# taz.de -- Umgang mit Trauer in der Ukraine: Wo der Verlust das Leben bestimmt
> Seit Krieg herrscht, ist das Sterben alltäglich geworden.
> Trauerbegleitung, digitale Erinnerungsorte und „Death Cafés“ helfen
> Hinterbliebenen.
(IMG) Bild: Das Fahnenmeer auf dem Maidan in Kyjiw ist derzeit schneebedeckt. Hier ist ein zentraler Trauerort entstanden
Von draußen hört man das Geratter der Generatoren, während Darja Bondar
drinnen im Café [1][in Kyjiw] von ihrer Arbeit erzählt. Die
Notstromversorgung ist in diesem vierten Kriegswinter überlebenswichtig
geworden. Den Menschen ist kalt.
Viele haben keinen Strom, keine Heizung. Auch Darja Bondar will Menschen
Wärme geben, den trauernden Menschen, von denen es in der Ukraine derzeit
so viele gibt. „Sie geben mir etwas Kaltes, Hartes und Gefrorenes, und ich
wärme es für sie auf“, sagt Bondar.
Darja Bondar arbeitet als sogenannte Death Doula. Im Englischen wird
„Doula“ oft als Begriff für Hebamme benutzt. Eine Death Doula ist eine
Person, die Menschen nicht in das Leben hinein-, sondern aus ihm
hinausbegleitet. Bondar will die Trauer lösen, sie unterstützt sterbende
Menschen oder die Angehörigen von Verstorbenen. In der Ukraine arbeiten
bislang nur einige Dutzend Death Doulas, ihre Tätigkeit ist nicht staatlich
verankert oder gefördert.
In ihren Sessions bietet Bondar Gespräche über Ängste an, Rituale zum
Abschiednehmen oder Körperarbeit. Oft gehe es einfach darum, frei weinen zu
können, sagt sie. 60 Minuten pro Sitzung plant Bondar für Gespräche ein
oder 90 Minuten für Körperarbeit. Alles beginnt mit der grundlegenden
Frage, wovor die Patient*innen am meisten Angst haben, erst danach
beginnt die eigentliche Arbeit. Ziel sei, die Trauer aufzugeben.
## Nicht nur Verlust um Menschen beschäftigt
Das kann online oder offline geschehen, mit Patient*innen aus der
Ukraine oder auf der ganzen Welt. Die ukrainischen Death Doulas
beschäftigen sich neben vertrauten Fragen rund um Trauer auch noch mit ganz
anderen Szenarien: Mit dem Verlust einer Stadt, die nicht mehr existiert.
Mit dem Verlust des alten Lebens, den Routinen und der Beständigkeit aus
der Zeit vor dem Krieg. Mit der Ungewissheit über das Schicksal
nahestehender Menschen. So berichtet Darja Bondar von der Witwe eines
Soldaten, dessen Körper nicht geborgen werden konnte.
Sie wollte wieder am Leben teilhaben, wusste aber nicht, wie sie ihren Mann
loslassen soll. Wie trauert man um einen Menschen ohne Grab, ohne Abschied,
ohne die üblichen Rituale? Bondar schlug etwas Neues vor: 40 Tage lang
sollte die Frau ihrem verstorbenen Partner Briefe schreiben. Und die Briefe
verbrennen, wenn sie bereit dafür war.
Die Zahl 40 ist nicht zufällig gewählt: Bestimmte orthodox geprägte
Glaubensvorstellungen besagen, dass die Seele nach 40 Tagen übergeht in
eine andere Welt. Am dritten Tag vollzieht sich der Abschied vom Körper,
bis zum neunten Tag, so der Glaube, verweilt die Seele zwischen Himmel und
Erde, besucht vertraute Orte, steht den Lebenden noch nahe. Erst am 40. Tag
gilt der Übergang als abgeschlossen. Mit ihm endet die intensivste Phase
der Bindung zwischen Lebenden und Toten.
## Der Tod ist allgegenwärtig
Seit beinahe vier Jahren lebt die Ukraine mit dem permanenten Abschied. Der
Tod ist allgegenwärtig, und gleichzeitig wird offen nur wenig darüber
gesprochen, was diese kollektive, ununterbrochene Trauer auslöst innerhalb
der Gesellschaft. In dieser Leerstelle entstehen neue Formen, mit dem
Unbegreiflichen umzugehen: kleine, intime, oft selbstorganisierte Räume, in
denen Menschen versuchen, einen gemeinsamen Umgang zu finden.
