# taz.de -- Die USA unter Trump: Grenzen der Grausamkeit
       
       > Dass Donald Trumps ICE-Truppe noch einen US-Bürger getötet hat, macht
       > selbst Republikaner unruhig. Wie geht es jetzt weiter?
       
 (IMG) Bild: Widerstand mit Trillerpfeife: Minneapolis am 21. Januar 2026
       
       Es war kurz nach 19 Uhr am Montagabend, als die New York Times und die
       Zeitschrift The Atlantic meldeten, dass Greg Bovino aus Minneapolis
       abgezogen wird, der martialische Kommandant der US-Grenzbehörde ICE. Nicht
       einmal Temperaturen von 17 Grad unter null konnten angesichts dieser
       Nachricht Minnesotans daran hindern, im Dunklen noch einmal vor die Tür zu
       gehen.
       
       An der Stelle, an der zwei Tage zuvor der Krankenpfleger [1][Alex Pretti]
       erschossen worden war, versammelte sich im Nu eine Menschenmenge. Eine
       Jazzcombo hatte ihre Instrumente dabei, und wie bei einer Beerdigung in New
       Orleans tanzten sich die Leute zu einem flotten Dixie die Glieder warm.
       
       Der Abzug von Bovino war ein Etappensieg für Minneapolis. Die Menschen
       hatten es geschafft, durch furchtlose Proteste und unablässige Beobachtung
       die abgründige Grausamkeit von ICE in ihrer Stadt bloßzulegen und die
       Regierung von US-Präsident Donald Trump in eine PR-Klemme zu manövrieren.
       Sogar Republikaner im Kongress, ansonsten bedingungslos Trump hörig,
       forderten nun eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls.
       
       Der republikanische Kandidat für die Gouverneurswahl in Minnesota zog sich
       aus dem Rennen zurück, weil er es nicht mehr mit seinem Gewissen
       vereinbaren könne, für diese Partei zu stehen. Trump rief den Bürgermeister
       von Minneapolis, Jacob Frey, und Gouverneur Tim Walz an, um mit ihnen zu
       überlegen, wie die Situation zu entschärfen sei.
       
       Doch die Freude der Minneapolitans verführte sie nicht dazu, nachlässig zu
       werden. Noch am selben Abend trat Gewerkschaftsanführer Kieran Knutsen auf
       einer Versammlung ans Mikrofon: „Wir dürfen nicht vergessen, womit wir es
       hier zu tun haben“, sagte Knutsen, in einem Video kann man der Rede folgen.
       „Es geht nicht um einen Personalwechsel oder eine Kursänderung. Wir kämpfen
       gegen einen niederträchtigen Feind. Und wir können nicht nachgeben, bis wir
       ihn besiegt haben.“
       
       ## Der Neue ist kaum weniger bedenklich
       
       Adam Levy, 60 Jahre alt, Musiker, Pädagoge und von Beginn an im Widerstand
       gegen ICE engagiert, spiegelte am Telefon diese Gefühle wider: „Ja, es
       fühlt sich gut an. Es fühlt sich so an, als ob die Macht der Straße etwas
       ausrichten kann. Aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen.“
       
       Die Vorsicht ist gewiss angebracht. Tim Homan, der Mann, der Bovino jetzt
       ersetzen soll, wirkt zwar auf den ersten Blick zivilisierter. Trumps
       bisheriger „Grenz-Zar“ pflegt nicht in Uniform aufzutreten, schon gar nicht
       in einer mit [2][Gestapoanmutung, wie Bovino sie in letzter Zeit trug].
       Homan trägt Anzug. Und er hat schon unter Barack Obama gedient.
       
       All das macht ihn jedoch kaum weniger bedenklich. Die Reporterin Caitlin
       Dickerson bezeichnet ihn als Vater jener Regierungstaktik,
       Einwandererfamilien von ihren Kindern zu trennen – einer Taktik, die Trump
       [3][in seiner ersten Amtszeit] massenhaft nutzte.
       
       Unter Obama war Homan für eine Rekordzahl an Abschiebungen verantwortlich –
       einen Rekord, den Trump noch immer nicht gebrochen hat. Obama deportierte
       mehr als drei Millionen Menschen. Trump hat es in seinem ersten Amtsjahr
       gerade einmal auf 605.000 gebracht. Für das zweite Jahr hat Stephen Miller,
       Trump-Berater und Architekt der Abschiebepolitik, die Zahl eine Million
       vorgegeben.
       
