# taz.de -- Rechtsruck in Frankreich: Rechtspopulismus auf der Überholspur
       
       > In Frankreich steht die Rechtspopulistin Marine Le Pen erneut vor
       > Gericht. Doch ihre politischen Vorschläge sind so populär wie noch nie.
       
 (IMG) Bild: Jordan Bardella, Vorsitzender der rechtsextremen französischen Partei Rassemblement National (RN), in Bordeaux am 14. 9. 2025
       
       Der Einfluss der [1][Rechtspopulisten] in Frankreich ist in spektakulärer
       Weise gestiegen. Laut einer jährlich durchgeführten Meinungsanalyse teilen
       mittlerweile 42 Prozent der Befragten die Ideen oder Lösungsvorschläge des
       Rassemblement National (RN).
       
       In den 1970er Jahren wurde diese Partei vom offen antisemitischen
       Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen zusammen mit einem ehemaligen
       Waffen-SS-Mitglied unter dem Namen Front National gegründet. Unter der
       Führung seiner Tochter Marine Le Pen wurde sie sukzessive verharmlost und
       damit „salonfähig“.
       
       Als 2002 Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl der Präsidentschaftswahlen
       gelangte, betrachteten ihn 70 Prozent der Befragten als Bedrohung für das
       demokratische System, 71 Prozent lehnten seine Ideen ab. Heute halten nur
       44 Prozent der Franzosen diese Partei für „eine Gefahr für die Demokratie
       in Frankreich“.
       
       Frankreich ist zweigeteilt. Was einer Hälfte als glaubwürdige Alternative
       zur unpopulären heutigen Staatsführung erscheint, bleibt für die praktisch
       ebenso starke Gegenseite eine existenzielle politische Bedrohung,
       insbesondere wegen klar verfassungswidriger Forderungen und einer als
       „xenophob“ bezeichneten Politik.
       
       ## Für viele ist das RN „die einzige Alternative“
       
       Seit rund 40 Jahren analysieren die Meinungsforscher des Instituts Verian
       für die Zeitung Le Monde und das Parlamentsmagazin L’Hémicycle den Einfluss
       der rechtsextremen Bewegung und ihr Gewicht in der öffentlichen Meinung.
       [2][Pikant ist, dass Le Monde die diesjährigen Ergebnisse am ersten Tag der
       Verhandlungen gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen vor dem Pariser
       Berufungsgericht publiziert.]
       
       Die RN-Vorsitzende muss sich zusammen mit elf anderen Mitgliedern wegen des
       Vorwurfs der Unterschlagung von Geldern des EU-Parlaments verantworten. In
       erster Instanz war sie bereits verurteilt worden. Der politischen
       Glaubwürdigkeit der Bewegung scheint dies jedoch nicht geschadet zu haben.
       
       Allerdings: Der Umfrage zufolge wäre der voraussichtliche Ersatzmann Jordan
       Bardella schon jetzt für die Präsidentschaftswahlen 2027 das bessere
       Angebot – unabhängig von der Frage, ob Marine Le Pen per Gerichtsurteil an
       einer erneuten Kandidatur gehindert wird. 49 Prozent denken, dass der
       30-jährige Parteichef die besten Wahlchancen habe, und nur 18 Prozent
       setzen lieber auf Le Pen. Diese Zahlen sind demütigend für sie, da sie
       Bardella nur als „Plan B“ vorgesehen hatte.
       
       Ihre rechtspopulistische Bewegung und deren Ideen aber waren noch nie so
       populär wie heute. „Alles scheint vom RN abzugleiten, namentlich die
       Justizaffären, die dem Image von Marine Le Pen schaden (können), nicht aber
       der Dynamik ihrer Partei“, kommentiert Verian-Direktor Eddy Vautrin-Dumaine
       in Le Monde.
       
       ## Medienimperium Bolloré unterstützt die Rechtspopulisten unverhüllt
       
       Zum Beispiel wären 66 Prozent für ein generelles Verbot des islamischen
       Schleiers im öffentlichen Raum, das sind 10 Prozentpunkte mehr als bei der
       Befragung von 2024. Auch die Forderung, die Justiz solle „kleine
       Delinquenten“ härter anpacken, ist um denselben Anteil auf 80 Prozent
       Zustimmung gestiegen. 64 Prozent möchten, dass die Polizei mehr Machtmittel
       erhält – das ist ein Anstieg von 5 Prozentpunkten. Für eine erschwerte
       Zusammenführung von Migrantenfamilien sprechen sich mehr als 60 Prozent
       aus.
       
       Die extreme Rechte, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich politisch
       marginal war, hat ihren ideologischen Einfluss deutlich verstärkt. Für rund
       ein Drittel der Befragten stellt das RN „die einzige Alternative“ dar, weil
       alle anderen politischen Kräfte, namentlich das Lager von Präsident
       Emmanuel Macron, ganz massiv an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren
       haben.
       
       Le Monde ergänzt in einem Leitartikel, dass die extreme Rechte auch in den
       Medien ein immer größeres Gewicht einnimmt. Das Medienimperium des
       ultrakonservativen Milliardärs Vincent Bolloré beispielsweise unterstützt
       die Rechtspopulisten unverhüllt.
       
       Die Analyse von Verian belegt, dass in relativ kurzer Zeit vor allem
       innerhalb der konservativen Rechten die frühere Ablehnung der als
       extremistisch empfundenen Ideen einer weitgehenden Zustimmung Platz macht.
       Aber auch erklärte Linkswähler teilen in größerem Umfang bestimmte
       Vorschläge, die (auch) im Zentrum des RN-Programms stehen.
       
       [3][Kann man daraus schließen, dass die „Brandmauer“ in der öffentlichen
       Meinung bereits Vergangenheit ist?] Weiterhin werden wahrscheinlich nicht
       alle, die in besonders populären Punkten mit dem RN einverstanden sind,
       auch die Rechtspopulisten an die Macht bringen wollen.
       
       14 Jan 2026
       
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 (DIR) Rudolf Balmer
       
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