# taz.de -- Film „Die, My Love“: Gnade dem Tier in mir
       
       > „Die, My Love“ ist ein Film, der nicht verstanden, sondern ertragen
       > werden will – darin zeigt Lynne Ramsay, was Kino kann, wenn es nicht
       > erklärt.
       
 (IMG) Bild: Jennifer Lawrence zeigt als Grace in „Die, My Love“, wie das Zerbrechen aussieht, wie es klingt, wie es atmet
       
       Mit einem einzigen und unbewegten Blick beginnt es: Die Kamera schaut aus
       dem Inneren eines Hauses, als betrachte sie das Menschliche von einem Ort
       aus, an dem es bereits vergangen ist. Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson
       (Robert Pattinson) fahren mit dem Pick-up vor. Kein Schnitt, kein Übergang,
       als das junge Paar in das eintritt, was ein Neuanfang sein soll und
       zumindest für Jackson die Möglichkeit auf Glück enthält.
       
       Die alten Blumentapeten mögen aus der Zeit gefallen wirken, Laub auf dem
       knarrenden Dielenboden verstreut liegen. Er aber zeichnet sofort, was
       zwischen diesen Wänden sein könnte. Ein Album könne er hier drin aufnehmen,
       schwärmt er. Und Grace könnte den ganzen Tag lang schreiben, mit nichts als
       Vogelgezwitscher, das sie stören würde.
       
       Es ist eine prophetische Sequenz, mit der „Die, My Love“ eröffnet.
       Prophetisch jedoch in einem anderen Sinn, als Jacksons Zukunftsfantasie es
       vermuten lässt. Denn so euphorisch seine Worte klingen mögen, so wenig
       dringen sie zu Grace durch. Sie wandelt zögernd durch das Haus, streichelt
       ihr Schwangerschaftsbäuchlein und fragt Jackson, wie sein Onkel Frank, von
       dem sie dieses Stück Land nun erben, noch mal gestorben sei.
       
       Die Frage nach dem Tod ist es, und das fahle Licht, das durch die Fenster
       fällt, die Schatten eines Hauses, das niemals ganz hell zu werden scheint,
       die all das bereits andeuten, was kommen wird: Hinter der vermeintlichen
       Idylle liegt kein Zauber und kein Anfang, sondern etwas, das sich wie ein
       Fluch anfühlt, wie ein unabwendbarer Abstieg.
       
       Was Grace in ihrem Innersten quält, das wagt „Die, My Love“ ebenso wenig zu
       vereindeutigen wie die gleichnamige Romanvorlage der argentinischen
       Schriftstellerin [1][Ariana Harwicz]. Doch wie schon das Buch hält auch
       seine Adaption unerschütterlich an ihrer Perspektive fest, folgt ihr in
       flüchtigen Stimmungen und fiebrigen Regungen, und lässt teilhaben an jenem
       Aufruhr ihrer Seele, der sich in beinahe jeder ihrer Gesten und Blicke
       mitteilt.
       
       ## Jenseits jeder Halt versprechenden Kausalität
       
       Wer es sich leicht machen will, der wird das Werk als einen erschütternden
       Psychothriller über eine postnatale Depression beschreiben und es damit
       sogleich fälschlicherweise auf das modische Diskursschlagwort
       „[2][Regretting Motherhood]“ reduziert haben. Zwar haben sich die Dinge für
       Grace bereits drastisch verschlechtert, als der Film sie wenige Schnitte
       später zeigt – mit einem Küchenmesser in der Hand, auf allen Vieren auf der
       Wiese vor dem Haus, einem Raubtier gleich, das sich langsam auf ihren
       unaufhörlich Bier trinkenden und Bademantel tragenden Gatten und ihr
       quengelndes Baby zubewegt.
       
       Doch was in ihr gärt, bleibt schwer zu fassen und wirkt dadurch umso
       verstörender. Gäbe es eine klare Ursache, ließe sie sich vielleicht
       erkennen und – im Sinne einer therapeutischen Ordnung, die aus jedem
       Schmerz am liebsten ein handliches und leicht wegzurationalisierendes
       Symptom machte – beheben.
       
       Was hier wütet, ist aber formlos, widerspenstig, äußert sich bald in gegen
       sich selbst gerichtete Gewalt, und entzieht sich jeder einfachen, Halt
       versprechenden Kausalität. Grace hört auf zu funktionieren, wird
       lethargisch, vernachlässigt den Haushalt und sich selbst, ergeht sich in
       endloser Langeweile und in etwas, von dem nicht immer klar ist, ob es bloße
       Fantasterei oder Verzweiflungstat ist.
       
       Damit kehrt [3][Lynne Ramsay] rund acht Jahre nach ihrem letzten Spielfilm
       „A Beautiful Day“ (2017) mit einem Werk zurück, das sich nahtlos in ihr
       bisher leider nur sehr schmales Œuvre einfügt.
       
       Schon in [4][„We Need to Talk About Kevin“] (2011), ihrem Porträt einer
       Mutter, die am Tätersein ihres Sohnes zerbricht, interessierte sich die
       schottische Regisseurin weniger für das „Warum“ als für das „Wie“ des
       Schmerzes: Die Art, wie er sich in den Körper einschreibt, seine Gestalt,
       seine Dauer, seine unheilvolle Schönheit.
       
