# taz.de -- Prozess gegen „Sächsische Separatisten“: Rechte Anwälte nutzen Terror-Prozess für Polit-Show
> In Dresden hat die Verhandlung gegen acht mutmaßliche Rechtsterroristen
> begonnen – darunter AfD-Politiker. Sie sollen ethnische Säuberungen
> geplant haben.
(IMG) Bild: Prozessauftakt: ein rechtes Polit-Spektakel, das sich über den Tag zieht
Dubravko Mandic poltert. "Ich werde jederzeit das Wort ergreifen", schimpft
der Anwalt in sein Mikrophon. "Im Moment erteile ich Ihnen nicht das Wort",
weist ihn die Vorsitzende Richterin zurecht. Es ist Freitagvormittag, gegen
kurz nach 10 Uhr und der Rechtsaußen-Anwalt Mandic hat mit 18 weiteren
Rechtsanwälten im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Dresden Platz
genommen. Vor ein paar Minuten wurde dort der Prozess gegen die mutmaßliche
Terrorgruppe der "Sächsischen Separatisten" eröffnet. Und wie es in den
ersten Minuten begann, so wird es weitergehen.
Mandic vertritt den Angeklagten Kurt Hättasch, [1][AfD-Politiker aus dem
sächsischen Grimma]. Schon vor Prozessbeginn hatte er von einem "explizit
politischen Prozess" und "konstruierter Beweislage" gesprochen, hatte
"Feindstrafrecht" und "präventive Ausschaltung vermeintlich gefährlicher
Personen" beklagt sowie eine "Mundtotmachung" seines Mandanten.
Es ging ihm wohl darum, das zu verharmlosen, zu bagatellisieren und anders
zu framen, was nun am Freitag im Gerichtssaal verhandelt wird und in den
vergangenen Wochen und Monaten [2][medial über seinen Mandanten und die
weiteren Angeklagten berichtet wurde].
## Mutmaßliche Terrorgruppe mit NS-Gedankengut
Im Kern besteht der Vorwurf, dass diese sich mit insgesamt 20 Mitgliedern
zu einer rechtsextremen Terrorgruppe vereint und paramilitärische Übungen
betrieben haben sollen. Dass sie sich auf ethnische Säuberungen größerer
Gebiete in Ostdeutschland nach einem befürchteten Zusammenbruch der
staatlichen Ordnung an einem "Tag X" vorbereitet hätten, dass sie
Liquidierungen von Staatsvertretern geplant und Waffen besessen hätten.
Mandic hatte dem bereits in einer Pressemitteilung am Freitagmorgen
widersprochen und forderte darin einen Freispruch. Andere Verteidiger
kündigten Erklärungen an, manch einer legte noch am Freitag los.
Etwa Martin Kohlmann, der Jörg S. vertritt, dem die Rädelsführerschaft
vorgeworfen wird. Kohlmann forderte die Einstellung des Verfahrens. "Ich
sehe Terrorismus gegen acht junge Leute und ihre Familien. Die Terroristen
sitzen dort", polterte er und zeigte auf die Bank mit den Vertreter*innen
der [3][Bundesanwaltschaft.] Die Anklage sei "völlig unbestimmt", die
Vorwürfe "aus der Luft gegriffen". Was sein Mandant in Chatgruppen
gegenüber einem FBI-Mann erklärt haben soll, davon hätten alle anderen
jedenfalls nichts gewusst. Die paramilitärischen Übungen? "Pfadfinderei auf
durchschnittlichem Niveau."
Ohnehin: “Sächsische Separatisten”, damit habe sein Mandant keine eigene
Gruppe gemeint, sondern vermeintlich erklärt, was andere in Deutschland so
vorhätten, mithin die “Freien Sachsen” – also die rechtsextreme
Kleinstpartei, die Anwalt Kohlmann selbst gegründet hat.
## Zahlreiche Verteidiger mit Verbindungen zur rechten Szene
Es ist ein rechtes Polit-Spektakel, das sich über den Tag zieht. Viele der
Rechtsanwälte, die am Freitag im Gerichtssaal sitzen, sind selbst für eine
Biografie in der rechten Szene bekannt: neben Kohlmann und Mandic etwa auch
[4][Wolfram Nahrath, ehemaliger Vorsitzender der heute verbotenen Wiking
Jugend, einst aktiv für NPD und die ebenfalls verbotene Heimattreue
Deutschen Jugend sowie Verteidiger des NSU-Helfers Ralf Wohlleben.] Auch
Günther Herzogenrath-Amelung trat am Freitag als Verteidiger auf. Bereits
Anfang der 1990er Jahre hatte er die National Front verteidigt.
