# taz.de -- Davos und der Krieg in der Ukraine: Kalte Schulter für die Ukraine
       
       > Der Ukrainekrieg spielt in Davos kaum eine Rolle. Präsident Selenskyj
       > reiste zunächst gar nicht in die Schweiz. Russland intensiviert seine
       > Angriffe.
       
 (IMG) Bild: Zumindest er ist da: Kyrylo Budanow, Leiter des ukrainischen Präsidentenamtes, soll in Davos Gespräche mit den USA führen
       
       [1][Donald Trumps sprunghafte Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos]
       hatte zumindest eine gute Sache: Er kam auch auf den Krieg in der Ukraine
       zu sprechen. „Es ist ein Blutbad dort und ich will, dass es endet“, sagte
       der US-Präsident. Zwar müssten vor allem die Nato und Europa Verantwortung
       übernehmen, doch Trump betonte, er setze sich weiter für ein Ende des
       Krieges ein – aus Mitgefühl für die Menschen. „Sie sind jung. Junge
       Menschen wie ihr. (…) Sie ziehen in den Krieg, ihre Eltern sind so stolz.“
       Zwei Wochen später seien sie tot. Genau deshalb wolle er den Krieg beenden.
       
       Mit Sorge blickte man in Kyjiw vorab auf den Gipfel in Davos. Es zeichnete
       sich ab, dass dort viele Themen auf der Agenda stehen, der Krieg gegen
       Russland aber eine Nebenrolle spielen würde.
       
       [2][Für die europäische Politik scheint es derzeit wichtiger, Präsident
       Trump davon abzubringen], Grönland unter amerikanische Kontrolle zu bringen
       und Strafzölle gegen acht europäische Länder zu verhängen. Der Krieg in der
       Ukraine gerät dabei immer mehr ins Abseits.
       
       Trump kündigte in seiner Rede ein Treffen mit dem ukrainischen Staatschef
       Wolodymyr Selenskyj noch am Mittwoch an. Er glaube, dass dieser einen Deal
       machen wolle, sagte er. Doch ob dieser überhaupt vor Ort sein werde, war
       unklar. Selenskyj selbst hatte bereits am Dienstag angekündigt, dass er
       wegen der andauernden russischen Angriffe aus der Luft viel im eigenen Land
       zu tun habe und deswegen nur in die Schweiz reisen werde, wenn es ein
       unterschriftsreifes Dokument gebe oder weitere Hilfszusagen etwa zur
       Lieferung von Flugabwehrwaffen. Beobachter vermuten, die ukrainische
       Diplomatie habe es nicht geschafft, ein Treffen zwischen Selenskyj und
       Trump zu arrangieren.
       
       ## Gespräche zwischen Ukraine und USA auch in Davos
       
       Die Verschiebung der diplomatischen Agenda, so die angesehene Zeitung
       Dserkalo Tyschnja, sorge in Kyjiw und europäischen Hauptstädten für
       zunehmende Frustration: „In der Ukraine herrscht ein echter Krieg gegen
       Russland. Grönland lenkt von dem ab, worüber wir eigentlich sprechen
       sollten“, zitiert die Dserkalo Tyschnja den norwegischen Außenminister
       Espen Barth Eide. „Es wäre gut, sich auf den realen Krieg zu konzentrieren,
       der gerade stattfindet.“
       
       Der transatlantische Streit trifft die Ukraine zu einem denkbar schlechten
       Zeitpunkt. Russland verstärkt seine Raketen- und Drohnenangriffe auf die
       ukrainische Energieinfrastruktur – [3][mitten im kältesten Winter seit
       Jahren]. Zwar sollen Gespräche zwischen ukrainischen und US-Vertretern in
       Davos weitergehen, doch bisher gibt es nur vage Pläne für ein Abkommen über
       „wirtschaftlichen Wohlstand“ zwischen Washington und Kyjiw, das eigentlich
       diese Woche unterzeichnet werden sollte.
       
       In der Ukraine gibt es unterschiedliche Bewertungen von Selenskyjs
       wahrscheinlichen Absage einer Teilnahme am Davos-Wirtschaftsgipfel. Sofina
       Fedina, Abgeordnete der oppositionellen Europäischen Solidarität, zweifelt
       an Selenskyjs Begründung, er bleibe wegen der angespannten Energiesituation
       im Land. Selenskyj werde doch nicht etwa selbst Reparaturmaßnahmen
       durchführen, schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite. Außenpolitik sei nun
       mal Chefsache. Gerade jetzt vor dem Hintergrund von Trumps Erklärungen zu
       Grönland.
       
       Auch Irina Heraschtschenko, ebenfalls Abgeordnete der Europäischen
       Solidarität, kritisiert Selenskyjs Entscheidung. In Davos gehe es nicht nur
       um Trump, betont sie. Der Gipfel hätte zahlreiche wichtige Gespräche
       ermöglicht. Vor allem hätte Selenskyj die Gelegenheit gehabt, die Welt
       erneut auf die gezielte Folter der Zivilbevölkerung durch Kälte infolge
       russischer Angriffe hinzuweisen. Davos wäre der ideale Ort gewesen, um
       Partner zu härteren Sanktionen und mehr Unterstützung im Energiesektor zu
       drängen.
       
       ## Politologe: Ukraine werde nicht vergessen
       
       Stattdessen, so Heraschtschenko, wirke die ukrainische Außenpolitik wie ein
       unkoordiniertes Pendel. Mal veranstalte man laute, aber ergebnislose
       „Friedensgipfel“, mal ignoriere man die wichtigsten internationalen Foren.
       Zwar sei es gut, dass mit Kyrylo Budanow, Chef von Selenskyjs
       Präsidialadministration, und einer Delegation Vertreter der Ukraine in
       Davos seien. Doch Selenskyjs persönliche Anwesenheit hätte mehr Gewicht
       gehabt.
       
       Der Politologe Wolodymyr Fesenko sieht die Sache gelassener. Angesichts der
       aktuellen Themenlage stehe die Ukraine nicht oben auf der Prioritätenliste.
       Der Krieg sei aber ein langfristiger Konflikt, und eine schnelle Lösung sei
       nicht in Sicht. Dennoch werde die Ukraine nicht vergessen.
       
       Schließlich werde ja in Davos auch über die Ukraine verhandelt, so Fesenko.
       So sei dort die gesamte ukrainische Verhandlungsdelegation, die zuvor
       Gespräche in den USA geführt habe vor Ort. Gleichzeitig sei auch der
       russische Sondergesandte Kirill Dmitrijew in der Schweiz. Davos bleibe ein
       zentraler Schauplatz für diplomatische Kontakte zur Ukrainefrage.
       
       Die ukrainische Bevölkerung, so Fesenko, hätte es kaum verstanden, wenn
       Selenskyj inmitten der schwierigen Lage seines Landes in die Schweiz
       gereist wäre. (mit dpa)
       
       21 Jan 2026
       
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