# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Letztes Geleit für die Journalistin Wiktorija Roschtschyna
       
       > In Kyjiw werden die sterblichen Überreste der Journalistin zu Grabe
       > getragen. Sie war 2024 in russischer Gefangenschaft ermordet worden.
       
 (IMG) Bild: Abschied von der Journalistin Wiktorija Roschtschyna, die in russischer Gefangenschaft getötet wurde, Kyjiw, am 8. August 2025
       
       Berlin taz | Auf dem eleganten schwarzen lackierten Sarg, unter dessen
       geschlossenem Deckel ein weißer, gemusterter Stoff hervorschimmert, liegt
       auf einem ukrainischen Handtuch ein frisch gebackener Brotlaib. Nach
       ukrainischer Tradition symbolisiert Brot das Leben – der Platz auf dem Sarg
       steht für den Respekt gegenüber der Verstorbenen und den Wunsch, dass ihre
       Seele in der jenseitigen Welt Frieden finden möge.
       
       Fast ein Jahr nach ihrer Ermordung in russischer Gefangenschaft wurde die
       ukrainische Journalistin Wiktorija Roschtschyna an diesem Freitag in Kyjiw
       mit einer Zeremonie verabschiedet. Inmitten von Kerzen und begleitet von
       kirchlichen Gesängen wurde zunächst ein Trauergottesdienst in der
       Michaelskathedrale abgehalten – einem der bedeutendsten Symbole der
       orthodoxen Kirche in der Ukraine.
       
       Hunderte Menschen kamen, um dem von Trauer gezeichneten Vater und der
       jüngeren Schwester der Journalistin, die mit tränenerfüllten Augen
       nebeneinander an der Seite des Sarges saßen und sich an den Händen hielten,
       ihr Mitgefühl zu zeigen. Unter den Anwesenden waren Kolleg:innen
       führender ukrainischer Medien, für die Wiktorija gearbeitet hatte,
       Vertreter:innen von Medienorganisationen, Freund:innen,
       Diplomat:innen mehrerer EU-Botschaften und viele andere Menschen.
       
       Nach dem Gottesdienst bewegte sich der Trauerzug von der Kathedrale durch
       die Straßen von Kyjiw bis zum Unabhängigkeitsplatz. Dort nahmen zahlreiche
       Menschen kniend Abschied von der Journalistin, bevor die Beisetzung auf dem
       Baikowe-Friedhof erfolgte.
       
       Zu Tode gefoltert 
       
       Wiktorija Roschtschyna war eine der wenigen ukrainischen Journalistinnen,
       die über russische Verbrechen in den besetzten Gebieten berichteten. Im
       Juli 2023 reiste sie in die Region Saporischschja, um die Existenz von
       geheimen Haftzentren aufzudecken und FSB-Täter zu identifizieren. Dabei
       geriet sie selbst in Gefangenschaft – und wurde später ermordet.
       
       Am 10. Oktober 2024 erhielt ihr Vater eine formelle Mail der russischen
       Militärpolizei: Seine Tochter sei am 19. September verstorben – ohne
       Angaben zur Todesursache. Erst sechs Monate später, im Februar 2025, wurde
       ihre Leiche im Rahmen eines Gefangenenaustausches zwischen Russland und der
       Ukraine übergeben – in einem Sack mit der Aufschrift „unbekannter Mann,
       akute Verletzung der Koronararterien“.
       
       Als die Ermittler den Sack öffneten, fanden sie jedoch die misshandelte
       Leiche einer jungen Frau – der gefrorene und mumifizierte Körper wies
       zahlreiche Blutungen und Quetschungen, gebrochene Knochen, Spuren von
       Elektroschocks, abrasierte Haare und Anzeichen für eine Autopsie auf. Eine
       genaue Untersuchung ergab, dass das Gehirn, die Augäpfel und ein Teil des
       Kehlkopfes fehlten.
       
       Ein DNA-Test bestätigte eine Übereinstimmung von 99,9 Prozent und es wurde
       klar, [1][dass Russland die Leiche der Ukrainerin erst eineinhalb Jahre
       nach ihrem Verschwinden zurückgegeben hatte].
       
       ## Aus der Zelle geholt
       
       Wiktorijas ehemalige Zellennachbarin berichtete, sie sei am 8. September
       zusammen mit anderen Gefangenen, die für den Austausch vorbereitet wurden,
       aus ihrer Zelle geholt worden, um eine Videoaufnahme mit Aussagen zu machen
       – danach verlor sich ihre Spur. Auch beim Austausch am 14. September
       tauchte sie nicht auf. Was mit der Journalistin passiert ist, ist nach wie
       vor unklar.
       
       Ukrainische Ermittler:innen, Menschenrechtsaktivist:innen und
       Journalist:innen vermuten, dass die Russen Wiktorijas Leiche der
       Journalistin absichtlich so lange zurückgehalten und einige Organe aus dem
       Körper entfernt hatten, um die Todesursache der 27-Jährigen zu
       verschleiern. Im Juli verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj Roschtschyna
       posthum den Freiheitsorden, eine der höchsten staatlichen Auszeichnungen
       der Ukraine.
       
       „Ihr Kampfgeist war nicht zu brechen. Lediglich der menschliche Körper hat
       die Folter in russischer Gefangenschaft nicht überstanden. Wir werden
       unsere Kollegin Wiktorija in ewiger Erinnerung behalten und ihr unseren
       Respekt zollen. Wir werden alles tun, damit die Verbrecher, die sie getötet
       haben, bestraft werden. Respekt und Dankbarkeit allen Kolleg:innen, die
       weiterhin die Wahrheit über die Verbrechen Russlands sagen, über den Krieg
       berichten und dabei ihr Leben riskieren“, schrieb die Direktorin des
       ukrainischen Instituts für Masseninformation, Oksana Romaniuk, auf ihrer
       Facebook-Seite nach der Trauerfeier für Wiktorija Roschtschyna.
       
       ## Als Kriegsverbrechen eingestuft
       
       Laut der ukrainischen Polizei [2][soll sich der ehemalige Leiter des
       Untersuchungsgefängnisses Nr. 2 in der russischen Stadt Taganrog wo die
       ukrainische Journalistin] [3][zum letzten Mal lebend gesehen wurde, der
       Folter, Misshandlung, Körperverletzung und Demütigung von Wiktorija
       Roschtschyna schuldig gemacht haben].
       
       Die Ermittlungen ergaben, dass diese Verbrechen vorsätzlich organisiert
       waren: Der Leiter der Haftanstalt soll seinen Untergebenen persönlich
       Anweisungen gegeben haben, um physischen und psychischen Druck auf die
       Journalistin auszuüben.
       
       Nach internationalem humanitärem Recht werden die Handlungen des
       Verdächtigen als Kriegsverbrechen eingestuft, für die es keine
       Verjährungsfrist gibt. Im Falle seiner Festnahme und Verurteilung drohen
       ihm bis zu zwölf Jahre Freiheitsentzug. Die Ermittlungen dauern an. Sie
       betreffen weitere Personen, die sich an Kriegsverbrechen gegen ukrainische
       Soldaten und Zivilgefangene in russischen Haftanstalten beteiligt haben.
       
       8 Aug 2025
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anastasia Magasowa
       
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