       ## Wie es unter Obama war
       
       Die Tatsache, dass Obama so viele Menschen abschob, müssen sich
       Trump-Kritiker immer wieder vorhalten lassen. Der einzige Unterschied, wird
       behauptet, sei die Optik gewesen. Und für die war nicht zuletzt Tim Homan
       verantwortlich.
       
       In ihrem Dossier für The [4][Atlantic] beschrieb Dickerson, wie die ICE,
       die zusammen mit dem Ministerium für Heimatschutz nach dem 11. September
       2001 gegründet wurde, unter Obama vorgegangen war. Jeder einzelne
       undokumentierte Einwanderer wurde sorgfältig geprüft, bevor die Beamten an
       die Tür klopften. Obamas Politik war es, strikte Prioritäten einzuhalten:
       Menschen, die schon lange in den USA lebten und arbeiteten, sollten
       möglichst von Abschiebungen verschont bleiben. Familien sollten nicht
       auseinandergerissen werden.
       
       Die meisten Verhaftungen fanden nicht auf offener Straße, sondern in den
       frühen Morgenstunden statt. Zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit
       bekräftigte Homan, dass er ein solch gezieltes Vorgehen weiterhin
       bevorzuge. Von groß angelegten Razzien gegen ganze Nachbarschaften halte er
       nichts.
       
       Dass Obama überhaupt so eifrig deportierte, wurde ihm vielfach vorgeworfen.
       „Ich verstehe die Empörung“, sagte er einmal. „Aber es ist leicht,
       entrüstet zu sein. Es ist viel schwerer, den Gang durch die Institutionen
       anzutreten und die legalen Grundlagen für die Einwanderung zu ändern.“
       
       Obama versuchte das. Durch seine harte Linie wollte er die Grundlage dafür
       schaffen, eine Einwanderungsreform durch den Kongress zu bringen. Doch die
       Rechnung ging nicht auf. Wie alle Präsidenten seit Ronald Reagan scheiterte
       eine Reform an der Zerstrittenheit der Parteien. Das hat sich bis heute
       nicht geändert. Für die 14 Millionen undokumentierten Einwanderer in den
       USA, von denen eine große Mehrheit gut integriert ist und die etwa die
       US-Landwirtschaft am Leben halten, gibt es noch immer kaum Wege zu legalem
       Aufenthalt.
       
       ## ICE wurde in Windeseile aufgeblasen
       
       Zu versuchen, all diese Menschen abzuschieben, galt bis zur Wahl Donald
       Trumps als unsinniges Unterfangen. Kosten und Aufwand schienen nicht
       gerechtfertigt, der Schaden für die Wirtschaft zu groß. Ganz abgesehen von
       der offenkundigen Grausamkeit, die auch konservative Vorgänger Trumps wie
       George W. Bush scheuten, weil sie einen Imageschaden befürchteten.
       
       Das Image der Grausamkeit ist nun jedoch zentraler Bestandteil der
       Regierungsstrategie. Ein erklärtes Ziel Stephen Millers war es, durch das
       Säen von Angst nicht nur vor Zuwanderung abzuschrecken, sondern
       undokumentierte Einwohner zur „Selbstdeportation“ zu bewegen. Dazu
       initiierte das Heimatschutzministerium sogar eine PR-Kampagne mit Videos,
       die vornehmlich Bovino in Aktion zeigten.
       
       Gleichzeitig wurde mit dem unglaublichen Budget von 170 Milliarden Dollar,
       die der Kongress im Sommer 2025 bewilligte, die ICE-Truppe in Windeseile
       aufgeblasen – von 7.000 auf 22.000 Mann. Rekruten wurden mit einem
       50.000-Dollar-Bonus geködert. Die Ausbildungszeit wurde von fünf Monaten
       auf 47 Tage verkürzt – um darauf anzuspielen, dass Trump der 47. Präsident
       der USA ist.
       
