# taz.de -- US-Sanktionen gegen Richter in EU: Leben ohne Kreditkarte und Amazon
> Der französische Richter am Internationalen Strafgerichtshof ist Ziel von
> US-Sanktionen. Nicolas Guillou fordert Unabhängigkeit im Zahlungssystem.
(IMG) Bild: Nicht begeistert, aber ausdauernd: Richter Nicolas Guillou, hier bei einer Verhandlung am Internationalen Strafgerichtshof 2020
Nicolas Guillou war gerade auf dem Fahrrad in der Bretagne unterwegs, als
er von den Sanktionen der US-Regierung gegen ihn erfuhr. „Jetzt fangen die
Probleme an“, dachte er sich an jenem Tag Ende August 2025, wie er der
Zeitung Libération berichtete.
Und so war es auch: Das Leben des französischen Richters am Internationalen
Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag geriet völlig durcheinander. Der
50-Jährige kann seither seine Kreditkarten nicht mehr nutzen. Auch seine
Konten bei US-Unternehmen wie Amazon, Paypal oder Netflix sind gesperrt.
Nicht einmal Päckchen kommen an, wenn sie vom US-Paketdienst UPS zugestellt
werden. „Ich kaufe nichts mehr online. Ich bin um 40 Jahre zurückgefallen.“
Der Fall Guillou zeigt die Abhängigkeit der EU von US-Zahlungssystemen.
Europa sei in einem „Vasallentum“, kritisierte der Jurist vergangene Woche
bei einer Pressekonferenz in Brüssel. Er warnte davor, dass die
US-Regierung jeden vom internationalen Zahlungsverkehr abschneiden könne.
Denn die EU hat kein eigenes grenzüberschreitendes Zahlungsmittel, so dass
im Ausland nur Karten der US-Unternehmen American Express, Visa oder
Mastercard zum Bezahlen bleiben. Auch in Deutschland gerieten zuletzt
Organisationen in die Bredouille: Die [1][Göttinger Sparkasse etwa kündigte
die Bankkonten der Roten Hilfe] – infolge der US-Sanktionen. Auch bei der
GLS-Bank steht dieser Verdacht im Raum.
Die EU zeigte sich zwar mit dem Richter solidarisch, unternahm aber bisher
nichts zu seinem Schutz. Guillou forderte nun, die Blocking-Verordnung in
Kraft zu setzen. Diese Verordnung schützt EU-Bürgerinnen und Bürger sowie
Unternehmen vor den Sanktionen eines Drittlandes. Gleichzeitig sprach sich
der Richter für eine schnelle Einführung des digitalen Euro aus. Damit will
die Europäische Zentralbank (EZB) frühestens 2028 [2][ein eigenes,
unabhängiges Zahlungsmittel schaffen]. Auch Organisationen wie Finance
Watch appellieren an die EU, dieses Projekt voranzutreiben, um eine
geldpolitische Unabhängigkeit zu garantieren.
## US-Sanktionen für 11 von 18 Richterinnen und Richtern
„Europa braucht mehr Souveränität, vor allem im Digitalen und im
Bankenwesen“, sagte Guillou. Ohne diese Souveränität könne der Rechtsstaat
nicht garantiert werden. Das größte Risiko der Strafmaßnahmen bestehe
nämlich in einer „Selbstzensur“ aller Entscheidungsträger, zu denen er
nicht nur Juristinnen und Juristen, sondern auch Ministerinnen und Minister
sowie Beamte rechnet.
Allein am Internationalen Strafgerichtshof sind 11 der insgesamt 18
Richterinnen und Richter mit US-Strafmaßnahmen belegt. Auf der
US-Sanktionsliste stehen fast 15.000 Menschen, darunter vor allem
Mitglieder der Terrororganisationen al-Qaida und Islamischer Staat sowie
Mafiosi.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte am Wochenende in einem Brief
an die US-Regierung, die Sanktionen gegen Guillou sowie den ehemaligen
EU-Kommissar Thierry Breton zurückzunehmen. „Die Sanktionen gegen Nicolas
Guillou verletzen das Prinzip der Unabhängigkeit der Justiz und das Mandat
des Internationale Strafgerichtshofes“, schrieb der Staatschef.
Die Maßnahmen gegen den Richter sind eine Reaktion auf die [3][Haftbefehle
gegen den israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu] und den früheren
Verteidigungsminister Yoav Gallant. Der Internationale Strafgerichtshof
hatte beiden Männern im Herbst 2024 Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit im Gaza-Streifen vorgeworfen.
## „Versuchskaninchen“ der fehlenden Souveränität
Breton traf im Dezember ein US-Einreiseverbot, weil er als EU-Kommissar für
den Digital Services Act verantwortlich war – ein EU-Gesetz, das
einheitliche Regeln für Online-Dienste festlegt. Dazu zählen Marktplätze
ebenso wie Social-Media-Netzwerke, App-Stores und Online-Reiseplattformen.
Für Guillou gelten noch strengere Sanktionen: US-Unternehmen und deren
Filialen im Ausland ist es verboten, ihm Dienste zur Verfügung zu stellen.
„Alle amerikanischen Unternehmen sind mobilisiert, um die sanktionierten
Personen einzuschüchtern“, warnte Guillou in der Zeitung Le Monde. Über die
Website Expedia habe er beispielsweise in Frankreich ein Hotelzimmer
reserviert, das wenige Stunden später wieder storniert wurde – wegen der
Strafmaßnahmen. Er reserviert nun am Telefon und zahlt in bar. Ansonsten
nutzt er eine niederländische Debitkarte.
Sich selbst sieht Guillou als eine Art „Versuchskaninchen“ der fehlenden
europäischen Souveränität im Zahlungssystem. Die EU erlebe nun einen
ähnlichen Moment wie 2022, als der russische Angriff auf die Ukraine die
europäische Abhängigkeit vom russischen Gas deutlich gemacht habe.
Auch wenn er mit jahrelangen Sanktionen rechnet, gibt der Richter sich
kämpferisch: „Ich bin Bretone und kann sehr lange durchhalten.“
23 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christine Longin
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