# taz.de -- ADHS extrem: Überlebenskampf im Badezimmer
> Das Gehirn unserer Autorin kennt nur zwei Betriebszustände: Alarm oder
> Snooze, zwei komplette Extreme. Doch Einfluss darauf kann sie nicht
> nehmen.
(IMG) Bild: Stress unter der Dusche
Ich habe in meinen Kopf einen Schalter. Es ist ein einfacher Kippschalter,
aber ziemlich wichtig, denn er zeigt an, in welchem der zwei möglichen
Betriebszustände ich mich befinde: Alarm oder Snooze.
Im Alarmmodus wird jede Zelle meines Körpers für den Überlebenskampf
rekrutiert. In diesem Zustand schaffe ich gefühlt alles: in drei Tagen
verhandlungssicher Kantonesisch, den Ironman ohne Training, ein
150-seitiges Manifest zur Rettung Europas. Ich brauche keinen Schlaf, kein
Essen und was immer der Job ist: I get it done.
Steht der Schalter auf Snooze, fühlt es sich an, als hätte ich eine
Literflasche KO-Tropfen getrunken. Komplett erstarrt, aber bei Bewusstsein,
versäume ich eine Frist nach der anderen und das einzige, das sich in mir
bewegt, ist das wachsende schlechte Gewissen.
Seit ich denken kann, versuche ich herauszufinden, wie man diesen Schalter
bedienen kann, und ich schwöre, ich bin kurz davor. Was ich schon weiß:
Mein Gehirn hält regelmäßig Meetings mit meinem Körper ab, bevor es eine
Entscheidung trifft. Aber klar ist auch: Wenn mein Gehirn glaubt, wir sind
in Lebensgefahr – und das denkt es ziemlich oft – dann legt es ohne Zögern
den Schalter auf Alarm, egal wie viele Erschöpfungssignale mein Körper
sendet. Und wenn es meint, es sei nichts los, schickt es mich gnadenlos ins
Wachkoma.
Ich habe etliche Male versucht, mein Gehirn zu manipulieren, seinen
Überlebensinstinkt zu triggern, um aus einer manchmal tagelangen Erstarrung
zu erwachen. Wenn ich jetzt nicht bald meine Steuererklärung mache, warne
ich es, steht bald der Vollstreckungsbeamte vor der Tür. Aber es ist, als
würde ich mit einem Beamten in der Mittagspause sprechen: Der Schalter
bleibt auf Snooze, ich bleibe gefangen in der Paralyse.
## Mein Gehirn, der Diktator
So wie letzten Donnerstag. Ich habe frei, nur ein mittel wichtiger
Arzttermin steht um 14 Uhr auf dem Plan. Den ganzen Morgen sitze ich auf
dem Badezimmerboden an die Heizung gelehnt und spiele Sudoku auf dem Handy.
Wann immer ich denke: Ich muss doch noch…die Steuererklärung, Schreibtisch
aufräumen, einkaufen, bellt mein Gehirn: „Langweilig!“ Leute rufen mich an,
Leute, die ich mag, mit denen ich gerne sprechen möchte – aber mein Gehirn
motzt „Die lenken uns nur ab!“.
Irgendwann zeigt das Handy 13.50 Uhr. Oh shit. Ich muss los, zum Arzt
brauche ich 8 Minuten.
Endlich reagiert mein Gehirn: „Zu spät kommen dürfen wir auf keinen Fall!“,
kreischt es. Zack – der Schalter steht auf Alarm: Adrenalin schwemmt meinen
Blutkreislauf. Ich bin noch im Schlafanzug, aber egal: 30 Sekunden duschen,
30 Sekunden anziehen, 15 für die Schuhe, 3 für die Jacke. Ich hab noch 8
Minuten und 30 Sekunden, das schaff ich: Ich packe mein Handy, die
Versichertenkarte, Schlüssel …. Wo ist mein Schlüssel?
Ich reiße Schubladen raus, schmeiße Dinge durch die Wohnung, tauche im
Papiermeer meines Schreibtischs umher, denke zum 34. Mal in dieser Woche,
ich muss dringend aufräumen – irgendwann finde ich ihn unter der
Badezimmerheizung. Nur noch 7 Minuten. Wenn ich alle roten Ampeln überfahre
und mein Fahrrad unabgesperrt vor die Arztpraxis schmeiße, komme ich noch
pünktlich.
## Ein Rennen um die Zeit
Ich hetze die Straße bergauf, ohne Handschuhe, ohne Helm, vorbei an
motorisierten Lieferando-Kurieren, schneide einem LKW den Weg ab und
überfahre fast den alten Mann mit Rollator. Ich habe ein Ziel, nur eines.
Drei Sekunden vor meinem Termin stehe ich am Anmeldetresen. „Bitte nehmen
Sie nochmal Platz im Wartebereich. Kann heute etwas länger dauern“, sagt
die Arzthelferin – und ich lasse mich erschöpft auf einem Sessel nieder.
Jetzt erstmal eine Runde Sudoku.
11 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Sunny Riedel
## TAGS
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