       In offiziellen Stellungnahmen behauptete ICE, die Qualität der Ausbildung
       habe nicht gelitten, es würden Verhaftungstaktiken trainiert und die
       Kontrolle von Menschenansammlung und Deeskalation. Insider sagten jedoch
       dem Atlantic, dass von 47 Tagen Ausbildung gerade einmal vier Stunden auf
       das Üben von Deeskalation verwendet würden. Ein ICE-Veteran bestätigte,
       dass die meisten Rekruten es früher vermutlich nicht durch die Ausbildung
       geschafft hätten. Schon an der körperlichen Fitness der neuen Rekruten
       hapert es oft. Die wenigsten schaffen es, anderthalb Meilen in den
       geforderten 14 Minuten zu laufen.
       
       Die schlechte Ausbildung der neuen ICE-Truppen war wohl auch ein Grund
       dafür, dass die Dinge auf den Straßen von Minneapolis so katastrophal
       eskalierten.
       
       ## Trump wechselt die Strategie
       
       Musiker Adam Levy, der jeden Tag als Beobachter in Minneapolis unterwegs
       ist, glaubt: „Die sind unglaublich nervös. Sie haben Angst.“ Gleichzeitig
       bescheinigte Stephen Miller den ICE-Agenten noch nach dem Tod der
       engagierten Bürgerin Renée Good in aller Öffentlichkeit und mit Nachdruck
       völlige Immunität. Ein gefährlicher Mix.
       
       Mit dem Tod von Alex Pretti scheint die Strategie einer Abschreckung durch
       Grausamkeit für Trump nun zumindest vorübergehend an eine Grenze geraten zu
       sein. Der Abzug Bovinos und die Tatsache, dass Trump seine
       Heimatschutzministerin Kristi Noem an eine kürzere Leine zu legen scheint,
       spricht dafür, dass das Weiße Haus das Gewaltspektakel überdenkt.
       
       Dieser Weg zahlt sich politisch nicht aus: [5][61 Prozent der Amerikaner
       halten die ICE-Taktiken mittlerweile für überzogen]. Die Republikaner im
       Kongress machen sich jetzt Sorgen um die Zwischenwahlen im November. Und
       sie zeigten sich vor der Abstimmung des Bundeshaushalts am Freitag auch
       besorgt, dass die Demokraten erneut mit einem Shutdown die Regierung
       lahmlegen könnten. Die Abstimmung fand nach Redaktionsschluss statt.
       
       Thomas Friedman von der New York Times glaubt, dass die Intervention von J.
       D. Vance, der den Behörden in Minnesota nun Gespräche angeboten hat, dafür
       spricht, dass der Widerstand der Kongressrepublikaner größer ist als
       bislang angenommen. Als Vizepräsident ist Vance auch Vertreter des
       Parlaments.
       
       Dennoch haben die Minnesotans und die Widerständigen im ganzen Land recht,
       wenn sie skeptisch bleiben. Ein grundsätzlicher Kurswechsel der
       Trump-Regierung bleibt unwahrscheinlich. Plausibler ist ein vorübergehender
       taktischer Rückzug.
       
       ## Der Widerstand geht weiter
       
       Für Trump gehe es um zu viel, kommentierte Ed Kilgore im New York-Magazin.
       Die Massendeportation sei ein zentrales Wahlkampfversprechen gewesen,
       Trumps Basis erwarte, dass er liefere. Zudem laufe ihm die Zeit davon, um
       seine Abschiebeziele zu erreichen. Schon mit der Zwischenwahl im November
       könnten seine Möglichkeiten, enorme Ressourcen auf ICE zu verwenden, stark
       eingeschränkt werden.
       
       Die Unmenschlichkeit des Trump-Regimes geht weiter. Der Widerstand in
       Minneapolis und in anderen Städten der USA auch.
       
       30 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ermordung-von-Alex-Pretti-in-Minneapolis/!6148632
 (DIR) [2] /ICE-Chef-Gregory-Bovino/!6149155
 (DIR) [3] /Familientrennungen-an-der-Grenze/!5511673
 (DIR) [4] https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2022/09/trump-administration-family-separation-policy-immigration/670604/
 (DIR) [5] https://abcnews.go.com/Politics/americans-largely-odds-trump-administration-immigration-ice-tactics/story?id=129567440
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sebastian Moll
       
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