# taz.de -- Thilo Bode über das Mercosur-Abkommen: „Aus der Zeit gefallen“
> Der Welthandel kann neu gestaltet werden, so Foodwatch-Gründer und
> langjähriger Greenpeace-Chef Thilo Bode. Nachhaltiger Wettbewerb sei
> möglich, trotz Trump.
(IMG) Bild: Rinder in Argentinien: Nehmen preiswerte Rindfleischexporte aus Lateinamerika EU-Bauern die Butter vom Brot?
taz: Seit 25 Jahren wurde das [1][Mercosur-Freihandelsabkommen] verhandelt.
Am Samstag unterschreibt EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen das
Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten in Paraguay. Warum
haben sich die [2][Verhandlungen so lange hingezogen]?
Thilo Bode: Bei Mercosur geht es um harte Konflikte, vor allem in der
Landwirtschaft. In Frankreich sind die Landwirte noch schlagkräftiger
organisiert als bei uns, die Bauernproteste sind zum Teil militanter Natur.
Sie fürchten, dass preiswerte Rindfleischexporte aus Lateinamerika ihnen
die Butter vom Brot nehmen. Auf der anderen Seite verhandelt die
Autoindustrie mit. Die Südamerikaner sehen sich im Nachteil gegenüber
leistungsfähiger europäischer Technik.
taz: Das Freihandelsabkommen TTIP zwischen Europa und den Vereinigten
Staaten [3][haben Sie erfolgreich bekämpft]. Wie bewerten Sie Mercosur?
Bode: Mercosur ist ein Handelsabkommen der alten Generation. Bei TTIP, das
jetzt auf Eis liegt, und beim deutsch-kanadischen Freihandelsabkommen Ceta
stand die Angleichung sogenannter nichttarifärer Handelshemmnisse im
Vordergrund, zum Beispiel von Umwelt-, Verbraucher- und technischen
Standards. Über diese entscheidet dann nicht etwa das EU-Parlament, sondern
[4][mit Bürokraten besetzte Gremien].
taz: TTIP ist daran gescheitert, aber bei Ceta ist die Sache noch nicht
entschieden.
Bode: Foodwatch hat gegen das Prinzip erfolgreich Verfassungsbeschwerde
eingelegt. Endgültig wird aber erst entschieden, [5][wenn Ceta von allen
EU-Mitgliedsstaaten ratifiziert ist]. Das kann zwar noch dauern, auch wenn
das Abkommen seit der Unterzeichnung durch die EU schon vorläufig in Kraft
ist.
taz: Und bei Mercosur ist das kein Problem?
Bode: Mercosur ist eigentlich aus der Zeit gefallen. Ich bin nicht gegen
Freihandel, im Gegenteil, er kann großen Nutzen haben. Aber es ist
schädlich, Wettbewerbsfähigkeit nur an den Preisen festzumachen. Wer am
billigsten produziert, hat hier den Vorteil, egal, welche Schäden das
verursacht. Zukunftsfähig ist das nicht. Ich sage, wir brauchen stattdessen
eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit.
taz: Nachhaltiger Wettbewerb? Ist das nicht ein Widerspruch?
Bode: Warum denn? Es ist eine notwendige Weiterentwicklung des Prinzips der
Wettbewerbsfähigkeit. Ein Beispiel: Seit dem 1. Januar 2026 existiert in
Europa testweise das [6][EU-Grenzausgleichssystem CBAM (Carbon Border
Adjustment Mechanism, d. Red.)]. Es regelt unter anderem den Import von
Stahl, Zement, aber auch von Düngemitteln. Diese Rohstoffe verursachen bei
der Herstellung große Mengen an Treibhausgasen. Beim Import in die EU
müssen Exporteure aus Drittstaaten Abgaben zahlen, falls sie bei der
Herstellung höhere Emissionen verursachen, die dort nicht kompensiert
werden. Das importierte Produkt wird durch die Abgaben entsprechend
verteuert und es wird Wettbewerbsgleichheit hergestellt.
taz: Zölle auf Umweltkosten sozusagen?
Bode: Ja, aber das System ist im Gegensatz zu [7][Trumps willkürlichen
Zöllen] mit den Regeln der Welthandelsorganisation WTO vereinbar. Wenn ein
Unternehmen durch erheblichen Pestizideinsatz einen Rohstoff, zum Beispiel
Getreide, billiger anbieten kann, muss es den beim Getreideanbau
entstehenden Umweltschaden eben ausgleichen. Dann ist es mit dem
umweltpolitischen race to the bottom, also dem Wettbewerb nach unten, zu
Ende. Vielmehr gibt es einen Anreiz für eine nachhaltige
Wettbewerbsfähigkeit. Und das endlose Geschacher wie bei Mercosur wäre
Vergangenheit.
taz: Ein Vorbildmodell?
Bode: Die EU ist mit 450 Millionen Verbrauchern der größte Binnenmarkt der
Welt. Das ist ein erheblicher Anreiz für andere, ihre Standards im Klima-,
Arten- und Bodenschutz anzuheben. Das wäre eine Revolution! Damit würde die
EU beweisen, dass sie auch in der Lage ist, nach vorne zu denken.
taz: Und Mercosur hat nichts dergleichen vorzuweisen.
Bode: Mercosur ist ein Abkommen von gestern. Nachteile für [8][Landwirte
werden durch steuerfinanzierte Zahlungen ausgeglichen], und es geht weiter
wie bisher – mit einer Landwirtschaft, die der umweltschädlichste aller
Wirtschaftssektoren ist.
taz: Und worauf sollten wir uns stattdessen konzentrieren?
