# taz.de -- Angriffe auf Kurden in Syrien: Tote, Verletzte und Vertriebene in Aleppo
> Syrische Truppen greifen zwei von Kurden bewohnte Stadtviertel Aleppos
> an. Die Milizen werden zum Teil von der Türkei unterstützt.
(IMG) Bild: Kurdische Zivilisten fliehen aus Aleppo
Neun Tote, Hunderte Verletzte und Tausende Vertriebene sind die vorläufige
Bilanz eines bewaffneten Angriffs auf die kurdischen Stadtviertel Scheich
Maksud und Aschrafiyya in Aleppo. Die Angriffe begannen zum Wochenstart und
hielten bis Mittwoch an. Beide Viertel werden von Soldaten der
islamistischen Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa und weiteren
islamistischen Milizen, die teilweise von der Türkei ausgerüstet und
bezahlt werden, belagert und teils auch mit schweren Waffen wie Haubitzen
angegriffen.
Am Dienstag öffneten die Regierungssoldaten sogenannte „humanitäre
Korridore“, durch die Zivilisten die Viertel verlassen konnten. Beide
Seiten werfen sich gegenseitig vor, mit den Feindseligkeiten begonnen zu
haben. Allerdings gibt es von kurdischer Seite keinerlei Gründe dafür, das
zu tun.
Stattdessen wirft die kurdische Selbstverwaltung für Nordost-Syrien der
Regierung in Damaskus vor, [1][ein im März vergangenen Jahres geschlossenes
Abkommen zur Integration der Kurden] in den neuen syrischen Staat gebrochen
zu haben. Nach dem März-Abkommen hatten die Demokratischen
Selbstverteidigungskräfte (SDF) ihre schweren Waffen aus Aleppo abgezogen
und lokalen Sicherheitskräften die Kontrolle über die Stadt anvertraut.
Nach dem Sturz von Baschir al-Assad im Dezember 2024 hatte al-Scharaa in
Aleppo einen Gefolgsmann [2][von der islamistischen HTS-Miliz] zum
Bürgermeister der zweitgrößten syrischen Stadt ernannt, der die Zahl der
Kurden in Aleppo gern verringern würde. Die Islamisten werden dabei von der
Türkei unterstützt, die seit Jahren fordert, alle Kurden müssten sich
hinter den Euphrat nach Osten zurückziehen.
Die Spannungen in Aleppo hängen auch damit zusammen, dass das Abkommen von
März 2025 nicht umgesetzt wird. Danach sollten die [3][bewaffneten
kurdischen Kräfte der SDF-YPG] in die neue syrische Armee integriert, aber
gleichzeitig die Rechte der kurdischen Minderheit in dem neuen Staat
geregelt werden. Zwar gab es dazu etliche Gespräche zwischen kurdischen
Vertretern und Verantwortlichen der syrischen Übergangsregierung, doch
haben diese bislang zu keiner Einigung geführt.
Von kurdischer Seite hieß es, man habe eingewilligt, sich dem Oberkommando
aus Damaskus zu unterstellen, wenn die bisherigen SDF-YPG-Kämpfer in drei
Divisionen zusammengefasst würden, die alle im Nordosten Syriens
stationiert bleiben. Es solle eine bereits bestehende Frauendivision geben,
eine Division zum Schutz der Grenzen zur Türkei und zum Irak und eine
Division zur Terrorbekämpfung, also zur Verfolgung des IS.
Aus Damaskus heißt es dagegen, eine solche Vereinbarung gebe es nicht, die
kurdischen Kämpfer müssten einzeln in die Armee integriert werden. Die
kurdische DEM-Partei aus der Türkei spricht jetzt davon, mit den Angriffen
in Aleppo hätte die al-Scharaa- Regierung das Abkommen von März vergangenen
Jahres de facto aufgekündigt.
Die DEM verhandelt seit über einem Jahr mit der Regierung Erdoğan über die
Auflösung der kurdischen PKK-Guerilla und einen neuen Status für die Kurden
in der Türkei. Aus Sicht der türkischen Regierung sind die kurdischen
Milizen in Syrien Teil der PKK und [4][müssten ihre Waffen genauso
niederlegen wie die PKK im Irak].
## Türkei macht Druck auf syrische Übergangsregierung
[5][Die türkische Regierung arbeitet mit der syrischen Übergangsregierung
eng zusammen und drängt seit Längerem Damaskus], endlich das Kommando über
die Kurden zu übernehmen und die bewaffneten kurdischen Milizen von der
türkisch-syrischen Grenze zu entfernen. Die Angriffe auf die Kurden in
Aleppo sollen sowohl die kurdische Führung unter Druck setzen, als auch
letztlich die Kurden aus ihren Vierteln in Aleppo vertreiben.
Im türkischen Fernsehen wurde am Mittwochabend immer wieder darauf
hingewiesen, dass die kurdischen Viertel auf einer Anhöhe liegen und in
Aleppo deshalb auch strategisch wichtig wären. Die Kurden müssten deshalb
dort weg.
Die meisten Kurden in Aleppo stammen eigentlich aus dem ehemals kurdischen
Kanton Afrin, der im März 2018 von der türkischen Armee erobert und
anschließend den mit ihr verbündeten islamistischen Milizen überlassen
wurde. Diese setzten in Afrin eine „ethnische Säuberung“ durch, bei der
fast alle Kurden vertrieben wurden. Viele von ihnen flüchteten daraufhin
nach Aleppo.
Noch [6][während des Vormarsches der HTS-Miliz auf Damaskus 2024] begannen
mit der Türkei verbündete Milizen mit massiven Angriffen auf von Kurden
gehaltene oder besiedelte Ortschaften westlich des Euphrats. Diese Angriffe
wurden erst durch Vermittlung der US-Armee gestoppt. Während sich die USA
derzeit um eine Vereinbarung zwischen der al-Scharaa-Regierung und Israel
für den Süden Syriens bemühen, greifen die islamistischen Milizen im Norden
die Kurden erneut an.
8 Jan 2026
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