolf Biermann und seine damalige
       Lebensgefährtin, die Pantomimin und Schauspielerin Brigitte Soubeyran, ihr
       Theater genannt. Soubeyran, eine der wenigen Regisseurinnen ihrer
       Generation, implementierte in den 1960er Jahren [2][an der
       Schauspielschule] den Studiengang „Pantomime“ und hat viele Jahrzehnte an
       der HfS unterrichtet.
       
       Gemeinsam mit etwa neunzig anderen hatten Biermann und sie Anfang der
       1960er Jahre ein altes Kino in ein Theaterhaus verwandelt, wo künftig
       Studenten und Arbeiter gemeinsam Theater machen sollten. Das war damals
       durchaus auf Linie mit der offiziellen DDR-Kulturpolitik, sollten im Zuge
       des „Bitterfelder Wegs“ schließlich Barrieren zur Hochkultur fallen,
       Theater auch in die Betriebe und zur Arbeiterschaft gebracht werden.
       Dennoch war es schließlich die SED-Parteigruppe des b.a.t., die im März
       1963 die Absetzung des Stücks und des „selbsternannten“ Intendanten Wolf
       Biermann beschloss.
       
       An Dokumenten, Fotografien und Zeitungsausschnitten macht die Ausstellung
       den Fall noch einmal nacherlebbar. Dabei verfehlen besonders die Fotos der
       jungen Hauptdarsteller*innen ihre Wirkung nicht: das schwärmerische
       Gesicht des neunzehnjährigen Schauspielstudenten [3][Jürgen Gosch], der im
       „Berliner Brautgang“ Arbeiterbräutigam Jochen spielte. Und später einer der
       bedeutendsten Regisseure seiner Zeit werden sollte.
       
       Dann der dunkle Ernst der damals gerade zwanzigjährigen Petra Hinze, die
       Arzttochter Marianne spielte. Oder das nur auf Grund eines buschigen
       Schnurrbarts einigermaßen erwachsen wirkende Babyface, das der 26jährige
       Wolf Biermann im Jahr 1963 hatte.
       
       ## Die Macht des Materials
       
       Die Ausstellung ist eine Geschichte der Lücken, die gleichzeitig von der
       Macht des überlieferten Materials erzählt. Da sind Zeitungsseiten oder
       faksimilierte Briefe, originale Ausstattungsstücke, Fotos und Modelle. Auf
       Bildschirmen kann man (teilweise in historischen Videos) Zeitzeugen von
       damals erleben.
       
       Ob die abgesagte Premiere von Barbara Honigmanns emanzipatorischem
       Kinderstück nach den Gebrüdern Grimm „Das singende und springende
       Löweneckerchen“ oder [4][Freya Kliers] Versuch, der „Optimistischen
       Tragödie“ von Wsewolod Wischniewski jeden sozialistischen Optimismus zu
       nehmen. Klier, die ihr Studium an der Hochschule nicht abschließen durfte
       und wenig später eine der Protagonisten der friedlichen Revolution des
       Jahres 1989 wurde.
       
       Die Ausstellung präsentiert aber eben nicht nur Lücken, sondern auch
       legendäre Namen des DDR-Theaters: Neben Jürgen Gosch etwa jenen berühmten
       Jahrgang, dem der große Schauspieler und Regisseur Alexander Lang,
       [5][„Solo-Sunny“ Renate Krössner], Hermann Beyer entsprangen, und Stefan
       Schütz, der 1968 sehr erfolgreich ins Schriftstellerfach wechselte.
       
       ## Durch die Westbrille
       
       Dieses Wissen muss man allerdings mitbringen. Erzählt wird das von der
       (unter anderem von der Stiftung „Aufarbeiten“ geförderte) Ausstellung
       nicht, die ein bisschen zu explizit durch die Westbrille schaut, wo
       DDR-Künstler*innen erst Interesse wecken konnten, wenn sie mit der DDR in
       Konflikt gerieten.
       
       Doch dass diese Schule trotz ihrer begrenzten Spiel- und Handlungsräume
       widerständige wie große Künstler*innen einer bedeutenden Theaterkultur
       hervorbrachte, ist eine andere, aber mindestens so wichtige Geschichte.
       
       Und auch die Geschichte des Protests der Studierenden gegen die Abwicklung
       dieser Schule nach 1990, die als Eliteschmide des DDR-Theaters kurssichtig
       denunziert, im wieder einmal Neuen Deutschland nicht mehr gewünscht war.
       Diese am Ende erfolgreichen Proteste hat damals wesentlich übrigens ein
       Regiestudent mit Westhintergrund angeführt, Thomas Ostermeier mit Namen.
       
       4 Jan 2026
       
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