       ## Wie in einem luftleeren Raum gefangen
       
       „Die, My Love“ führt diese Haltung radikal fort und zeigt Grace etwa, wie
       sie nachts apathisch erwacht, das weinende Kind beruhigt, danach an den
       Schreibtisch tritt und gedankenverloren Tintenkleckse aufs leere Papier
       streut, ehe sich aus der nach dem Stillen unbedeckt gebliebenen, halb
       vergessenen Brust ein paar Tropfen Muttermilch hinzumischen – als
       verwischte sich der Traum vom Schreiben mit der Wirklichkeit.
       
       Einen Moment später fließen die Bilder ineinander: Aus dem Weiß des Papiers
       wird das Schwarz des nächtlichen Himmels. Grace steht neben ihrem Mann, der
       sagt, er fühle sich beim Blick in die Sterne als Teil eines großen Ganzen,
       sie hingegen nur wie ein „Nichts“.
       
       In seinem mitunter poetisch aufgeladenen Schrecken vor der plötzlichen
       existenziellen Leere erinnert „Die, My Love“ sehr an [5][Sylvia Plaths
       einzigen Roman „Die Glasglocke]“. Auch Grace ist wie in einem luftleeren
       Raum gefangen, atemlos und abgesondert von ihren wohlmeinenden Mitmenschen,
       die mit belanglosen Gesprächen und Selbstvergewisserungsritualen zwischen
       Kindergeburtstagen und „Kaffee und Kuchen“ zufrieden scheinen, und ihr
       dadurch wie unheimliche Fremde.
       
       ## Aufbegehren wie ein Tier im Käfig
       
       Zwar verlegen Lynne Ramsay und ihre Co-Autoren [6][Alice Birch] und Enda
       Walsh den Schauplatz von der französischen Peripherie in ein ländliches
       Montana. Doch scheint das, was Kameramann Seamus McGarvey („Abbitte“) in
       graugrün und nikotingelb leuchtende Bilder übersetzt, vor allem wie ein
       assoziativer Nichtort – übertragbar auf die Abgeschiedenheit eines jeden
       Dorfes, in dem sich weibliche Lebensentwürfe abseits patriarchal geprägter
       Vorstellungen kaum einmal denken lassen.
       
       Für Grace kippt die trügerische Ruhe umso mehr in eine erstickende Starre,
       als sich mit Jackson ihr einziger Verbündeter im Unangepasstsein immer
       weiter abwendet und aus einem romantischen „Wir gegen den Rest der Welt“
       ein „Ich gegen alle anderen“ wird. Denn der Mann, der, wie sie, einst vom
       Ausbruch aus dem grauen Alltag zu träumen schien, zu lauter Musik durchs
       Haus hüpfte, Witze machte und mit ihr viel spontanen Sex hatte, fügt sich
       nun in jene Logik, die sie kaum noch erträgt, und ist ihr – wie der
       beiläufige Blick auf eine immer neue Kondompackung im Handschuhfach verrät
       – obendrein untreu.
       
       Das Schweigen und das ständige Vorgeben, als sei alles in Ordnung, kann
       Grace nur mit Schwiegermutter Pam (Sissy Spacek) brechen. Aber auch das nur
       in Andeutungen, denn obwohl Pam den Suizid ihres Mannes zu verkraften hat,
       ist sie schon zu festgefahren im Gebot, die Harmonie zu wahren. Wo
       Wortlosigkeit herrscht, bleibt in „Die, My Love“ nur noch die körperliche
       Rebellion. Grace begehrt auf wie ein Tier im Käfig – „God help the Beast in
       Me“ von Johnny Cash erklingt passenderweise im Film –, das sich die Krallen
       aufkratzt und den Kopf blutig schlägt.
       
       ## Körper als Projektionsfläche existenzieller Zustände
       
       Kaum jemand könnte diese Rolle glaubhafter verkörpern als [7][Jennifer
       Lawrence]. Schon in Darren Aronofskys „mother!“ bewies sie eine seltene
       Furchtlosigkeit, den Körper zur Projektionsfläche existenzieller Zustände
       zu machen – hier aber treibt sie das mit aller schauspielerischen Macht
       weiter. Sie zieht Grimassen, wenn ihre Figur auf das wohltemperierte Gerede
       der anderen, das ihre eigene Sprachlosigkeit nur lauter macht, nicht mehr
       anders zu reagieren weiß. Und sie überzeugt ebenso, wenn plötzlich jede
       Regung in diesem Gesicht versiegt, wenn nach der Wut nichts mehr als
       Resignation bleibt. Jennifer Lawrence spielt nicht nur eine Frau, die an
       der Welt zerbricht, sie zeigt, wie das Zerbrechen aussieht, wie es klingt,
       wie es atmet.
       
       Gerade darin liegt die Wucht von „Die, My Love“: In der kompromisslosen
       Übersetzung innerer Zustände in Bilder und Klänge, in eine Form von Kino,
       die das Unsagbare nicht erklärt, sondern fühlbar macht. Lynne Ramsays Film
       stemmt sich gegen die Sprachlosigkeit ebenso wie gegen die Bequemlichkeit
       des sinnhaften Deutens – und findet in der Verzweiflung seiner
       Protagonistin eine eigene, wilde Form der Wahrheit. Ein Film, der fordert,
       weil er keine Distanz erlaubt, der im Ungeklärten endet und gerade darin
       nachhallt.
       
       11 Nov 2025
       
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