Noch bevor die Anklage verlesen wurde, ging es in den ersten Stunden
zunächst darum, ob die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden solle, da
einige der Angeklagten zum Tatzeitpunkt noch Minderjährig waren. Die
Richter wiesen diesen Antrag ab.
Die heute 22 bis 26 Jahre alten Angeklagten waren am Morgen in Handschellen
in den Gerichtssaal geführt worden. Bis auf Karl Jonas K., der in weißem
Hemd und mit schulterlangen Haaren Platz nahm, trugen alle dunkle Kleidung
und kurze Haare mit penibel gekämmten Seitenscheiteln. Hättasch
präsentierte sich mit Zwirbel-Schnäuzer und Lodenjanker samt zwei
schwarz-rot-goldenen Pins am Revers.
Der Saal war voll. Acht Angeklagte, 19 Anwält*innen, fünf Richter*innen,
vier Jugendgerichtshelfer*innen, drei Vertreter*innen der
Bundesanwaltschaft. In den Zuschauerreihen versammelten sich neben den
zahlreichen Medienvertreter*innen auch ein bekannter rechter Streamer sowie
der AfD-Landtagsabgeordnete Jörg Dornau.
## Vater Hans-Jörg S. sieht Geheimdienste am Werk
Auch Hans-Jörg S. junior, der Vater der zwei Angeklagten Jörg und Jörn S.,
saß mit grünen Militärparka unter den Zuschauer*innen, umringt von Männern
mit Glatzen und stabilem Körperbau. Er ist selbst ein verurteilter
Rechtsextremist, der früher ebenfalls paramilitärische Übungen
organisierte, sein Vater wiederum war einst bei der FPÖ.
Ob er seinen Söhnen geholfen habe? “Nein, dafür bin ich mittlerweile zu
alt”, sagte S. der taz am Rande der Verhandlung. Er spricht von einer
"geheimdienstlichen Operation", durch die die Vorwürfe gegen seine Söhne
konstruiert worden seien. Eine “Lüge des Verfassungsschutzes”. Er hoffe
selbstverständlich auf einen Freispruch.
Das Interesse an diesem Fall liegt auch an dessen politischer Brisanz für
die AfD – und den Implikationen für ein mögliches Verbotsverfahren. Neben
Mandics Mandant [5][Hättasch, der trotz seiner Haft bis heute Mitglied der
AfD-Fraktion im Stadtrat von Grimma geblieben ist], sind auch die
AfD-Mitglieder Hans-Georg P. sowie Kevin R. angeklagt. Hättasch und R.
arbeiteten für den AfD-Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner.
Nach den [6][Festnahmen am 5. November 2024] ging die Bundesebene der
Partei schnell auf Distanz zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen und
verkündete ein Ausschlussverfahren. [7][Abgeschlossen ist das allerdings
nach taz-Informationen bis heute nicht. ]
Doch nicht alle in der Partei ließen so viel Vorsicht walten. Zehn Monate
nach den Festnahmen [8][trommelte der AfD-Kreisverband Leipziger Land laut
einem Bericht von t-online für eine Demo und forderte in einem
Facebook-Post], der bald wieder gelöscht wurde: "Freiheit für Kurt
Hättasch, Kevin R[...] und alle politischen Gefangenen". Der Thüringer
AfD-Politiker [9][Björn Höcke hatte laut einem Bericht der Welt Hättaschs
Frau besucht, sprach von einer “anständigen” Familie und “inszenierten”
Festnahmen]. Ähnlich [10][äußerte sich ein AfD-Fraktionsmitglied aus Grimma
noch diese Woche gegenüber der taz].
## Anklage sieht Bildung einer Terrorgruppe
Aus Sicht des Generalbundesanwalts klingt das anders. Demnach sollen sich
die „Sächsischen Separatisten“ im Februar 2020 gegründet haben. Die
insgesamt rund 20 Mitglieder hätten „rassistische, antisemitische
Vorstellungen“ verbunden, eine „tiefe Ablehnung“ der hiesigen Demokratie
und der Glaube, dass Deutschland vor einem „Kollaps“ stehe.
Sie hätten an dem Zusammenbruch nicht aktiv gearbeitet, sich aber auf
diesen Zeitpunkt vorbereitet, um dann in Teilen Ostdeutschlands einen
NS-ähnlichen Staat zu errichten. Sie hätten in Wäldern und auf einem
verlassenen Flugplatzgelände bei Brandis für den Häuserkampf trainiert,
Nachtmärsche veranstaltet und auf Schießständen den Umgang mit Waffen
geübt.
Hättasch wird zudem versuchter Mord und Vertoß gegen das Waffengesetz
vorgeworfen. Bei seiner Festnahme soll der Jäger mit einem Gewehr aus
seinem Haus getreten und auf einen Polizisten zugelaufen sein. Dieser hatte
zwei Schüsse abgegeben, von denen einer Hättasch am Kiefer verletzte. Er
musste im Krankenhaus behandelt werden. Laut seinem Anwalt habe Hättasch
gedacht, dass er von der Antifa überfallen werde und hätte zu keinem
Zeitpunkt vorgehabt, auf die Polizisten zu schießen.