Bode: Freihandel und Wettbewerb haben immer dazu beigetragen, dass die
Preise sinken – außer man rechnet die Umweltschäden mit ein. Diesen enormen
Nachteil könnten wir vermeiden.
taz: Ist die EU mit ihren Bemühungen nach Harmonisierung von Standards
nicht auf dem richtigen Weg?
Bode: Umweltzölle wären ein wichtiger Ausgangspunkt für ein alternatives,
besseres Modell internationaler Beziehungen, vor allem in der
Landwirtschaftspolitik. Aber darüber hört man in der EU wenig – eher im
Gegenteil. Umwelt- und Klimaschutz passen nicht mehr ins Weltbild. Es fehlt
der starke politische Impuls, zu sagen: Wir haben eine andere Auffassung
von internationalem Handel – einem Handel, der den Menschen hilft und
unsere Lebensgrundlagen schützt.
taz: Könnte die EU sich gegen den Trump im Porzellanladen auf
internationaler Bühne überhaupt durchsetzen?
Bode: Die Reaktion der EU auf Trumps Angriffe gegen die WTO ist ein
Armutszeugnis. Hier wird der erbärmliche Zustand der EU als platter
Wirtschaftsraum offenbar. Es muss Schluss sein mit dem Gefeilsche.
Stattdessen müssen wir dafür kämpfen, den internationalen Handel insgesamt
neu zu erfinden.
taz: Und da könnte die EU was genau ausrichten?
Bode: Trump versucht, die Regeln insgesamt abzuschaffen, nicht nur beim
Umweltschutz. In seiner Vorstellung erhebt der Stärkere die Zölle und
diktiert die Preise. Das geht gegen alle bestehenden Regeln des
Welthandels: In der „Most-Favored-Nation-Klausel“ der
[9][Welthandelsorganisation WTO] ist etwa festgelegt, dass Zölle und
Zollsenkungen allen Handelspartnern gleich angeboten werden. Dieses Prinzip
unterläuft Trump mit Handelsabkommen, die nur dem Stärkeren dienen.
taz: Das spricht nicht gerade für die Wirksamkeit internationaler Regeln …
Bode: Die [10][WTO] ist praktisch tot. Sie muss wiederbelebt und neu
aufgestellt werden. Das ist auch machbar. Nur fällt Europa
bedauerlicherweise als Gestaltungskraft aus.
taz: Sie haben mal geschrieben: „Die EU schützt allein die Freiheit des
Marktes“.
Bode: Die EU basiert auf den sogenannten vier Grundfreiheiten des Marktes,
dem freien Austausch von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital. Der
Mensch stand beim europäischen Projekt nie im Mittelpunkt. Die
Lebensumstände werden weiterhin von den Nationalstaaten bestimmt. Rente,
Ausbildung, Gesundheitswesen, Mieten, das bestimmen alles die
Mitgliedstaaten. Wie soll sich denn da ein europäisches Bewusstsein
entwickeln – in dem Sinne, dass sich die Menschen in Europa zu Hause
fühlen?
taz: Keine Gestaltungsmacht ohne mehr Europa?
Bode: Gestaltungsmacht hat Europa nur, wenn seine Bürger sich auch als
Europäer fühlen und von Europa für ihre Lebensumstände profitieren.
[11][Merz, Macron und Co tun so, als ob sie ein europäisches Volk
regieren]. Das ist für mich eine unerträgliche Anmaßung.
taz: Der Begriff der europäischen [12][Souveränität] ist in aller Munde,
seit Trump auf internationaler Bühne treibt, was er will.
Bode: Dabei ist das doch zu kurz gesprungen. Das Ganze erwächst aus einem
unglaublich elitären Demokratieverständnis. Per Mehrheitsprinzip
hergestellte Legitimation geht nicht von den Staaten auf die EU über,
solange sie nicht ein Souverän wird, der für mich sorgt. Auch die ständige
Erweiterung der EU macht es schwierig, einen europäischen Staat mit
europäischen Bürgerinnen und Bürgern zu schaffen. Das macht Souveränität
zur akademischen Nullnummer.
taz: Lasset alle Hoffnung fahren.
Bode: Trump ist nur eine Figur mit einer Rolle. Die kann wechseln. Es kann
schlimmer werden, genauso weitergehen oder auch besser werden.
Realistischerweise wissen wir das nicht. Aber solange es nicht ein Beispiel
gibt, das sich dem wild um sich schießenden Trump etwas entgegenstellt,
auch wenn es erst einmal nur ein Anfang ist, wie bei den Umweltzöllen, so
lange kommen wir nicht weiter. Europa kann es nur schaffen, wenn wir uns
unsere alten Fehler genau anschauen. Das System Helmut Kohl – erst kommt
die wirtschaftliche Integration und dann kommt die politische Integration
von selbst – ist gescheitert.
taz: Und das Mercosur-Abkommen ist Teil dieses alten Systems?
Bode: Mercosur kann der Anfang für eine schonungslos offene Debatte dafür
sein, welche Rolle Europa in der Welt zum Nutzen aller spielen müsste und
könnte. Das Potenzial ist riesig. Mit markigen Sprüchen über die
Notwendigkeit, eine militärische Großmacht zu werden, wird Europa sich
nicht zu der auf unseren viel zitierten europäischen Werten beruhenden
Gestaltungsmacht entwickeln. Dabei wird sie doch so dringend gebraucht.
17 Jan 2026
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