Trauer ist eine universelle Erfahrung, und doch erlebt jeder Mensch sie
anders. In der Ukraine ist die individuelle Emotion jedoch kaum vom
kollektiven Kontext zu trennen: Persönlicher Verlust ist eingebettet in
eine gemeinsame Erfahrung von Krieg und Gewalt.
Laut dem Kyiv International Institute of Sociology haben 80 Prozent der
Ukrainer*innen ein enges Familienmitglied oder eine*n Freund*in, der
oder die in diesem Krieg verletzt oder getötet wurde. Und laut der
Internationalen Organisation für Migration haben mehr als 10 Millionen
Ukrainer*innen ihr Zuhause und ihre Heimat verlassen, was etwa einem
Viertel der Bevölkerung entspricht.
## Trauer in der Sowjetzeit
Dazu kommt, dass Trauer in der Ukraine lange als persönliches Problem
betrachtet wurde. Die Kultur, nicht über Tod und emotionales Leid zu
sprechen, sei ein Erbe der Sowjetunion, sagt Darja Bondar. Damals seien
viel Wissen der Vorfahren und Rituale verschiedener Regionen verloren
gegangen. Es galt harte Zeiten auszuhalten, anstatt nach Hilfe zu fragen –
etwas, das als Zeichen von Schwäche hätte wahrgenommen werden können.
Ältere Rituale zeigen, dass Trauer in der Ukraine nicht immer so privat war
wie heute. So gab es [2][in der ukrainischen Trauerkultur] lange eine
Figur, die heute fast verschwunden ist: das Klageweib. Sie wurde zu
Beerdigungen gerufen, um laut zu weinen, den Tod zu benennen, die
Lebensgeschichte der Verstorbenen zu erzählen und den Schmerz hörbar zu
machen.
Ihr Klagen hatte eine klare soziale Funktion: Trauer wurde kollektiv
ausgesprochen, nicht im Stillen verhandelt. Angehörige mussten ihren
Schmerz nicht allein und nicht sofort selbst ausdrücken. Klage war kein
Zeichen von Schwäche, sondern Teil eines gemeinschaftlichen Übergangs.
Doch der Krieg hat auf individueller Ebene auch Folgen, die man vielleicht
nicht erwartet: So beobachtet Darja Bondar, dass die Menschen bewusster,
konzentrierter und intensiver lebten. Das Leben werde nicht kleiner,
sondern dringlicher, Prioritäten werden klarer, Präsenz wird größer. Dass
Leben und Tod nah beinanderlägen, merke man hier auf einem ganz neuen
Level.
## Nicht ich, nicht heute
Denn nach einer zerbombten Nacht, in der die Shahed-Drohnen und
Iskander-Raketen durch die Luft zischen, die Sirenen heulen und Menschen in
ihren Häusern oder unterirdischen Schutzräumen um ihr Leben bangen, setze
kurzzeitig eine große Erleichterung ein: nicht ich, nicht heute.
Krieg könne dabei helfen, wirklich zu verstehen, dass und wie man leben
wolle, sagt Bondar. Eine Frau habe ihr beispielsweise berichtet, ihr sei
erst durch den Krieg klar geworden, dass sie sich von ihrem Ehemann trennen
möchte. Eine andere Frau erzählte der Reporterin, dass sie endlich eine
Hündin adoptiert habe. „Ich wollte schon einen Hund haben, seit ich klein
bin. Ich könnte morgen schon tot sein und das nie gemacht haben.“
Auch das sei Teil ihrer Arbeit als Death Doula: Gemeinsam mit den
Patient*innen herauszufinden, wie genau sie eigentlich weiterleben
wollen. Darja Bondar selbst glaubt, dass im Thema Tod auch viele Fragen
rund um das Leben stecken: „Die Nähe von Tod erinnert mich immer daran, gut
zu leben.“
Darja Bondar weiß, wovon sie spricht: Mit 21 Jahren verlor sie ihren Vater
an Krebs, kurz darauf ihre Mutter, ebenfalls Krebs. Als sie 25 war,
erkrankte sie selbst an Schilddrüsenkrebs. In der Zeit nach dem Verlust
ihrer Eltern sei sie sehr einsam gewesen, habe nicht gewusst, wie sie leben
wolle, erzählt sie. Als sie selbst schwerkrank wurde, habe sie ihr
Schicksal zunächst akzeptiert, dann aber einen großen Drang entwickelt, zu
überleben.
