# taz.de -- Ukrainische Autorinnen über ihren Alltag: Den Winter überstehen
> Russland hat weite Teile der ukrainischen Energie-Infrastruktur zerstört.
> Zwei Autorinnen schildern, wie sie bei Minusgraden leben und arbeiten.
(IMG) Bild: Schauplatz eines russischen Drohnenangriffs von Januar in Kiew
## Iya Kiva aus Lwiw
Der Winter in der Ukraine dieses Jahr ist märchenhaft, wie in meiner
Kindheit [1][im Donbass.] Frost, Schnee und viel, viel Schnee. Wäre da
nicht die militärische Aggression Russlands, würden die Ukrainer jetzt ihre
Zeit draußen verbringen und Schneemänner bauen. Sie würden in ihren
Innenhöfen Schlittschuhbahnen anlegen, wie auf den Gemälden von Pieter
Bruegel, Schneeballschlachten veranstalten und ihre Kinder auf Schlitten
durch die Straßen ziehen.
Aber während unsere Nachbarn in Europa das Recht auf ein Märchen haben,
behütet durch den nuklearen Schutzschild der NATO, haben die Ukrainer das
uneingeschränkte Recht auf die Hölle – die eisige Hölle des russischen
Versuchs, uns mit Kälte und Angst zu demütigen und [2][zu Tode zu frieren.]
Denn in den vergangenen vier Jahren hat Russland gezielt die zivile
kritische Infrastruktur angegriffen, die den Menschen so basale Dinge wie
Strom, Wärme, Wasser und Gas in ihre Häuser liefert. Ohne diese
grundlegenden Annehmlichkeiten der Zivilisation sind unsere Häuser bloß
Beton- und Ziegelkästen.
Die Ukrainer, die sich nach dem Übergang des russisch-ukrainischen Krieges
in eine vollumfängliche Phase im Februar 2022 dafür entschieden haben, in
der Ukraine zu bleiben, haben sich trotz der ständigen Gefahr des Todes aus
der Luft dafür entschieden, zu Hause zu bleiben – weil zu Hause sogar die
Wände helfen, wie man bei uns sagt.
Aber jetzt funktioniert diese alte Volksweisheit nicht mehr. Die
durchgefrorenen und ausgekühlten Mauern in Kyjiw, Charkiw, Dnipro, Odesa
und vielen anderen Orten der Ukraine bieten keinen Schutz mehr, sondern
sind zum letzten Zufluchtsort für Würde, Freiheit und Menschlichkeit
geworden.
In der ukrainischen Denkweise ist alles, was der liebevolle Blick der
Fürsorge berührt, lebendig. Vor allem nach dem 20. Jahrhundert, mit all
seinen Kriegen, der stalinistischen und nationalsozialistischen Besatzung,
den Völkermorden und Deportationen, den Repressionen und dem Terror, die
wie ein Sturm über das ukrainische Land hinwegfegten. Vor allem nach 2014,
als Russland mich und Millionen anderer Ukrainer aus Donezk, Luhansk und
der Krim zu Kriegsflüchtlingen innerhalb des Landes gemacht hat. Ein
Zuhause für Ukrainer bedeutet nicht Komfort, ein Zuhause für Ukrainer
bedeutet das Recht auf Raum für Liebe.
Russland kann die ukrainische Liebe nicht zerstören. Es verfügt nicht über
Raketen, die dazu in der Lage wären. Aber immer wieder den Krieg aus der
Kampfzone in die Häuser von Zivilisten zu tragen, das tut Russland mit dem
Zynismus eines Raubtiers. Denn dort, wo das Völkerrecht endet, beginnt die
Barbarei.
Was passiert in der Ukraine, wo die Menschen in vielen Städten seit fast
zwei Wochen ohne Heizung, Strom, Gas und Wasser in einem der härtesten
Kriegswinter leben? Besitzer von Cafés und Supermärkten richten Plätze für
streunende Tiere ein. Menschen eröffnen Nachbarschaftschats und laden
Bekannte und völlig Fremde zu sich ein, solange sie selbst zu Hause Wasser,
Wärme und Strom haben, damit sie sich dort waschen und aufwärmen können.
Die Menschen teilen ihre Rezepte zum Überleben unter unmenschlichen
Bedingungen, geben warme Kleidung an diejenigen weiter, die sie dringender
als sie benötigen.
Die ukrainische Widerstandsfähigkeit ist ein kulturelles Markenzeichen. Ich
würde mir jedoch wünschen, dass unsere europäischen Nachbarn sich des
Preises dafür bewusst werden. Die Erfahrungen, die wir derzeit machen,
werden zu chronischen Krankheiten führen, die sich erst später bemerkbar
machen werden.
Nicht alle ukrainischen Kinder werden diesen Winter überleben, denn ihre
schwachen Immunsysteme haben noch nicht gelernt, der russischen Aggression
zu widerstehen. Nicht alle alten Menschen, Menschen mit Behinderungen und
einfach nur einsame Menschen werden diesen Winter überleben. Nicht alle
Häuser, auch wenn sie äußerlich unbeschädigt bleiben, können wieder in
einen bewohnbaren Zustand zurückversetzt werden. Ganz zu schweigen davon,
was aufgrund von Stromausfällen in Krankenhäusern, Operationssälen und
Intensivstationen geschieht.
