# taz.de -- Autor Stephen Marche über Trumps Irrsinn: „Im Kern des amerikanischen Systems herrscht Fäulnis“
       
       > Der kanadische Autor Marche hat wenig Hoffnung, dass die USA bald zu
       > demokratischen Verhältnissen zurückfinden. Er warnt auch vor Bürgerkrieg.
       
 (IMG) Bild: Beamte der Einwanderungsbehörde in Minneapolis, Minnesota, am 21. Januar 2026
       
       taz: Herr Marche, Sie haben 2022 in Ihrem Buch „Aufstand in Amerika“ einen
       neuen Bürgerkrieg in den USA vorhergesagt und Szenarien durchgespielt. Was
       gerade in Minnesota passiert, wirkt gefährlicher als vieles in Ihrem Buch. 
       
       Stephen Marche: Oh ja. Als ich mir mögliche Konflikte zwischen
       unterschiedlichen Regierungsebenen vorgestellt habe, dachte ich, sie würden
       auf der County-Ebene entstehen, weil Sheriffs eine spezielle Vorstellung
       von ihrer Rolle in der Verfassung haben. Aber jetzt sehen wir: Polizeichefs
       fordern ICE auf, ihre Bezirke zu verlassen. Gouverneure reden davon, die
       Nationalgarde ihres Bundesstaats einzusetzen. Das ist alles unglaublich
       gefährlich. Aber technisch gesehen ist es noch kein Bürgerkrieg. Das, was
       wir jetzt sehen, bewerten politische Analysten als einseitige Gewalt gegen
       die zivile Bevölkerung.
       
       taz: Donald Trumps stellvertretender [1][Stabschef Stephen Miller]
       twitterte jüngst, die Polizei von Minnesota habe „kapituliert“. Er sieht
       die Situation also durchaus als Krieg des Bunds gegen lokale und regionale
       Behörden. 
       
       Marche: Ja, aber es ist unklar, wer wo steht. Ich bezweifle, dass die
       verschiedenen Sicherheitskräfte – die Polizei, die Nationalgarde, die Armee
       – es selbst wissen. Sind sie loyal gegenüber dem Bürgermeister? Dem
       Gouverneur? Dem Präsidenten? Oder nur gegenüber sich selbst? Das ist das
       wirklich Gefährliche: Wenn niemand mehr weiß, wer das Kommando hat – dann
       wird in eine ohnehin entzündliche Lage Benzin gegossen.
       
       Das Schlimme ist: Alle sind bis an die Zähne bewaffnet. Wenn es nur einen
       einzigen Schusswechsel gibt, was passiert dann? Die Nationalgarde ist nicht
       sehr gut ausgebildet. Viele lokale Polizeikräfte sind oft kaum mehr als
       Gefängniswärter. Und dann gibt es ICE, bestehend aus Leuten, die Loyalisten
       eines verrückten Königs sind. Trump hat gewalttätige junge Männer
       rekrutiert – MMA‑Kämpfer, Söldnertypen – und ihnen nach 47 Tagen Training
       Waffen in die Hand gedrückt. Was man ihnen beibringt, ist: [2][Begeht
       Gewalt – und lasst sie spektakulär aussehen].
       
       taz: Ich bin überrascht und beeindruckt von [3][der Menge an Menschen in
       Minnesota, die für ihre Werte einstehen]. 
       
       Marche: Mich überrascht es kaum, dass es viele Amerikaner gibt, die sehr
       anständig sind. Aber dann gibt es die Mitte der Gesellschaft, die einfach
       weitermacht, als wäre nichts. Sie fahren weiter nach Cape Cod in den
       Urlaub. Das bisschen schlechte Nachrichten … ach ja, und was ist eigentlich
       das neue Trendgetränk? Welchen Smoothiegeschmack soll ich diesmal mit
       Cannabis probieren? All dieser Mist. Und dazwischen gibt es ein paar
       richtige Monster.
       
       Amerika hielt sich stets für das Ausnahmeland der Geschichte. Überraschung:
       Ihr seid wie alle anderen! Es gibt Monster, es gibt Helden und eine große,
       gleichgültige Masse. In solchen Momenten der Geschichte erkennt man, wer
       man ist. Die Menschen auf Minnesotas Straßen finden gerade heraus, wer sie
       sind – genauso wie die ICE‑Mitarbeiter herausfinden, wer sie sind.
       
       taz: Warum hat Trump sich Minnesota ausgesucht? 
       