Damals wohnte sie noch im Norden Russlands. Mit ihren Eltern war die
gebürtige Ukrainerin im Alter von zwei Jahren dorthin gezogen. Als
russische Truppen im März 2014 völkerrechtswidrig die Krim besetzten,
wusste Bondar, dass sie Russland verlassen will. „Ich habe den Putinismus
gesehen, das politische Geflecht, die Propaganda. Ich konnte es nicht
mehr.“
## Um Traurende zu begleiten muss man kein Therapeut sein
Die Fortbildung einer Death Doula ist vergleichsweise kurz. Bondar
absolvierte dafür eine achtwöchige Online-Ausbildung an der Universität von
Vermont. Der Unterschied zu einer therapeutischen Behandlung, sagt sie,
liege in der Fähigkeit, mit einer Person gemeinsam zu arbeiten, ohne zu
kommentieren, einzuordnen, zu urteilen. Selbstverständlich würde auch die
Arbeit von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen gebraucht.
Um eine trauernde Person begleiten zu können, müsse man aber kein Therapeut
sein, sondern einfach ein Mensch.
Eine Patientin aus Saporischschja beschrieb ihr gegenüber Angstzustände,
wenn die Explosionen in ihrer Stadt für einige Tage ausblieben. Weil die
Stille bedrohliche Fragen mit sich bringe: Was passiert als Nächstes?
Bedeutet die Pause, dass ein noch massiverer Angriff bevorsteht? Darja
Bondar befürchtet, dass diese Ängste bei vielen Menschen in der Bevölkerung
auch nach dem Ende des Krieges bleiben könnten.
## Bewusste Erinnerungskultur
Der kollektive Verlust in der Ukraine ist allgegenwärtig, man bemerkt ihn,
sobald man in das Land einreist. So laufen im Zug auf der Strecke
Przemyśl–Kyjiw ununterbrochen kleine Clips auf dem Anzeigebildschirm, der
an der Decke befestigt ist. In einem Video wird vor Minen gewarnt, die von
russischen Soldaten in Kuscheltieren platziert würden und in Sandkästen auf
Spielplätzen herumlägen.
Darauf folgen kurze Videoclips, in denen verstorbene Soldat*innen zu
sehen sind, mit Namen, Foto, Dienstgrad und Biografie. Bis der Zug in Kyjiw
angekommen ist, wiederholen sich einige der Anzeigen und Werbevideos. Die
Gesichter der toten Soldat*innen hingegen wiederholen sich nicht –
stattdessen kommen immer neue dazu.
Diese Praxis ist Teil einer bewussten Erinnerungskultur: Der Verlust ist
nicht anonymisiert, sondern wird sichtbar gemacht, auch im Alltag, etwa auf
Bahnfahrten. Erstellt wurden die Anzeigen in der Bahn von den Menschen
[3][hinter der Plattform memorial.ua]. Haiane Avakian, die Gründerin,
arbeitete ursprünglich als Journalistin in Bachmut. Die Stadt in der Oblast
Donezk ist mittlerweile fast komplett zerstört. Von den rund 80.000
Einwohner*innen sind nur wenige geblieben. Avakian gehört zu den
geschätzt 3,7 Millionen Binnenvertriebenen des Landes.
In ihrem Büro in Kyjiw erzählt Avakian, dass es für sie mit der
Erinnerungsarbeit angefangen hat, als sie zum ersten Mal über die zivilen
Opfer während der Eroberung der Stadt Mariupol berichtete. Sie begann,
deren Namen herauszufinden und zu dokumentieren. Heute gilt die
Memorial-Plattform als das größte digitale Archiv dieses Krieges.
Ihre Mission: die Geschichten von getöteten Soldat*innen und
Zivilist*innen sammeln und erzählen. Die Todesfälle werden teils vom
Team selbst recherchiert, teils wenden sich die Familien direkt an die
Plattform, um ihre Angehörigen zu melden. Hinter der Initiative steht ein
kleines Team mit Redaktion, das über Spenden und nichtstaatliche
Förderungen finanziert wird.
