# taz.de -- AfD-Leute bei „Sächsischen Separatisten“: Ganz nah am Terror
> In Dresden stehen ab Freitag acht junge Rechtsextreme wegen
> Terrorvorwürfen vor Gericht. Mit dabei: drei AfD-Mitglieder.
(IMG) Bild: Polizisten führen die am 5. Januar 2024 festgenommenen „Sächsischen Separatisten“ dem Ermittlungsrichter in Karlsruhe vor
Es ist noch nicht lange her, da meldete sich [1][Kurt Hättasch im Stadtrat
im sächsischen Grimma zu Wort]. Mal hielt der junge AfD-Fraktionschef eine
Rede zu einer geplanten Mehrzweckhalle, mal trat er als stellvertretender
Bürgermeister an, wenn auch erfolglos. Doch seine legale politische
Karriere fand am 5. November 2024 vorerst ein jähes Ende.
Um 6 Uhr morgens [2][rückten Spezialkräfte der Polizei an seinem Wohnhaus
in einem Dorf bei Grimma an] und nahmen ihn unter Terrorverdacht fest. Weil
sich der heute 26-Jährige mit sieben anderen Rechtsextremen als
„[3][Sächsische Separatisten]“ auf einen von ihnen erhofften „Tag X“
vorbereitet haben soll. Dann hätten sie mit Waffengewalt „ethnische
Säuberungen“ und Liquidierungen staatlicher Vertreter in der Region
durchführen wollen.
Hättasch trat bei seiner Festnahme mit einem entsicherten Gewehr aus seinem
Haus. Als Jäger besitzt er mehrere Waffen. Weil er mit dem Gewehr auf die
Polizisten zulief, schoss ein Beamter auf ihn, verletzte Hättasch am
Kiefer. Der AfD-Mann kam erst ins Krankenhaus und danach ins Gefängnis.
Seitdem sitzt er in der JVA Leipzig.
Am Freitag nun wird Hättasch erstmals wieder in der Öffentlichkeit
auftauchen, im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Dresden, wenn
dort der Prozess gegen ihn und die sieben Mitfestgenommenen, 22 bis 26
Jahre alt, [4][wegen des Vorwurfs der Bildung einer terroristischen
Vereinigung beginnt]. Hättasch wird wegen seines Auftritts mit Gewehr bei
der Festnahme auch versuchter Mord vorgeworfen. Nur der Schuss des
Polizisten habe ihn abhalten können, auf die Einsatzkräfte zu feuern, so
die Anklage.
## Tiefe Ablehnung der Demokratie
Laut Bundesanwaltschaft sollen sich die „Sächsischen Separatisten“ im
Februar 2020 gegründet haben, rund 20 Mitglieder habe die Gruppe gezählt.
Verbunden hätten die Mitglieder „rassistische, antisemitische
Vorstellungen“, eine „tiefe Ablehnung“ der hiesigen Demokratie und der
Glaube, dass Deutschland vor einem „Kollaps“ stehe.
Auf diesen Zusammenbruch hätten sie zwar nicht aktiv hingewirkt, sich aber
auf diesen Zeitpunkt vorbereitet, um dann laut Anklage möglichst große
Gebiete Sachsens zu erobern und einen NS-ähnlichen Staat zu errichten. In
Trainings in Wäldern und auf einem verlassenen Flugplatzgelände bei Brandis
sei dafür Häuserkampf geprobt worden, auf Schießständen auch der Umgang mit
Waffen. Veranstaltet wurden auch Nacht- und Gewaltmärsche. Wohl nicht
zufällig kürzt sich der Gruppenname mit „SS“ ab, wie die „Schutzstaffel“
des NS-Regimes.
Der Prozess wird nicht nur wegen der schweren Vorwürfe, sondern auch wegen
einer bezeichnenden Schnittstelle viel Beachtung finden: der Verbindung der
AfD zu gewalttätigen Rechtsextremisten – und nun womöglich auch
terroristischen. Für die Partei ist das mit Blick auf [5][ein diskutiertes
Verbotsverfahren] äußerst heikel. Denn auch in Frankfurt am Main steht ja
bereits eine frühere AfD-Bundestagsabgeordnete wegen Terrorvorwürfen vor
Gericht: [6][Birgit Malsack-Winkemann wird vorgeworfen, Teil der
Reichsbürgergruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß gewesen zu sein].
## Terrorverdächtiger galt als AfD-Nachwuchstalent
Kurt Hättasch galt in der AfD als Nachwuchstalent, war lokal bestens
vernetzt. Der Metallbauer und Geschichtsstudent spielte in Grimma als
Trompeter im Orchester, war im Vorstand der Jagdgenossenschaft,
unterrichtete im Sommer 2024 an der Handwerkskammer Lehrlinge. Politisch
schlug Hättasch früh einen klaren Weg ein: [7][Schon vor Jahren übermalte
er in Grimma mit Gleichgesinnten Antifa-Graffitis] – als selbsternannter
„Bund Deutscher Maler“, abgekürzt BDM – wie einst die NS-Vereinigung „Bund
Deutscher Mädel“.