       Marche: Nach Minnesota zu gehen, um dort Krieg gegen die Menschen zu
       führen, ist Wahnsinn. Dort leben einige der freundlichsten Menschen in den
       USA. Man kann in Amerika ziemlich weit kommen, wenn man auf schwarze und
       braune Menschen einschlägt; das ist zynisch, aber wahr. Das funktioniert in
       vielen Bundesstaaten. Aber Minnesota? Sogar bei Fox News haben sie gesagt:
       „Wir führen Krieg gegen Rotweinmütter.“ Mütter, die Wein trinken – das ist
       Amerika. Amerika besteht aus Müttern, die Wein trinken!
       
       taz: Was würde passieren, wenn all diese Weinmütter verschwänden? 
       
       Marche: Minnesota ist einer der letzten Orte, wo noch überparteiliche
       Entscheidungen getroffen werden. Dort sind die Republikaner nicht alle
       wahnsinnig, es gibt konservative Menschen, die Kompromisse eingehen, so,
       wie Politik gedacht ist. Minnesota ist einer der am wenigsten gespaltenen
       Staaten in der Union. Große Teile Amerikas sind heute Einparteienstaaten.
       Minnesota ist das nicht. Ich glaube, Trump geht es darum, das zu zerstören,
       um den Gedanken von verhandelbarer Politik auszuhöhlen. Er will
       sicherstellen, dass niemand unpolitisch bleibt. Er will alle
       radikalisieren. Er will, dass es nirgendwo in den Vereinigten Staaten einen
       Ort außerhalb dieser giftigen, narzisstischen Fernsehpolitik gibt, die
       alles antreibt. Das fällt nicht unter den Bereich des Staatsterrorismus, es
       ist eine eigene Kategorie. Sie tritt in Ländern auf, die auf einen
       Bürgerkrieg zusteuern.
       
       taz: Wann ist für Sie die Schwelle zum Bürgerkrieg überschritten? 
       
       Marche: Man kann sagen: Politische Gewalt übernimmt die Rolle, die früher
       das Wort hatte. Statt Konflikte auszuhandeln, werden Menschen getötet. Und
       Amerika ist an einem Punkt, an dem spektakuläre Gewalt die Politik antreibt
       wie früher Reden oder Programme. Formal erfüllt das Land vielleicht noch
       nicht die Definition eines Bürgerkriegs, aber das ist nur eine technische
       Frage. Wichtig ist: Man muss einen Ausweg aus der Gewalt finden, bevor
       irgendetwas anderes passieren kann. Aus gewalttätiger Politik
       herauszufinden, ist ein Albtraum. Es ist extrem schwer, Länder aus solchen
       Gewaltzyklen herauszubringen. Meist geschieht das erst nach einer
       militärischen Niederlage oder durch Seuchen, die ganze Städte auslöschen.
       Das ist keine Geschichte mit Happy End.
       
       taz: Trump will offenbar diesen chaotischen Zustand herstellen. Warum? 
       
       Marche: Er ist in einer irgendwie wahnhaften Verfassung. Es ist, als würde
       man versuchen, einen Methjunkie zu analysieren, der auf der Straße in
       seinen Taschen wühlt und nach etwas sucht, das er rauchen kann. Man hat es
       mit jemandem zu tun, der geistig nicht anwesend ist. Vielleicht ist er
       einfach aufgewacht und war wütend auf die demokratische Abgeordnete Ilhan
       Omar – und das hat gereicht, um ICE nach Minnesota zu schicken. Oder ganz
       banal: Hat Melania ihm heute einen geblasen? Wenn ja, dann wäre er
       vielleicht nicht nach Minnesota gezogen. Ich glaube, er reagiert auf Reize
       wie ein Kleinkind ohne Objektpermanenz. Und er ist von Leuten umgeben, die
       tun, was er sagt. Für mich ist das der Beweis dafür, dass das System
       kollabiert ist. Sie können diesen Irrsinn nicht mehr eindämmen.
       
       taz: So chaotisch und unvorhersehbar sein Verhalten auch ist: Das Ziel
       bleibt doch autokratische Herrschaft? 
       
       Marche: Die einzige Logik, die sich durchzieht, ist die der persönlichen
       Macht und Bereicherung. Die New York Times berichtete, dass er sich während
       seiner Präsidentschaft um 1,4 Milliarden Dollar bereichert hat. Er ist ein
       Piratenkönig. Auf Kosten von allem anderen. Da gibt es keine Grenze. Wenn
       Nordkorea Seattle bombardieren würde, wäre seine erste Reaktion: Wie stehe
       ich jetzt da? Er hat keine Werte. Gar keine.
       
       taz: Gibt es dafür historische Vorbilder? 
       