Die menschlichen Opfer, die durch die Kältewelle bedingt werden, lassen
sich kaum beziffern. Nicht jeder Tod, der in diesem Winter durch das
Vorgehen Russlands verursacht wird, wird Anlass für eine
Gerichtsverhandlung in Den Haag sein oder auch nur in den Nachrichten
erscheinen. Aber wir Ukrainer werden immer noch getötet. Wir benötigen
weiterhin freiwillige Helfer der Menschlichkeit und Generatoren, allen
voran aber Waffen und Luftabwehr. Denn dort, wo die ukrainische Frontlinie
endet, beginnt die gewöhnliche Banalität des Bösen. In diesem Jahr ist sie
eisiger denn je.
## Iryna Tsilyk aus Kyjiw
Ich schreibe diesen Text auf einem Laptop mit nahezu leerem Akku – mein
Ecoflow-Stromspeicher ist endgültig ausgegangen und damit auch die
Möglichkeit, etwas aufzuladen. Kerzen flackern gemütlich im dunklen Raum,
ich bin wie ein Kohl in mehrere Schichten Kleidungsstücke gehüllt und sitze
unter zwei Decken, denn auch die Heizung ist schon seit geraumer Zeit
ausgefallen. Diese Beschreibung vermittelt wahrscheinlich ein ziemlich
apokalyptisches Bild, aber nein – bei mir zu Hause gibt es heute Wasser und
Gas! Glauben Sie mir, ich gehöre zu den Glücklichen.
Ich lebe in Kyjiw und muss zugeben, dass dieser Winter sehr schwierig ist.
In den vergangenen Jahren haben die Russen ebenfalls ihr Bestes versucht,
um ukrainische Heizkraftwerke zu zerstören, um die ukrainische
Zivilbevölkerung zu demoralisieren. Aber die milden europäischen Winter
haben uns in die Hände gespielt. Jetzt ist alles anders. Ich kann mich
nicht erinnern, wann wir das letzte Mal einen so schneereichen und
atemberaubend schönen, aber auch frostigen Winter hatten.
Kyjiw ist eine Millionenstadt, deren Rhythmus und Lebensstil sich trotz des
Krieges nicht so sehr von denen vieler anderer Hauptstädte unterscheiden.
Aber wenn die Außentemperatur lange Zeit bei -15 bis -20 Grad bleibt und
Tausende von Wohnhäusern ohne Heizung, Strom und manchmal auch ohne
Wasserversorgung sind, wird das zu einem ernsthaften Problem: Rohrleitungen
platzen, Wände gefrieren. Die Straßen der Stadt klingen wie endlose
Symphonien von Generatoren, die Menschen kaufen Kanonenöfen und tragbare
Gasherde, und Häuser mit Kaminen werden zu einem besonderen Schatz.
Natürlich ist die ukrainische Hauptstadt zu groß, um homogen zu sein. Hier
ist [3][alles sehr unterschiedlich.] Manchmal scheint es, als sei es reine
Glückssache, bestimmte Vorteile zu haben. Vor nicht allzu langer Zeit gab
es noch Zeitpläne für die Stromversorgung, und das war praktisch – man
konnte sich vorbereiten und seinen Tagesablauf planen. Aber jetzt weiß man
nie, wie die Karten jeden Tag aufs Neue gemischt werden und wer Wasser,
Strom und Wärme bekommt. Ein Royal Flush, alles auf einmal, kommt nur
selten vor.
In den sozialen Netzwerken konnte man viele aufmunternde Videos sehen, in
denen die Einwohner Kyjiws in ihren verschneiten Innenhöfen Picknicks und
Open-Air-Partys veranstalten. Das ist inspirierend. Aber es ist sehr
wichtig, sich an die Menschen zu erinnern, die im Verborgenen bleiben – an
die Alten und Einsamen, an die Schwangeren, an Eltern mit Babys, an
Palliativpatienten, die auf die Arbeit von Sauerstoffkonzentratoren
angewiesen sind.
Alle jungen und gesunden Menschen werden Thermounterwäsche anziehen, neue
Aufwärmpunkte einrichten, ein noch perfekteres System der gegenseitigen
Unterstützung aufbauen, diesen Winter überleben und noch wütender,
hartnäckiger und stärker aus ihm hervorgehen. Aber werden die Schwächsten
bis zum Frühling überleben?
Diese Frage ist schmerzhaft. Nie zuvor habe ich die
Langzeit-Wettervorhersage so aufmerksam verfolgt wie jetzt. Und ich habe
viele gemischte Gefühle. Neulich war ich bei einem Konzert in der
unbeheizten Kyjiwer Philharmonie, wo alle Gäste in Winterjacken gehüllt und
sogar in Handschuhen saßen. Mehrere Sirenen unterbrachen das Konzert, aber
niemand ging. Ich saß da, hörte die schöne Musik von Borys Ljatoschynskyj
und weinte.
Plötzlich tat mir unser aller Schicksal so sehr leid. Aber gleichzeitig
empfand ich auch große Dankbarkeit – sowohl gegenüber den Menschen in
meiner Nähe als auch gegenüber allen anderen Ukrainern außerhalb des Saals.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass die meisten von uns überleben werden.
Und wer weiß, in welcher Welt wir uns im Frühjahr wiederfinden. Die
Weltordnung verändert sich allzu schnell, das Recht des Stärkeren tritt in
Kraft und eine weitreichende Lawine der Gewalt nähert sich. Aber es
scheint, dass uns Ukrainer nichts mehr überraschen kann. Und dann, sobald
wir unsere Geräte ein wenig aufgeladen haben, werden wir unsere
vielschichtigen Erfahrungen des ständigen Überlebens und Widerstands mit
den anderen teilen.
24 Jan 2026
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