# taz.de -- Blackouts durch russische Luftangriffe: Wintertage ohne Strom und Heizung in Kyjiw
       
       > Durch einen massiven russischen Luftangriff sind in Kyjiw großflächig
       > Strom und Heizung ausgefallen. Der starke Frost macht die Situation noch
       > schlimmer. 
       
 (IMG) Bild: Blackout in Kyjiw: Menschen finden Zuflucht in mobilen Wärmestationen, 12.1.2026
       
       Nadiya trägt einen Wasserkanister zu ihrem beschädigten Haus. Sie zittert
       vor Kälte. In Kyjiw sind 15 Grad unter null, in Nadiyas Wohnung gerade mal
       7 Grad plus.
       
       „Eine Shahed-Drohne hat einige Wohnungen über unserer zerstört. Solche
       Angst hatte ich echt noch nie. Menschen wurde verletzt, wir haben weder
       Strom noch Wasser oder Heizung. Seit Tagen werde ich nicht mehr richtig
       warm“, sagt die 28-jährige Verkäuferin, während sie vorsichtig einem
       Blutfleck im Schnee ausweicht. Er stammt von verletzten Nachbarn.
       
       In der Nacht zum 9. Januar hat Russland Kyjiw massiv mit Drohnen und
       Raketen beschossen. Vier Menschen kamen dabei ums Leben, 25 wurden
       verletzte, [1][in weiten Teilen der Stadt fielen Strom und Heizung aus].
       Oleksii Kuleba, Minister für die Entwicklung von Gemeinden und Gebieten,
       erklärte, dass am 10. Januar im Gebiet Kyjiw fast 60.000 Haushalte von der
       Stromversorgung abgeschnitten waren.
       
       Leben in Kälte und Dunkelheit 
       
       Schon die dritte Nacht in Folge schlafen Nadiya und ihr Mann Serhij in
       ihren Winterjacken. Die Fensterscheiben ihrer Wohnung sind durch den
       Beschuss zerborsten, die Wände haben Risse. „Wir haben die Fenster mit
       Sperrholzplatten verschlossen. Aber da war die Wohnung schon ausgekühlt.
       Unsere Telefone laden wir in dem Einkaufscenter, wo wir Trinkwasser
       kaufen“, erzählt Nadiya. Warmes Essen hatte sie seit Tagen nicht mehr, aber
       auch keinen Appetit. „Ich hätte auch tot sein können“, sagt sie und wickelt
       ihren Schal fester um sich.
       
       Die Stadtviertel auf dem linken Dnipro-Ufer haben am meisten unter den
       Angriffen auf die kritische Infrastruktur gelitten. Die großen Schlafstädte
       versinken in Dunkelheit. In einem verschneiten Innenhof zwischen grauen
       Hochhäusern weist eine Laterne den Eingang zu einem Zelt – einer mobilen
       Wärmestation. Laut brummt ein Generator. Die Rettungskräfte des staatlichen
       Katastrophenschutzes haben in der ganzen Stadt über tausend solcher
       orangefarbener Zelte aufgestellt. Innen ist es hell und warm, dort können
       sich die Menschen aufwärmen, heißen Tee trinken und ihre Telefone aufladen.
       
       Die Wut wächst 
       
       Einer von ihnen ist Andrij Kuzmenko, der mit seiner siebenjährigen Tochter
       Arina gekommen ist. Seit über vierzig Stunden haben sie zu Hause weder
       Strom noch Heizung.
       
       „Dieser Winter ist viel, viel härter als die vorherigen. Die Russen
       beschießen uns häufiger, die Blackouts dauern länger“, fasst der 37-Jährige
       seine Erfahrungen zusammen. „Man kann mit einem Kind nicht den ganzen Tag
       in der kalten Wohnung sitzen. Am schlimmsten ist es nachts“, sagt er. Sie
       würden der Tochter Wärmflaschen ins Bett legen, das Kind habe drei Paar
       Strümpfe übereinander an, erzählt Andrij, während seine Tochter mit einer
       Psychologin des Katastrophenschutzes spielt.
       
       Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko hat den jüngsten Angriff den
       „schmerzhaftesten für die kritische Infrastruktur der Hauptstadt“ genannt
       [2][und die Menschen dazu aufgerufen, die Stadt zu verlassen]. „Ich
       appelliere an die Einwohner der Hauptstadt: wenn sie vorübergehend anderswo
       unterkommen, wo es warm ist – bitte tun Sie es.“
       
       Andrij hat nur bittere Ironie für diesen Vorschlag übrig. Zu Kriegsbeginn
       habe er Kyjiw verlassen und nördlich der Stadt ausgeharrt, erzählt der
       Familienvater. „[3][Wir haben dort einen Monat unter russischer Besetzung
       gelebt] und viel Schlimmes durchgemacht“, erinnert er sich. „Deshalb
       bleiben wir jetzt zu Hause und warten darauf, dass die Stromversorgung
       wieder läuft.“
       
       Energieingenieure und Mitarbeiter der Versorgungsbetriebe arbeiten im
       Notfallmodus. Das schlechte Wetter behindert jedoch die Reparaturarbeiten.
       Trotzdem versucht man in der Hauptstadt, den Alltag der Menschen so normal
       wie möglich aufrechtzuerhalten. Die 37-jährige Natalka Asanova, der ein
       Kosmetiksalon mit Café gehört, trägt persönlich zwei schwere Generatoren
       auf die Straße und betankt sie mit Diesel.
       
       „An diesen dunklen, schweren Tagen verstehe ich, dass ich nicht nur zum
       Geldverdienen arbeite. Sondern auch, um Menschen zu unterstützen“, sagt
       sie. „Sie können bei mir Kaffee trinken. Sich die Haare waschen und
       föhnen“, erklärt Natalka, die ihren Salon sogar am Morgen nach dem schweren
       Luftangriff aufgemacht hat.
       
       Radiomoderatorin Viktoria Martschenko bekennt, dass es gerade diese
       Geschlossenheit der Kyjiwer ist, die ihr in diesen Tagen Kraft gibt. „Die
       Russen versuchen mit diesen Angriffen, uns zur Kapitulation zu zwingen.
       Deshalb haben sie mit Beginn der Kältewelle noch stärker zugeschlagen. Sie
       hoffen, dass die friedliche Bevölkerung aufgrund des Stromausfalls die
       Regierung auffordern wird, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen“, ist sie
       überzeugt.
       
       „Aber jedes Mal werden wir nur wütender und noch motivierter
       durchzuhalten“, sagt Viktorija, die aufgrund des Stromausfalls zwei Zimmer
       in ihrer Wohnung nicht mehr benutzen kann und nun mit Mann und Katze in dem
       einzigen Zimmer lebt, das sich noch irgendwie ein bisschen beheizen lässt.
       
       Aus dem Ukrainishcen Gaby Coldewey
       
       13 Jan 2026
       
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