Neben der Dokumentation sammelt die Plattform verifizierte Informationen zu
den Opfern und bietet Angehörigen Orientierung, Sichtbarkeit und Zugang zu
weiterführender Unterstützung. Es sei wichtig, Erinnerungskultur
weiterzudenken, auch digital, findet Haiane Avakian. „So können
Erinnerungen aufhören, hinter Friedhofsmauern zu leben, und sind nun auch
für Kinder und Enkelkinder zugänglich.“
## Der Tod auf Tiktok?
Sie und ihr Team hätten lange überlegt, ob memorial.ua auch auf
Social-Media-Plattformen wie Tiktok stattfinden solle. Hat der Tod dort
etwas zu suchen? Sie entschieden sich dafür, und die Resonanz ist groß: Der
Kanal, auf dem oft Hinterbliebene über ihre geliebten, verstorbenen
Menschen erzählen, hat mehrere zehntausend Follower*innen.
Es gibt zahlreiche andere digitale Beispiele weltweit, bei denen Gedenken,
Kriegsopfer oder Erinnerungen online sichtbar gemacht werden, die
Besonderheit von memorial.ua ist, dass sie während des Kriegs, nicht erst
danach dokumentiert werden. Haiane Avakian betont immer wieder die
Verluste, aber auch die Notwendigkeit ihrer Arbeit: „Fast jede*r denkt
regelmäßig an Menschen, die gestorben sind.“ Das Feedback war bisher
positiv: „Angehörige haben ein großes Bedürfnis, zu gedenken, weil es ihnen
hilft, den Verlust zu verarbeiten und weiterzuleben.“
Fast jede*r kann in die Kartei aufgenommen werden. Nur die Namen von
Menschen, deren Verwandte in den besetzten Gebieten leben, werden aus
Sicherheitsgründen derzeit nicht veröffentlicht. Auch Menschen, die als
vermisst gelten, werden nur aufgenommen, wenn eine Beerdigung stattgefunden
hat oder Soldat*innen ihrer Einheit vor Gericht den Tod bestätigt haben.
Haiane Avakians Traum ist es, in fünf bis zehn Jahren einen physischen Ort
zu schaffen, ein modernes Museum, das digitale und interaktive Technologien
miteinbezieht. Es gibt viele Ideen, beispielsweise künstliche Intelligenz
zu nutzen, um Menschen oder konkrete Ereignisse zu rekonstruieren und
greifbar zu machen. Doch natürlich gebe es ethische Herausforderungen, die
bedacht werden müssen. Schritt für Schritt, sagt sie: „Es ist wichtig,
nichts zu überstürzen, denn wir behandeln hier ein sensibles Thema, eine
schmerzhafte und offene Wunde.“
## Sechs Mal auf YouTube gelöscht
Die digitale Erinnerung an die Gefallenen in der Ukraine ist allerdings
fragil. Im Jahr 2023 wurden die Instagram- und Facebook-Accounts von
memorial.ua zunächst mehrfach blockiert und im Dezember schließlich ohne
konkrete Begründung dauerhaft gelöscht. Nach öffentlichen Protesten wurden
sie wenig später wiederhergestellt.
Auf YouTube hat memorial.ua den Kampf um Sichtbarkeit verloren: Mindestens
sechsmal wurde der Kanal dort gelöscht und bis heute nicht
wiederhergestellt, offiziell wegen „Spam und Betrug“, ohne dass die
Vorwürfe nachvollziehbar erklärt wurden – ein schmerzhafter Verlust, wie
Haiane Avakian sagt: „Das war ein wichtiger Kanal, wir haben dort die
Geschichten von mindestens 400 Menschen gesammelt, die von Russland getötet
wurden.“
Für sie ist klar, dass dahinter koordinierte Meldungen von russischer Seite
stecken, digitale Formen des Gedenkens gezielt zu sabotieren: „Es ist sehr
offensichtlich, dass Russ*innen Angst davor haben, dass ihre
Kriegsverbrechen dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht werden,
weil sie diese Informationen vor ihren eigenen Leuten verstecken wollen.“
Umso sichtbarer wird die Erinnerung im öffentlichen Raum. Der [4][Maidan
Nesaleschnosti,] der zentrale Platz Kyjiws, auf dem ein Fahnenmeer
entstanden ist, gilt als einer der eindrücklichsten öffentlichen Trauerorte
des Landes. Die Fahnen mit Gesichtern gefallener Soldaten auf einem
blau-gelben Hintergrund schaukeln im Wind, viele der Verstorbenen lächeln
in ihren Uniformen, besonders die jungen, auf diese selbstverständliche,
offene Art, mit der man lächelt, wenn man eigentlich noch das ganze Leben
vor sich hat. Die Menschen kommen hier vorbei, um zu erinnern, legen Blumen
oder Fahnen nieder, zünden Kerzen an. Die Toten werden nicht an den Rand
der Stadt verdrängt, sondern bewusst ins Zentrum gerückt.
