# taz.de -- Proteste in Iran: Die Leichen stapeln sich bis zur Decke
> Die Gewalt des Regimes erschüttert selbst erfahrene Aktivist*innen.
> Die Proteste werden leiser, die Verzweiflung wächst. Denn es kommt keine
> Hilfe.
(IMG) Bild: Das ausgebrannte Wrack eines Busses auf dem Sadeghieh-Platz in Teheran
In Kahrizak, südlich von Irans Hauptstadt Teheran, zeigen fünf von Amnesty
International geprüfte Videos eine improvisierte Leichenhalle. Mindestens
205 Leichensäcke sind zu sehen. Auf einem Bildschirm im Gebäude laufen
Fotos der Toten mit einer fortlaufenden Nummerierung. Der Zähler steigt auf
250.
Ein Augenzeuge berichtete gegenüber der BBC Persian, die Leichen hätten
„übereinander gelegen“, manche Räume seien so voll gewesen, dass sich Türen
nicht mehr hätten öffnen lassen. Amnesty spricht von „massenhaften
rechtswidrigen Tötungen in bislang beispiellosem Ausmaß“.
Das Ausmaß der Gewalt hat selbst erfahrene Aktivist*innen erschüttert.
Dennoch sind die Proteste in Iran wieder leiser geworden. Laut
Menschenrechtsorganisationen wurden zwischen 2.000 und 3.000 Menschen
getötet. Das iranische Exilmedium Iran International spricht sogar von
12.000 Toten.
Amnesty International dokumentiert ein koordiniertes Vorgehen:
Revolutionsgarden, Basij-Milizen, Polizei und zivile Einsatzkräfte feuern
gezielt aus Straßen, von Dächern und aus Gebäuden – darunter Moscheen und
Polizeistationen. Geschossen wurde häufig auf Kopf und Oberkörper.
## Keine Identifizierung
Auch Krankenhäuser wurden zu Orten der Überforderung. Ein medizinischer
Mitarbeiter aus Mashhad sagte Amnesty, allein in einer Nacht seien 150 tote
junge Menschen in ein Krankenhaus gebracht worden. Eine verletzte junge
Frau sei dort gestorben, Sicherheitskräfte hätten versucht, ihren Tod den
„Randalierern“ zuzuschreiben – die Familie habe sich geweigert, das zu
akzeptieren. Andere Tote seien ohne Identifizierung beerdigt und Angehörige
erst im Nachhinein informiert worden.
In Kermanshah beschrieb ein verletzter Demonstrant die Lage so: „Kermanshah
fühlt sich an wie ein Kriegsgebiet. Es ist ein Kugelhagel. Polizisten kamen
aus den umliegenden Gassen und eröffneten das Feuer. Wir rannten alle, aber
der Schussknall riss nicht ab. Ich wurde von 20 Metallkugeln getroffen und
suchte Zuflucht in einem nahegelegenen Haus. Die Sicherheitskräfte
beschossen sogar die Häuser von Menschen, die Flüchtenden Schutz
gewährten.“
Ein Journalist aus Teheran richtete einen verzweifelten Appell an Amnesty:
„Sagen Sie der Welt, dass in Iran unaussprechliche Verbrechen begangen
werden. Sagen Sie der Welt, dass [die Behörden] das Land in einen Friedhof
verwandeln werden, wenn sie nichts unternimmt.“
Seit dem 8. Januar ist das Internet fast vollständig abgeschaltet.
Nationale Telefonate funktionieren nur stundenweise. Amnesty International
warnt: Der Kommunikationsblackout erschwere nicht nur Hilfe, sondern
gefährde Beweise. [1][Die Internetsperre] sei kein „Krisenmanagement“,
sondern der Versuch, ein Verbrechen zu vertuschen.
## Große Frustration
Dass die Proteste derzeit weniger sichtbar sind, ist auch Ausdruck dieser
Strategie. Menschen suchen Angehörige in Leichenhallen, vermeiden
Krankenhäuser aus Angst vor Festnahmen und versuchen, das Geschehene zu
begreifen. [2][Internationale Unterstützung ist bislang ausgeblieben].
Bei den Protestierenden in Iran führt das zu großer Frustration. Immer
wieder hat US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social und
in Interviews versprochen, dass Hilfe unterwegs sei. Viele Protestierende
haben fest mit dieser Hilfe gerechnet – wie auch immer sie aussieht. Mehr
als zwei Wochen nach dem Ausbruch der Proteste ist jedoch noch keine Hilfe
angekommen.
Amnesty International fordert deshalb dringend diplomatische Schritte:
Sondersitzungen im UN-Menschenrechts- und Sicherheitsrat, internationale
Ermittlungsmechanismen und eine Überweisung an den Internationalen
Strafgerichtshof. Die jahrzehntelange Straflosigkeit habe die
Verantwortlichen ermutigt, die Lage immer weiter zu eskalieren.
15 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniela Sepehri
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