Seine Frau, mit der er ein kleines Kind hat, ist die Tochter des einstigen
sächsischen Kameradschaftsführers Thomas Sattelberg. Mit ihr besuchte er
2022 auch ein Seminar des [8][Rechtsextremen Götz Kubitschek] in
Schnellroda. Im Juni 2024 nahm Hättasch auch an einer [9][Sonnenwendfeier
im sächsischen Strahwalde teil], zusammen mit völkischen Gruppen und
Neonazis.
Und in Grimma plante er ein eigenes Projekt: Mit einem Mitbeschuldigten
hatte er eine zweistöckige Immobilie am Bahnhof gekauft, [10][bekam dafür
ein Darlehen von 100.000 Euro vom ehemaligen Berliner Finanzsenator Peter
Kurth]. Der CDU-Mann kannte die beiden über Burschenschaftskontakte.
In der AfD wurde Hättasch im Herbst 2024, gerade zum ersten Mal in den
Stadtrat gewählt, direkt Fraktionschef. Er saß auch im Kreisvorstand seiner
Partei und war Schatzmeister der Landesparteijugend, die damals noch als
Junge Alternative firmierte.
## Bis heute kein Parteiausschluss
Und Hättasch war nicht allein. Auch der in Dresden Mitangeklagte Kevin R.,
ein Freund und Orchesterkollege Hättaschs, war AfD-Mitglied. Beide
arbeiteten beim AfD-Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner. Ein dritter
Angeklagter, Hans-Georg P., gehörte ebenso zum AfD-Kreisverband. Vor ihrer
Festnahme posierten die drei und weitere Beschuldigte im Mai 2022 [11][mit
dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke bei einer Kundgebung in Grimma].
Nach den Festnahmen der drei Parteimitglieder erklärte die AfD, mit den
„Sächsischen Separatisten“ verbinde sie „weder inhaltlich noch
organisatorisch irgendetwas“. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, werde
ein „unverzüglicher Parteiausschluss“ erfolgen.
Der Ausschluss ist bis heute nicht erfolgt. Ein sächsischer Parteisprecher
sagte auf taz-Anfrage, es sei ein „schwebendes Verfahren“, zu dem man sich
nicht weiter äußere. Auch zum bevorstehenden Prozess in Dresden wolle er
nichts sagen.
In der AfD gibt es ohnehin längst andere Töne. So berichtete Björn Höcke
bereits im Juni 2025 auf einer Parteiveranstaltung, dass er Hättaschs Frau
getroffen habe. [12][Es sei eine „anständige Familie“, der „übel
mitgespielt“ werde]. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Robert Teske, Höckes
früherer Büroleiter, schrieb, er sei „erschüttert“, wie das Leben von
Hättasch „zerstört“ worden sei. Sein Fraktionskollege [13][Matthias
Helferich] besuchte ihn in der JVA Leipzig. „Da er zum Zeitpunkt des
Tatvorwurfs Mitglied der AfD und JA war, habe ich mich für sein Schicksal
interessiert“, sagte Helferich der taz. Die Vorwürfe könne er mangels
genauer Kenntnis nicht beurteilen. Das Vorgehen der Polizei erscheine ihm
aber „zumindest unverhältnismäßig“.
## Hättasch weist Vorwürfe zurück
Hättasch selbst weist die Vorwürfe gegen sich zurück. Nach seiner Festnahme
schrieb er in einer „politischen Erklärung“, er stamme aus einer
„ordentlichen und friedlichen Familie“, er sei „rechts und konservativ“.
„Massenmigration“ lehne er ab, „friedlichen Fremden“ gegenüber aber sei er
„offen und hilfsbereit“. Rassismus und Antisemitismus seien „geistige
Sackgassen“. Die AfD, die er kenne, sei nicht rechtsextrem. Und: Gewalt
halte er nur als Selbstverteidigung für angemessen. Sonst lehne er sie
„klar ab“.
In einem „Hafttagebuch“, das Hättasch auf einem Blog von Götz Kubitschek
veröffentlichte, nannte er die Vorwürfe gegen sich „lächerlich,
widersprüchlich, unsinnig“. Dass es eine Terrorgruppe gegeben habe, sei
„unhaltbar“. Es liege nichts gegen ihn vor. „Der Staat vergreift sich immer
unverschämter an seinen Bürgern.“
Auch den Mordversuch bei seiner Festnahme weist Hättasch zurück. Er habe
gedacht, die Antifa sei angerückt und habe diese mit dem Gewehr vertreiben
wollen.
Die Anklage aber betont, dass sich die Polizisten durchaus zu erkennen
gegeben hätten. Die Ermittlungen gegen den Polizisten, der auf Hättasch
schoss, wurden bereits vor einem Jahr eingestellt: Es sei Notwehr gewesen.
