# taz.de -- Pflegebedürftige Geflüchtete in Berlin: Endlich ein fast normaler Alltag
       
       > Für besonders schutzbedürftige Geflüchtete gibt es nur wenige
       > Unterkünfte. Im Refugium im Wedding ist man auf pflegebedürftige Senioren
       > eingerichtet.
       
 (IMG) Bild: Ein Zimmer im Refugium, eine Vertragseinrichtung des LAF für besonders schutzbedürftige Geflüchtete
       
       Einen Rollator vor sich herschiebend betritt Tatjana R. den
       Besprechungsraum der Gemeinschaftsunterkunft „Refugium“. Die 70-jährige
       Ukrainerin, die nur mit ihrem Vornamen in der Zeitung stehen will, ist in
       Begleitung des Hausmeisters, der kurzfristig für die Sprachmittlung
       eingesprungen ist. Erst seit drei Tagen lebt sie hier, erzählt sie, doch
       ihre Flucht nach Berlin vor dem russischen Angriffskrieg liegt bereits zwei
       Jahre zurück.
       
       Zwei Jahre lang war alte Dame unter katastrophalen Bedingungen in der
       Notunterkunft in Tegel untergebracht, die zum Ende des Jahres geschlossen
       wurde. Ihr erster Eindruck von ihrem neuen Zuhause? „Es ist ruhig, sauber
       und ich kann selbst kochen“, sagt sie und fügt hinzu: „Es ist alles da, was
       man braucht.“
       
       Kurz darauf führt sie in das rund 16 Quadratmeter große Zimmer, das sie
       sich mit einer Freundin aus Tegel teilt, die ebenfalls aus der Ukraine
       geflohen ist. Am Ende der Betten stehen Koffer und ein eingeklappter
       Rollstuhl. Außerdem ist im Zimmer Platz für einen Kleiderschrank, eine
       Kommode, einen kleinen Kühlschrank sowie einen Tisch, auf dem die Frauen
       Küchenutensilien platziert haben. Hinzu kommt ein barrierefreies,
       behindertengerechtes Badezimmer; in der kabinenlosen Dusche steht ein
       aufgeklappter Wäscheständer. Die Seniorin kichert beim Anblick: „Wir nutzen
       den Platz so gut es geht.“
       
       ## Der älteste Bewohner ist 89 Jahre alt
       
       Das Refugium im Berliner Stadtteil Wedding ist eine Vertragseinrichtung des
       Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) für besonders
       schutzbedürftige Geflüchtete. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem
       unbegleitete Minderjährige, Menschen mit Behinderungen, schweren oder
       chronischen Erkrankungen, ältere Menschen, Alleinerziehende, Schwangere
       sowie LSBTI-Personen.
       
       Träger der Einrichtung ist die Paul Gerhardt Stift Soziales gGmbH, die auf
       demselben Gelände auch ein Seniorenzentrum, ein Stadtteil- und
       Familienzentrum und eine Kita betreibt – und zudem einen Pflegedienst hat.
       Da auch das Refugium diesen Pflegedienst nutzen kann, ist die Unterkunft
       besonders für ältere, kranke und pflegebedürftige Schutzsuchende attraktiv.
       
       Das Refugium hat eine Kapazität von 294 Plätzen, von denen derzeit 280
       belegt sind. Unter den Bewohner*innen sind 71 Personen im Alter von 65
       Jahren oder älter, von denen ein großer Teil pflegebedürftig ist oder eine
       Behinderung hat; der älteste Bewohner ist 89 Jahre alt. Ungefähr „ein
       Drittel der Bewohnerinnen kommt aus der Ukraine“, sagt Stefanie Tepie Tame,
       eine der zwei Einrichtungsleiterinnen. „Im Zuge der Schließung von Tegel
       sind vor allem ältere Menschen aus der Ukraine zu uns gekommen.“
       
       Tatjana R. ist eine von rund 4.800 ukrainischen Schutzsuchenden in Berlin,
       die älter als 60 Jahre sind und aufgrund ihres Alters, einer Behinderung
       oder einer Erkrankung sozialhilfeberechtigt sind. Das heißt: Neben der
       Hilfe zum Lebensunterhalt und der Grundsicherung haben sie auch Anspruch
       auf Gesundheits- und Pflegeleistungen.
       
       ## Ein knappes und umkämpftes Gut
       
       Während Geflüchtete aus nicht-europäischen Ländern in der Altersgruppe 60
       plus, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen, in
       Berlin nur etwa 3,4 Prozent der Gesamtzahl ausmachen, stellen
       Senior*innen aus der Ukraine eine deutlich größere Gruppe dar. Das geht
       aus einer Anfrage der Berliner Grünen-Politikerin Catrin Wahlen vom August
       vorigen Jahres an die Senatsverwaltung für Soziales hervor, die die
       spezifische Unterbringungs- und Versorgungssituation älterer geflüchteter
       Menschen in Berlin thematisiert.
       
       In einer alternden Gesellschaft ist Pflege ein ebenso nachgefragtes wie
       knappes und umkämpftes Gut und betrifft Menschen mit und ohne Flucht- und
       Migrationsgeschichte gleichermaßen. Sie alle sind auf eine ausreichende und
       funktionierende Pflegeinfrastruktur mit ausgebildetem Fachpersonal
       angewiesen. Wer Pflege benötigt, muss sich zudem durch ein Dickicht aus
       Bürokratie kämpfen. Fehlendes Wissen, Sprachbarrieren und Diskriminierung
       stellen zusätzliche Zugangsbarrieren zu professioneller Pflege dar, die vor
       allem Geflüchtete und Menschen mit Migrationsgeschichte betreffen.
       