       Marche: Ich habe ihn immer als caudillo beschrieben, einen von Gier
       getriebenen Führer, der absolute persönliche Loyalität verlangt. Die USA
       sind kein gescheitertes europäisches Land, sondern ein sehr erfolgreiches
       lateinamerikanisches Land. Aber selbst dort denkt man nicht: Ich hoffe, die
       Eltern der Menschen, die ich getötet habe, mögen mich noch. Trump hat das
       nach dem Tod von Renée Good gesagt, deren Vater sein Anhänger war: Ich
       hoffe, er mag mich noch. Das ist ein Ausmaß an Bedürftigkeit, das
       grenzenlos ist. Es gibt darunter keine andere Schicht – nur Leere,
       ständigen Hunger. Auf gewisse Weise verkörpert Trump sein Land genau darin.
       Eine grenzenlose Bedürftigkeit, ein unersättliches Loch, das nie gefüllt
       werden kann.
       
       taz: Gibt es Hoffnung, dass Trump erkennt, wie unpopulär das Vorgehen von
       ICE ist? Oder dass er zur Kenntnis nimmt, dass es für die Drohung gegen
       Grönland in den USA nur eine Zustimmungsrate von 4 Prozent gibt? 
       
       Marche: Es gibt wohl kaum ein Thema, bei dem größere Einigkeit in der
       Bevölkerung besteht: Keinen Krieg mit Grönland! Aber ich glaube, Trump ist
       das egal, solange er Aufmerksamkeit bekommt. Ich denke, wir haben es mit
       der Logik eines Vergewaltigers zu tun. Ich glaube, er will, dass Dänemark
       ihn hasst, während es ihm gleichzeitig nachgibt. Er will, dass seine Gegner
       ihn hassen, während sie ihm gleichzeitig folgen.
       
       taz: Wenn das so weitergeht, was passiert dann? 
       
       Marche: Die Midterms bereiten mir Sorge. Sämtliche Grenzen und Normen sind
       gefallen. Die Gerichte werden jeden Tag schwächer. Der Kongress existiert
       im Grunde nicht mehr. Was wird das für eine Wahl, wenn man bedenkt, dass
       Trump bereit ist, Bürgerrechte zur Machtdemonstration einzuschränken, nicht
       mal für den Stimmenfang, sondern einfach zur Schau? Wie stark wird diese
       Wahl manipuliert?
       
       taz: Sind die Vereinigten Staaten noch eine Demokratie? 
       
       Marche: In Kanada glauben wir seit mindestens einem Jahr, dass Amerika
       nicht mehr zur freien Welt gehört, dass es nicht länger ein Hort der
       Demokratie ist, sondern eine Gefahr für sie. Die Macht der USA ist heute
       eine Bedrohung für Demokratie und Freiheit. Es ist kein Ausrutscher, dass
       sie Venezuelas Öl einfach stehlen, weil sie Lust dazu haben. Der
       Piratenkönig mag sterben, aber die Piraten führen das Schiff weiter.
       Ehrlich gesagt, ich habe kaum noch Hoffnung auf eine Wiederherstellung
       demokratischer Verhältnisse, nicht im Sinn einer Rückkehr zu den Zeiten vor
       2016, als die Institutionen wenigstens halbwegs funktionierten. Der
       Präsident spricht davon, die gesamte Weltordnung zu zerstören. Es gibt
       vielleicht vier Republikaner, die überhaupt den Mund aufmachen. Trump hat
       gezeigt, dass im Kern des amerikanischen Systems Fäulnis herrscht. Das kann
       man nicht mehr rückgängig machen.
       
       taz: Ist es Selbsttäuschung, wenn die amerikanische Linke oder die
       Demokraten glauben, es reiche, bei den Midterms den Senat zurückzugewinnen? 
       
       Marche: Falls es tatsächlich Wahlen gibt, gewinnen die Demokraten
       vielleicht ein paar Sitze im Kongress, einige Abgeordnete halten schöne
       Reden, aber niemand hört ihnen zu. Die älteren Demokraten sind unfähig,
       diese Realität zu erkennen. Einige der jüngeren begreifen es, aber das
       führt zu einer neuen Situation: Will man die Ordnung wiederherstellen, wird
       man massive Machtkämpfe innerhalb von Militär, FBI und ICE führen müssen.
       Entweder man führt diese institutionellen Kriege, oder man wartet, bis die
       anderen zuschlagen. Amerika steuert in eine Lage, in der es keine guten
       Optionen mehr gibt. Egal welche Entscheidungen man trifft, sie führen ins
       Verderben. Die Leute in den USA spüren das. Sie wissen, das ist ein Land,
       das seinem Ende entgegengeht.
       
       1 Feb 2026
       
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