## Mutmaßlicher Rädelsführer aus einschlägiger Familie
Die Bundesanwaltschaft verweist auf interne Chats der Gruppe – und vor
allem auf die Rolle von Jörg S., angeklagt als Rädelsführer der
„Separatisten“. Der 25-Jährige aus Brandis, 20 Kilometer von Grimma
entfernt, soll die Gruppe gegründet, die Trainings und Kommunikation der
Gruppe geleitet haben. Er kommt aus einer einschlägigen Familie. Der
Großvater war bei der FPÖ, der Vater ist ein verurteilter Rechtsextremist,
der früher ebenfalls paramilitärische Übungen organisierte. Zu den
Angeklagten gehört auch der jüngere Bruder Jörn S. Gegen einen weiteren
jüngeren Bruder wird ermittelt.
Vor allem Jörg S. soll die Radikalisierung der Gruppe vorangetrieben haben.
In Telegramchats soll er gegen den „dreckigen Westen“ und das „gay
shithole“ Europa geätzt haben. Alles, was Westeuropa und dortige
„Anti-Weiße-Regime“ schwäche, sei gut. Wären „Juden weg“, würden sich
„Probleme definitiv minimieren“. Und: „Nur eine komplette Revolution kann
etwas verändern.“ Bewegt haben soll sich Jörg S. in einem internationalen
Onlinenetzwerk junger Neonazis, dem „National Socialist Brotherhood“, einem
Ableger der „Atomwaffendivision“.
Spätestens im August 2022 soll auch Hättasch zu der Gruppe dazugestoßen
sein. Dessen Anwälte, es sind gleich fünf, ließen taz-Anfragen
unbeantwortet. In einer Pressemitteilung wies einer aber die Vorwürfe
zurück: Dieses und andere Verfahren seien ein Kampf der „Regierenden der
BRD“ aus „purer Angst ausgetauscht, entmachtet zu werden“. Man habe schon
vor Prozessbeginn einen Befangenheitsantrag gegen die Richter eingereicht.
Die Linie der Verteidiger: Es sei Jörg S. gewesen, der in Chats radikale
Töne spuckte, aber nur aus „Aufschneidertum“ – Hättasch habe davon nichts
gewusst und sich nur an „Wanderungen“ beteiligt. Auch [14][Martin
Kohlmann], der Verteidiger von Jörg S. und Gründer der rechtsextremen
Kleinpartei Freie Sachsen, nannte die Angeklagten nur salopp eine
„Wandergruppe mit Hang zu Survivaltrainings“.
## Örtliche AfD-Fraktion hält zu Hättasch
Die örtliche AfD-Fraktion hält weiter zu Hättasch und schloss den
26-Jährigen bisher nicht aus ihrer Fraktion aus. Bei Sitzungen des
Stadtrats wird er als „entschuldigt“ notiert. Es gelte die
Unschuldsvermutung, sagte Fraktionsmitglied Uwe Krah der taz. Er sei
„entsetzt“, wie Hättasch vorverurteilt werde. Er habe diesen als „sehr
akkuraten Menschen“ kennengelernt.
Die Grimmaer Linkenpolitikerin Kerstin Köditz äußert sich „sehr verwundert,
wie gelassen die lokale AfD-Fraktion und der Stadtrat damit umgehen, dass
ein Abgeordneter unter Terrorverdacht in Haft sitzt“. Ohnehin verwundere es
sie, dass das alles in Grimma kein Thema sei. „Dabei stehen hier Vorwürfe
rechten Terrors und versuchten Mordes im Raum“, sagte sie der taz.
Dass die „Sächsischen Separatisten“ in Grimma aktuell ignoriert werden, das
sagt auch Tobias Burdukat, der seit Jahren in Grimma als antifaschistischer
Sozialarbeiter aktiv ist. „Für die Mehrheit ist Menschenfeindlichkeit
offenbar einfach nicht schlimm.“ Dass die Gruppe mutmaßlich mit
Waffengewalt Gebiete in Sachsen erobern und „ethnische Säuberungen“
durchführen wollte, „das glauben viele nicht“.
Im Grimmaer Stadtrat wird Hättasch wohl noch eine Weile fehlen. Der Prozess
gegen ihn und die anderen Angeklagten ist bereits jetzt bis Jahresende
terminiert, seine U-Haft dauert an. Hättasch schrieb in seinem
„Hafttagebuch“, er hoffe auf einen Freispruch, um danach „ganz normal
weiterleben zu können“. Das Oberlandesgericht Dresden dagegen hält die
Terrorvorwürfe für nicht abwegig – und ließ die Anklage so zu. Und auch der
Bundesgerichtshof bestätigte die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft zuletzt in
Beschlüssen. Bleibt es im Prozess dabei, steht Hättasch wohl noch längere
Zeit in Haft bevor.
22 Jan 2026
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