       „Ältere Menschen mit Migrationsgeschichte sind die am stärksten wachsende
       Bevölkerungsgruppe in Berlin“, heißt es von der Senatsverwaltung für
       Wissenschaft, Gesundheit und Pflege heißt es. Eine Fachstelle für
       Migration, Pflege und Alter (FaMiPA) befinde sich derzeit im Aufbau.
       
       Dass Pflege eine große Herausforderung ist, erlebt auch das Team des
       Refugiums. Es besteht aus Fachkräften der Sozial-, Kinder- und
       Jugendarbeit, der Verwaltung und Haustechnik und einem Psychologen. „Der
       steigende Pflegebedarf kommt zusätzlich zur Sozialberatung hinzu und stellt
       einen enormen Arbeitsaufwand dar“, sagt Tepie Tame.
       
       Das Konzept des Refugiums stützt sich auf zwei Säulen: Zum einen die
       weitestgehende Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Bewohner*innen,
       zum anderen ein festes Beratungs- und Betreuungsangebot. Wie Tatjana R. und
       ihre Freundin leben die Bewohner*innen in separaten Wohneinheiten mit
       eigenem Badezimmer. Sie kaufen selbstständig ein und versorgen sich in den
       Gemeinschaftsküchen.
       
       ## Einen normalen Alltag ermöglichen
       
       „Einige, die aus Tegel hierherkommen, weinen erstmal kurz, wenn sie unsere
       Zimmer sehen“, sagt Tepie Tame. Denn die Selbstbestimmung und Privatsphäre,
       die sie im Refugium erfahren, stehen im starken Kontrast zur früheren
       Massenunterkunft. Den Bewohner*innen einen möglichst normalen Alltag
       ermöglichen, darum gehe es. Altersbedingt oder aufgrund einer Behinderung
       haben manche einen erhöhten Unterstützungsbedarf. Doch fest steht auch:
       „Wir haben nicht die Betreuungsstrukturen eines Pflegeheims“, erklärt
       Einrichtungsleiterin Judith Drews. Ab einem bestimmten Punkt müsse auch ein
       Wechsel in ein Pflegeheim in Betracht gezogen werden, etwa bei schwer
       dementen Personen.
       
       In der Sozialberatung erhalten die Bewohner*innen Unterstützung bei der
       Beantragung von Leistungen, bei der Kommunikation mit Ämtern und Behörden
       sowie bei der Vermittlung in spezialisierte Hilfseinrichtungen. Zudem gibt
       es psychologische Beratung und ein pädagogisches Angebot für Kinder und
       Jugendliche. Jede*r Bewohner*in bekommt außerdem eine*n
       Bezugsbetreuer*in zugeteilt.
       
       Gleichzeitig ist das Team des Refugiums auf ehrenamtliche Unterstützung
       angewiesen, etwa für die Sprachmittlung oder die Begleitung zu Arzt- und
       Behördenterminen. „Wenn sich keine ehrenamtliche Begleitung findet, geben
       wir den Bewohnern oft einfach ein Begleitschreiben mit“, so Drews.
       
       Beim Thema Pflege setzt das Refugium auf Kooperationen, unter anderem mit
       den Pflegestützpunkten der Bezirke und den „Interkulturellen
       Brückenbauer*innen in der Pflege“. Diese vom Land geförderte Initiative
       bietet muttersprachliche und kultursensible Beratung und Begleitung für
       ältere und pflegebedürftige Menschen mit Migrationsgeschichte an und
       unterstützt unter anderem bei Pflegebegutachtungen.
       
       ## „Genug ist es noch nicht“
       
       „Es tut sich was“, sagt auch Clémentine Cordier vom Berliner Zentrum für
       Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, einer Fachstelle, die unter
       anderem besonders schutzbedürftige Geflüchtete unterstützt. Pflege bei
       älteren und behinderten Geflüchteten sowie Migrant*innen erfahre
       inzwischen mehr politische Aufmerksamkeit. Initiativen wie die
       Interkulturellen Brückenbauer*innen bewertet Cordier als Schritt in die
       richtige Richtung. Doch für sie steht auch fest: „Genug ist es noch nicht.“
       
       Zudem werde das Projekt „Lotsen Berlin“ eingestellt, das mit der Beratung
       und Vermittlung von unterstützten Wohnungsangeboten für Menschen mit
       Behinderung dazu beigetragen hat, dass ältere Geflüchtete
       Gemeinschaftsunterkünfte verlassen konnten, kritisiert Cordier.
       
       Außerdem fehle es an Gemeinschaftsunterkünften mit Wohngruppenstruktur, in
       denen auch alleinstehende ältere Geflüchtete sozialen Anschluss finden und
       von einem Pflegedienst versorgt werden können. Denn die Tatsache, dass
       Pflege oft innerhalb der Familie gestemmt wird, treffe zwar auf Geflüchtete
       mit Familienanschluss zu, doch „für alleinstehende ältere geflüchtete
       Menschen fällt dieser Halt weg“, so Cordier.
       
       Auch Einsamkeit unter Bewohner*innen ohne Familie ist im Refugium ein
       Thema. Wichtig sei es daher, „Verbindungen zu schaffen“, sagt Tepie Tame,
       etwa durch Gemeinschaftsräume oder Aktivitäten wie ein
       Bewohner*innenfrühstück oder eine Weihnachtsfeier. Tatjana R. lebt
       ebenfalls ohne familiären Anschluss in Berlin. Ihr Sohn und ihre
       Schwiegertochter sind inzwischen in die Ukraine zurückgekehrt.
       
       2 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nina Schieben
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Minderjährige Geflüchtete
 (DIR) Schwerpunkt Antifa
 (DIR) Grundschule
       
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