# taz.de -- DDR-Fotografie von Thomas Hoepker: Aufbruch und Verdämmern
> Der westdeutsche Fotograf Thomas Hoepker dokumentierte Leben in der DDR
> in Farbe. Eine Ausstellung in Berlin zeigt Fotografien von 1972 bis 1990.
(IMG) Bild: „Zwei Kohlenmänner bringen Braunkohle zu den Wohnungen im Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, 1974“
Ein Bild, das aus dem Rahmen fällt, eine Installation aus Ballsaal und
Schichtarbeit: In der Berliner Oranienburger Straße stehen zwei
Kohlenmänner unter einem Kronleuchter, treffen sich schwarzer Staub und
geschliffenes Glas unter einem Dach. Die rußigen Gesellen hat der Fotograf
Thomas Hoepker 1974 bei der Anlieferung ihrer heiß begehrten Ware im
Ostberliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg festgehalten; der Deckenleuchter
gehört zu dem Restaurant, in dessen Nachbarraum der Fotobuchverlag
Buchkunst Berlin jetzt eine Auswahl von Hoepkers Fotografien aus der DDR
der Jahre 1972 bis 1990 zeigt.
„East Germany Colour Works“, der Titel der Ausstellung deutet bereits das
Besondere an: Die „arbeiterliche Gesellschaft“ DDR, wie sie [1][der
Soziologe Wolfgang Engler] nennt, wird nicht in Schwarz-Weiß-, sondern in
Farbfotografien gezeigt. Das macht die DDR nicht zu einem verlorenen
Paradies, doch taugen Hoepkers Bilder weder zu leichtfertiger Denunziation
noch zu schwermütiger Verklärung. Sie zeigen Aufbruch und Verdämmern.
Thomas Gust, der Kurator, betreibt gemeinsam mit seiner Partnerin, der
Galeristin und Verlegerin Ana Druga, Buchkunst Berlin. Er kommt aus
Bautzen, der südöstlichen Ecke der DDR nahe Polen und Tschechien. Die
Ausstellung ist ihm, der selbst als Fotograf arbeitet, eine
Herzensangelegenheit, so, wie er durch den Raum führt und auf ein anderes
Motiv hinweist: Ein Quintett Jugendlicher versammelt sich auf Simson-Mopeds
an einem historischen Grenzstein.
Es ist das Jahr 1975; noch oder bald ist Winter, lässt die Kleidung der
Gang vermuten; Pudelmützen und Anoraks rauchen und besprechen sich, es
könnte um den Abend oder die Richtung gehen. Für Thomas Gust wird diese
Stelle im Sorbischen zu einem Wallfahrtsort seiner persönlichen Kirche von
unten werden: In der Nähe besucht er regelmäßig und linienuntreu eine
[2][Punkdisko].
Gust ist Jahrgang 1972. Im selben Jahr fotografiert sein Namensvetter
Thomas Hoepker Familien, die der Mauerbau 1961 getrennt hatte und die sich
jetzt infolge des Viermächteabkommens, das Westberlinern die Einreise in
den Ostteil und die DDR erlaubte, wiedertreffen können. Die
Wiedersehensfreude und die Momente herzlicher Kollektivität sind spürbar.
Reportagen für den Stern
Zwei Jahre darauf zieht [3][der Fotograf], er hat sich beim Stern in
Hamburg einen Namen gemacht, als technischer Angestellter seiner Frau Eva
Windmöller nach Ostberlin. Sie ist Journalistin und wird in mehreren
Stern-Reportagen ohne Schaum vor dem Mund über den Alltag und die Rituale
der DDR berichten, er die Bilder dazu liefern.
Eines davon zeigt ein Pärchen am Rande einer Flugschau 1974 in Magdeburg.
Das Foto ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Es belegt den fast schon
traumwandlerischen und dabei sicheren Umgang Hoepkers mit Farben. Man
könnte meinen, Hoepker habe nur wegen der fantastischen Gelb- und Grüntöne
den Auslöser getätigt, was natürlich nicht stimmt. Das Foto erzählt mehr.
Der olivfarbene Lkw, vor dem die beiden sitzen, ist ein W50. Das Fahrzeug
ist in der DDR allgegenwärtig und dient zum Milch- wie zum
Gefangenentransport. In den Achtzigerjahren wird der W50 in den Irak und
den Iran exportiert werden, an beide Seiten des Golfkriegs. Soviel zum
proletarischen Internationalismus.
Die hellgrüne Uniform des jungen Mannes ist eine der Gesellschaft für Sport
und Technik, eine vormilitärische Massenorganisation der DDR. Ihr Träger
macht einen reichlich unmilitärischen Eindruck, seine Freundin hat sich in
ziviles Siebzigerjahregelb geworfen. Annette und Axel Heinemann werden
heiraten und im Januar 2026 Goldene Hochzeit gefeiert haben.
Ihr privilegierter Moment, ein Kuss inmitten eines Volksfestes im Dienst
der Militärwerbung, ist jetzt das Coverfoto des Ausstellungskatalogs. Sie
kommen zur Finissage.
23 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Robert Mießner
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