# taz.de -- Ankommen in der Berliner Kälte: Schwäne und Croissants
       
       > Im eisigen Berlin sucht unsere Autorin nach Momenten des Ankommens: unter
       > Schwänen, in einem Keller in Moabit oder einer Bäckerei voller Hipster.
       
 (IMG) Bild: Zwei Schwäne auf dünnem Eis auf dem Landwehrkanal in Berlin
       
       Eins der ersten Dinge, die ich in Berlin gemacht habe, war ein Spaziergang
       am Maybachufer. Mit M., meiner Mitbewohnerin für die nächsten paar Monate,
       und den Dutzenden Schwänen, die neben uns auf dem Wasser treiben. Gefroren
       ist der Landwehrkanal noch nicht, aber es ist bitterkalt, lange wird es
       nicht mehr dauern. Jetzt bin ich also hier, endlich, doch fühle mich noch
       fremd zwischen all den Leuten, die mit mir spazieren.
       
       Alle laufen vorsichtig, passen auf, dass sie auf dem vereisten Boden nicht
       hinfallen, um mich herum rudernde Arme, M. empfiehlt mir vorsichtshalber,
       meine Hände aus den Jackentaschen zu nehmen. Und dann laufen wir an dieser
       einen französischen Bäckerei vorbei und da sitzen doch tatsächlich Leute
       draußen, recken ihr Gesicht in die Sonne, einer hält seine nackten
       Unterarme ins Licht, sie trinken ihren Kaffee, essen ihr Croissant.
       Gemütlich sieht das aus, denke ich erst, aber doch total absurd, so kalt
       wie es ist. „Ein richtiger Hipsterladen“, urteilt M.
       
       Die französische Backkunst verfolgt mich. Auf dem Weg zum Ballhaus Ost
       laufe ich schon wieder an einem französischen Café vorbei, „Suzette“. Hier
       gibt es bretonische Crêpes und Galettes. Ich mache ein Foto und schicke es
       meinem Bruder, hier müssen wir mal hin, sind wir doch als Kinder immer in
       die Bretagne gefahren. Mit den Gedanken bei Zucker und Orange, Sommer und
       Atlantik, schlendere ich die letzten Meter [1][durch die Kälte].
       
       Im Ballhaus Ost ist es schön warm. Fünf Performer*innen laufen in
       BIOFUCK! in einer Linie, brechen sie immer mehr auf, bewegen sich alleine,
       verschmelzen und lösen sich voneinander. „Ankunft ist nicht ein Moment,
       sondern viele“, sagt eine von ihnen. Der Satz bleibt mir im Kopf. Ich
       überlege, wie viele solcher Momente ich hier schon hatte. Viele fallen mir
       nicht ein, aber ich bin noch nicht lang da, beruhige ich mich. Am Ende wird
       das Publikum auf die Bühne eingeladen, alle tanzen zusammen, und ich weiß
       nicht, ob ich lieber mittanzen oder dem Ganzen einfach nur zuschauen
       möchte. Das könnte doch so ein Moment sein, denke ich, aber um mich herum
       bleiben zu viele sitzen. Es bleibt [2][beim Zuschauen].
       
       Statt Croissant gibt es Menemen zum Frühstück, J. und M. sind zu Besuch.
       Nachmittags spielen wir Karten, ich zeige ihnen das Maybachufer. Da sind
       sie doch, die Momente. Am Abend haben manche Schwäne ihren Kopf schon
       unters Gefieder gesteckt. Ich frage mich, ob ich jemals so viele Schwäne
       auf einmal gesehen habe. Friedlich sehen sie aus, zwischen all den
       Menschen, die jetzt erst aufzuwachen scheinen.
       
       Ich gehe auch raus, C. feiert [3][Geburtstag.] Wir sind in Dresden,
       zumindest heißt so die Bar. Auf dem Tisch Konfetti, am Kopfende der
       Geburtstagskuchen mit bunten Kerzen und verlaufenem Zuckerguss. Gespräche
       über den Auslandsaufenthalt in Aix-en-Provence, später im Auto besingt eine
       französische Sängerin ihre liebsten Ecken der Stadt. In einem Keller in
       Moabit wird heute Nacht aufgelegt, um mich herum dopsende Köpfe, kühle
       Kellerluft statt stickiger Hitze, überraschend angenehm. Später dann
       Seifenblasen im Neonlicht, fast schon zu Klischee, denke ich am nächsten
       Morgen, nachdem ich viel zu spät aufgewacht bin. Aber auch das könnte einer
       von diesen Momenten gewesen sein.
       
       Und ich möchte noch einen draufsetzen, denke schon das ganze Wochenende
       darüber nach, eigentlich bleibt mir gar nichts anderes übrig. Verschlafen
       ziehe ich meine Schuhe an und stapfe los. So eisig wie am ersten Wochenende
       ist es nicht, trotzdem kalt genug. Von Weitem kann ich sie schon sehen, die
       Schlange. Ich stelle mich dazu, M. würde sagen, zu den ganzen Hipstern, und
       bestelle mein Croissant. Mich nach draußen zu setzen, ist mir dann aber zu
       viel, so angekommen bin ich doch noch nicht.
       
       27 Jan 2026
       
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