Denn das Bedürfnis, an physischen Orten miteinander ins Gespräch zu kommen,
bleibt trotz digitaler Angebote bestehen. Nataliia Vainilovych,
Theatermacherin und Dozentin an der Nationalen Technischen Universität in
Kyjiw, setzt sich dafür ein, dass mehr dieser Räume entstehen. Sie ist seit
2025 Gastgeberin eines sogenannten Death Cafés. Das sind Zusammenkünfte von
Menschen, denen es nicht um akute Trauerbewältigung geht, sondern einfach
darum, sich über das schwierige Thema Tod auszutauschen.
## Jüngere besuchen die Cafés häufiger als Ältere
Für Vainilovych bedeutet, über den Tod zu sprechen, trotz aller
Notwendigkeit auch Anstrengung, weshalb sie die Veranstaltung in
unregelmäßigen Abständen abhält. Nachdem im Winter 2022 ihre Mutter
gestorben war, kurz vor der Vollinvasion, war sie selbst auf der Suche nach
einem Ort, an dem sie über ihre Trauer sprechen konnte. Sie stieß auf das
Konzept des Death Cafés. Für sie selbst sei der Tod so omnipräsent, dass
sie mit ihrer 86-jährigen Großmutter darüber scherze, wer von beiden zuerst
stirbt.
Vainilovychs Death Café hat keinen festen Ort, manchmal lädt sie auch zu
sich nach Hause ein. Teilnehmende bringen Essen mit, die Veranstaltungen
sind für alle Altersgruppen offen. Jüngere kommen häufiger als Ältere –
wohl deshalb, weil sie offener für informelle Gesprächsformate sind und
weniger auf traditionelle Trauerrituale zurückgreifen. Im Krieg trauern
viele zudem nicht nur um Verstorbene, sondern auch um verlorene
Zukunftspläne, Sicherheit und ein früheres Leben. Für diese oft diffusen,
kollektiven Verluste bieten Death Cafés einen passenden, niedrigschwelligen
Raum.
Vainilovych sieht ihre Aufgabe als Gesprächsmoderatorin – jede und jeder
dürfe erzählen und laut nachdenken, auch über den eigenen Tod. Im Death
Café werde auch schon mal darüber reflektiert, welche Bestattungszeremonie
man für sich selbst wünsche, sagt Vainilovych. Und obwohl sie das Death
Café unregelmäßig veranstalte und ihre Veranstaltungen kaum bewerbe, steige
die Nachfrage immer mehr.
Der Krieg zwingt Trauer in der Ukraine in neue Räume und schafft damit eine
Topografie, die es vorher nicht gab. Diese Räume werden auch jenseits der
Landesgrenzen spürbar. Über eine Million Ukrainer*innen leben in
Deutschland, die Mehrheit von ihnen ist wegen des Krieges geflüchtet. Wie
gehen sie, weit weg vom Krieg, weit weg von ihrer Heimat, mit Trauer und
Verlust um?
Viktoriia Paniotova verließ ihre Heimatstadt Donezk im Jahr 2011. Sie
spricht auf sanfte Art und Weise über den Krieg und ihren Bruder, der
Soldat der ukrainischen Armee ist. Und den Rest ihrer Familie, die 2014,
mit Beginn des Krieges in der Ostukraine, alles zurückließ und aus dem
umkämpften Gebiet von Donezk nach Kyjiw flüchtete. In ihr Heimatland
zurückzukehren, ist für die 31-Jährige derzeit schwer vorstellbar, vor
allem, weil sie sich um die Sicherheit ihres kleinen Kindes sorgt.
In ihrer hellen Praxis in Berlin-Prenzlauer Berg empfängt sie viele
internationale Patient*innen, auch Ukrainer*innen. Paniotova ist studierte
Psychologin, sie macht derzeit eine Fortbildung in Gestalttherapie, hat
Trainings in Schocktrauma und Kriseninterventionen absolviert. Für sie
spielt Trauer eine zentrale Rolle. Es geht nicht nur um die Trauer über
verstorbene Menschen, sondern auch um den Verlust des alten Lebens, das nie
wieder so sein wird wie zuvor.