## Verfangen in rechtsterroristischen Onlinenetzwerken
Der als Rädelsführer angeklagte Jörg S. soll die Gruppe radikalisiert
haben. In Telegramchats soll er von einem "Genozid gegen Weiße" geschrieben
haben und davon, dass sich die "Probleme definitiv minimieren" würden,
wären die "Juden weg". Und: "Nur eine komplette Revolution kann etwas
verändern."
Jörg S. soll sich dabei in einem internationalen Onlinenetzwerk junger
Neonazis bewegt haben, der "National Socialist Brotherhood", einem Ableger
der „Atomwaffendivision“. Diese gehört zu der sogenannten
[11][„Siege“-Szene], die auf den Neonazi James Mason zurückgeht. Die
Hauptidee dahinter: Das bestehende System müsse zerstört werden, durch
Morde, Anschläge und andere Gewalttaten, um danach einen neuen Staat nach
nationalsozialistischem Vorbild errichten zu können.
Es ist ungefähr das, worauf sich die “Sächsischen Separatisten” laut
Anklage vorbereitet haben sollen.
## Verbindungen zu AfD, NPD, III. Weg und Kubitschek
Neben der markanten Auswahl bekannter Anwälte, verweisen die Biografien der
Angeklagten auf ein Netzwerk, das von einer politischen und familiären
Verankerung in der rechtsextremen Szene zeugt. Und das nicht nur bei
Familie S.. Auch Kurt Hättasch besuchte gemeinsam mit seiner Frau – Tochter
des einstigen sächsischen Kameradschaftsführers Thomas Sattelberg – 2022
ein Seminar des [12][Rechtsextremen Götz Kubitschek] in Schnellroda.
Im Juni 2024 nahm Hättasch mit dem Mitangeklaften Kevin R. an einer
[13][Sonnenwendfeier im sächsischen Strahwalde] zusammen mit völkischen
Gruppen und Neonazis teil. In Grimma plante er mit einem Mitbeschuldigten
ein Hausprojekt am Bahnhof, für dessen Kauf er [14][ein Darlehen von
100.000 Euro vom ehemaligen Berliner Finanzsenator Peter Kurth] (CDU)
bekam, der die beiden über Burschenschaftskontakte kannte.
Andere Angeklagte tauchten trotz ihres jungen Alters bereits vor Jahren bei
Demonstrationen der AfD, der NPD oder des III. Wegs auf, wie Fotos belegen,
die der taz vorliegen. Jörn S. soll im Frühjahr 2024 bis nach Budapest
gefahren sein, zum „Tag der Ehre“, der seit Jahren als europaweites
Vernetzungstreffen der rechtsextremen Szene fungiert.
## Verhandelt wird mindestens bis Jahresende
Hättasch hatte der Anklage bereits zuvor in einer “politischen Erklärung”
und einem „Hafttagebuch“ widersprochen, das auf einem Blog von Götz
Kubitschek veröffentlicht wurde. Weder habe es eine Terrorgruppe gegeben,
noch sei die AfD rechtsextrem. Gegen ihn liege nichts vor, im Gegenteil:
„Der Staat vergreift sich immer unverschämter an seinen Bürgern.“
Ob diese Verteidigungsstrategie zieht? Für die Ermittlungsrichter des
Bundesgerichtshofes jedenfalls lag genug vor, um die acht Haftsachen zu
bestätigen. Am Ende entscheiden die Richter*innen. Doch das wird noch
dauern: Angesetzt sind schon jetzt fast 70 Verhandlungstage bis Dezember
2026.
23 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechtsextreme-Saechsische-Separatisten/!6045443
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(DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/berlin/brandanschlag-auf-auto-von-bekanntem-neonazi-anwalt-linksradikale-bekennen-sich-zu-attacke-auf-wolfram-nahrath-9175068.html
(DIR) [5] /AfD-Leute-bei-Saechsischen-Separatisten/!6146807
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(DIR) [8] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100911264/-saechsische-separatisten-afd-plante-demo-fuer-mutmassliche-terroristen.html
(DIR) [9] https://www.welt.de/politik/deutschland/plus256290754/afd-landeschef-anstaendige-familie-hoecke-stellt-festnahme-von-terrorverdaechtigem-als-inszeniert-dar.html
(DIR) [10] /AfD-Leute-bei-Saechsischen-Separatisten/!6146807
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## AUTOREN
(DIR) Jean-Philipp Baeck
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(DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
(DIR) AfD-Verbot
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