# taz.de -- Umgang mit US-Außenpolitik: Trump-Show hält die Welt in Atem
       
       > Ohne sich um Werte zu scheren, verfolgt der US-Präsident knallharte
       > Interessenpolitik. Viele Staaten wissen schon lange, wie man damit
       > spielt.
       
 (IMG) Bild: Trump-Anhänger: Billiger zu haben, als es scheint
       
       Im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident hat Donald Trump
       auf der Weltbühne so einiges angerichtet. Die USA haben Iran und Venezuela
       angegriffen, mutmaßliche Terrorziele in Somalia, Syrien und Nigeria
       bombardiert, Südafrika des Völkermords bezichtigt, einen Drogenkrieg in der
       Karibik gestartet, die Hoheit über den Gazastreifen beansprucht,
       Einwanderungssperren gegen aktuell 75 Staaten verhängt, Einreisebedingungen
       massiv verschärft, Zuwanderer illegal in Drittstaaten verfrachtet, die
       Entwicklungshilfsbehörde aufgelöst, viele UN-Institutionen verlassen, die
       internationale Justiz zum Objekt von US-Sanktionen gemacht, Zölle
       willkürlich verhängt und wieder gestrichen, Geschäftsinteressen zu
       außenpolitischen Zielen erklärt – um nur einige Beispiele zu nennen.
       
       Treffend führt [1][die aktuelle Nationale Sicherheitsstrategie der USA]
       aus: „Keine Regierung der Geschichte hat in so kurzer Zeit eine so
       dramatische Wende vollzogen.“ Trump selbst würde seiner Erfolgsbilanz noch
       einiges hinzufügen, etwa die angebliche Beendigung von acht Kriegen mit
       einem neunten (Ukraine) in erhoffter Reichweite.
       
       Die USA, das betont der Präsident bei jeder Gelegenheit, verfolgen jetzt
       ausschließlich ihre nationalen Interessen. Weltpolizei – das war einmal.
       Zwar sieht es manchmal doch noch so aus. Aber ein richtiger Weltpolizist
       hätte nach der Entführung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro nicht
       sein Regime im Amt belassen, sondern einen Regimewechsel vollzogen. Er
       würde für Gaza und die Ukraine nicht nur Friedenspläne entwerfen, sondern
       auch für Frieden sorgen.
       
       Die paradox anmutende Kombination von extrem harten Worten und Taten mit
       einem völligen Fehlen von Konsequenz – zuletzt im Falle Iran, davor öfters
       gegenüber Russland, demnächst möglicherweise mit Grönland – stößt den Rest
       der Welt immer wieder vor den Kopf. Aber an sich, und das wird in Europa
       weithin verkannt, kann die Welt mit diesem Trump ganz gut leben. Mit
       einigen Ausnahmen, etwa Südafrika, das momentan von den USA mit völlig aus
       der Luft gegriffenen Begründungen boykottiert wird.
       
       ## Interessen statt Ideale
       
       Früher erklärten sich die USA zu Hütern von Demokratie und Freiheit auf der
       Welt, hielten hehre Prinzipien hoch – und machten dann das Gegenteil:
       skrupellos intervenieren, Chaos und Unrecht anrichten, rücksichtslos eigene
       Interessen durchsetzen. Heute macht Trump das alles einfach so, ohne die
       hehre Fassade. Damit können skrupellose Regierende gut umgehen.
       Lateinamerika, das Trump zu seinem Hinterhof namens „westliche Hemisphäre“
       zählt, hat zwar wenig Spielraum. Doch die Mittelmächte Asiens und Afrikas
       haben längst gelernt, sich keiner Großmacht unterzuordnen, sondern
       Freundschaften mit allen Seiten zu pflegen und die Freunde notfalls
       gegeneinander auszuspielen.
       
       Modi in Indien und Erdoğan in der Türkei sind Meister dieses Spiels, dessen
       Regeln der einstige britische Außenminister [2][Lord Palmerston] im
       Revolutionsjahr 1848 definierte, eine ähnlich bewegte Zeit wie die
       Gegenwart: „Wir haben keine ewigen Verbündeten und wir haben keine
       dauerhaften Feinde; unsere Interessen sind ewig und dauerhaft, und unseren
       Interessen müssen wir folgen.“ [3][In derselben Rede] mahnte Palmerston,
       England dürfe nicht „der Quixote der Welt“ sein, also keinen imaginären
       Idealen nachlaufen.
       
       Donald Trump ist in den USA schon öfter mit dem spanischen Romanhelden
       verglichen worden, der sein Leben lang imaginäre Feinde bekämpft. Viele
       Regierenden auf der Welt spielen mit diesem Trump, den sie für leicht
       manipulierbar halten – nicht nur Modi und Erdoğan, auch Putin und die
       Herrscher am Arabischen Golf. Man schmeichelt dem US-Amerikaner, schenkt
       ihm ein Flugzeug oder eine Nobelpreismedaille, lobt seine Genialität und
       sein Golfspiel, führt ihm Paraden vor und setzt ihn neben Prinzessinnen, er
       liebt die Show. Man zieht daraus einen Vorteil und baut darauf, dass er als
       erster das Thema wechselt.
       
       Kongos Regierung hat US-Investoren das Erstzugriffsrecht auf sämtliche
       Rohstoffe gewährt. Eine ähnliche Rohstoffpartnerschaft hat die Ukraine mit
       den USA geschlossen. Beide hoffen, Trump in ihrem Kampf gegen Russland
       beziehungsweise Ruanda auf ihre Seite zu ziehen, indem sie
       US-Geschäftsinteressen wecken. Beide wissen auch, dass sie sich nicht
       wirklich auf Trump verlassen können. Wären diese Ausverkäufe ernst gemeint,
       würden die Regierungen das politisch nicht überleben. Aber sie haben einzig
       den Zweck, Trump zu betören und ihn einen Tag lang gut aussehen zu lassen.
       
       Wahrscheinlich weiß es auch Trump. Der demnächst 80-jährige US-Präsident
       weiß, dass der Rest der Welt weiß, dass es ihm eigentlich um die Show geht.
       Sonst würde die Welt ja nicht mitspielen. Und das braucht er.
       
       19 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_John_Temple,_3rd_Viscount_Palmerston
 (DIR) [3] https://en.wikisource.org/wiki/Selected_Speeches_on_British_Foreign_Policy,_1738-1914/The_Polish_Question
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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