Dabei betont Paniotova, dass es einen großen Unterschied mache, ob sie mit
einer Person spreche, die vor dem Krieg ausgewandert ist, oder mit
Menschen, die wegen des Krieges fliehen mussten: „Für jene, die die
bewusste Entscheidung getroffen haben, ihr Land zu verlassen, ist die
Situation mit Kummer verbunden, aber sie haben meistens Struktur, eine
Gemeinschaft, Arbeit.“
Geflüchtete, die abrupt alles hinter sich lassen mussten, erleben hingegen
extreme mentale Belastung: „Da hat man keinen Raum und keine Zeit, sich mit
seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.“ Es gehe auch um das Materielle, um
das, was man hatte, um Sicherheit und um die kleinen Gewohnheiten des
Alltags.
Das Schlimmste sei für viele Ukrainer*innen in Deutschland, dass sie
sich nicht verabschieden konnten. Lange und gefährliche Reisen, Verwandte
in besetzten Gebieten oder Ausreisebeschränkungen machen es oft unmöglich,
in die eigene Heimat zu reisen und sich von Verstorbenen zu verabschieden.
„Und das fügt dem Trauerprozess eine zusätzliche Ebene und Komplexität
hinzu“, sagt Paniotova.
Viele fliehende Menschen müssten ihr Leben von Grund auf neu aufbauen: das
Zuhause, Stabilität, Arbeit, Alltagsroutinen, oft ohne Partner oder soziale
Netzwerke. Häufig spreche sie mit ukrainischen Müttern, die mit ihren
Kindern geflüchtet sind, die Männer bleiben zurück. Ukrainern im
wehrtüchtigen Alter ist es – wenn sie nicht mindestens drei Kinder unter 18
Jahren haben – seit Beginn des Kriegsrechts grundsätzlich verboten, das
Land zu verlassen.
Eines der größten Themen, das Viktoriia Paniotova in dieser Arbeit begegnet
sei, ist Schuld: das Gefühl, das eigene Leben zurückgelassen zu haben,
während es für die Menschen in der Ukraine so viel gefährlicher ist. Von
jenen, die online ihre Hilfe suchten, würde sie oft gefragt werden, wo sie
lebe. Ihre ukrainischen Patient*innen im Ausland wünschten sich eine
Therapeutin, die ebenfalls in Sicherheit sei. Es würde sie sonst hemmen,
mit dieser Therapeutin ihre Probleme zu besprechen.
Was in den Ukrainer*innen hierzulande vorgehe, könnten viele Menschen in
Deutschland nur schwer nachvollziehen. „Die Mehrheit der Menschen versteht
nicht, was wir durchmachen“, sagt Paniotova. In ihrer Praxis biete sie
einen geschützten Raum, in dem die Klient*innen ihre Gefühle ausdrücken
könnten. Für viele sei das der einzige Ort dieser Art. Meist seien Mütter
mit ihren Kindern allein geflohen und fänden es schwer, mit anderen
Menschen ohne Kriegserfahrung ihre Gefühle und Erfahrungen zu teilen. Denn
die in der Ukraine verbliebenen Familienmitglieder wollen sie nicht damit
belasten.
Grundsätzlich haben Ukrainer*innen in Deutschland Zugang zu regulärer
psychotherapeutischer Versorgung. Ergänzt wird das durch psychosoziale
Zentren, Beratungsstellen und spezielle Projekte mit ukrainischsprachigen
Angeboten. In der Praxis ist das System jedoch überlastet, die Versorgung
kann dem Bedarf nicht gerecht werden: Therapieplätze sind knapp,
Wartezeiten lang, Dolmetscherleistungen werden oft nicht finanziert und das
System ist für viele schwer verständlich.
Dadurch bleibt adäquate psychische Hilfe für viele Betroffene trotz
formaler Ansprüche schwer erreichbar. Viktoriia Paniotova ist überzeugt:
Die Trauer wird nicht enden, bevor der Krieg vorbei ist.
Mitarbeit: Dzvinka Pinchuk
Diese Reportage wurde durch die Initiative „Women on the Ground: Reporting
from Ukraine’s Unseen Frontlines“ der International Women’s Media
Foundation in Partnerschaft mit der Howard G. Buffett Foundation
unterstützt.
31 Jan 2026
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