# taz.de -- ADHS im Alltag: Von Struktur träumen
       
       > ADHSler sind extrem gut organisiert – allerdings nur in der Theorie. Aber
       > nur weil die Umsetzung scheitert, müssen wir nicht aufhören zu träumen.
       
 (IMG) Bild: To-Do-Listen funktionieren bei ADHSlern nur in ihren Träumen
       
       [1][Kaum etwas triggert so sehr, wie schlaue Ratschläge von
       Neurotypischen.] „Und wenn Du mal eine To-do-Liste machst?“, „Hast Du
       schonmal versucht, Dir *einfach* einen Timer zu stellen?“, „Es gibt doch
       jetzt so viele tolle Apps dafür“, „Vielleicht solltest Du das nächste Mal
       *einfach* früher anfangen.“
       
       Kann sein, Ihr meint es *einfach* gut. Warum wir uns trotzdem verarscht
       fühlen? Na, denkt Ihr etwa, wir wären da noch nicht selbst drauf gekommen?
       [2][Eine To-do-Liste, seriously?]
       
       Viele ADHSler sind mega gut organisiert – in der Theorie. Die meisten
       sehnen sich nach Struktur in ihrem Leben, um eben nicht im Chaos zu
       versinken. Meine grenzenlose Bewunderung galt schon immer Leuten, die nicht
       nur einen Plan haben, sondern ihn auch befolgen. Hätte die Bravo
       Starschnitte von Buchhaltern gehabt, ich hätte die Wand meines
       Kinderzimmers mit ihren Postern behängt.
       
       Um fair zu sein: Es gibt eine Menge Tools, die ADHSlern helfen können, sich
       im eigenen Chaos zurechtzufinden. Auch To-do-Listen gehören dazu. Man
       notiert alles sofort, was noch zu erledigen ist, um es nicht zu vergessen.
       Und das Abkreuzen gibt jedes Mal einen kleinen Dopaminkick zur Belohnung.
       
       ## Das System ist gut
       
       Das Problem: Ich habe mittlerweile vergessen, wo die ganzen Listen liegen,
       die ich in den vergangenen Jahren beschrieben habe. Hunderte
       verschiedenfarbiger Zettel häufen sich auf meinem Schreibtisch, eingeklemmt
       in Bücher und Notizblöcke, gammeln in Taschen oder Schubladen. Aus lauter
       Angst davor, was ich in den letzten Jahren alles vergessen haben könnte,
       halte ich mich grundsätzlich eine Armlänge von meinem Schreibtisch
       entfernt.
       
       Ein ähnlich schwieriges Verhältnis habe ich zu meinem Handy. Dort geht mir
       langsam der Speicherplatz aus, wegen der vielen Notizen, Sprachmemos und
       Erinnerungsfotos – also, nicht etwa schöne Momente, sondern Fotos von
       Dingen, an die ich mich erinnern soll – und ja, auch will. Denn ich selbst
       sehne mich ja auch nach der einen Liste, die alles ordnet. Und das von
       Kindheit an.
       
       Sobald ich schreiben konnte, stellte ich mir selbstständig Tagespläne
       zusammen, die Spalten und Zeilen sauber mit Lineal gezogen. 6 Uhr 30
       aufstehen, 6 Uhr 31 Fenster öffnen, 6 Uhr 32 anziehen, 6 Uhr 37 Fenster
       schließen. 6 Uhr 39 frühstücken. Immer wieder habe ich die Liste optimiert,
       Jahr für Jahr. Als meine Noten auf der weiterführenden Schule immer
       miserabler wurden, machte ich mir zusätzlich einen Wochenplan, um mich
       konsequent zu verbessern. An jedem Tag wollte ich mich einem anderen Fach
       widmen: montags Englisch, dienstags Mathe, mittwochs Physik, und so weiter.
       
       Es hat genau kein Mal funktioniert.
       
       Warum? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, keiner davon hat etwas mit dem
       System selbst zu tun, alle aber mit der Funktionsweise eines ADHS-Gehirns,
       genauer: mit einer Funktionsstörung im präfrontalen Kortex. In dem Moment,
       in dem ich die Liste weglege, ist mein Blick woanders und damit auch meine
       Aufmerksamkeit. Und wenn ich mich Tage später wieder erinnere, wende ich
       meinen Blick beschämt von der neuerlichen Niederlage wieder ab.
       Irgendwohin, wo die Aussichten auf Dopamin etwas günstiger sind.
       
       ## Challenge: Auf dem Weg gehen
       
       Ein weiteres Problem: Wir sind selbst unsere härtesten Kritiker und
       eifersüchtige Priester des einmal gefassten, heiligen Plans. Wenn der nicht
       ebenso perfekt umgesetzt wird, wie er ersonnen wurde, ist alles verloren.
       Wenn also das Fenster auch nur eine Minute später als geplant geschlossen
       wurde, fühle ich mich von mir selbst vollständig desavouiert.
       
       Auch schwierig: So sehr wir Routinen lieben und brauchen, so sehr hassen
       wir die Langeweile. Gefangen im Widerspruch, den geplanten Pfad sowohl
       befolgen als auch von ihm abweichen zu müssen, blockieren wir uns mal
       wieder selbst.
       
       Deshalb fühlen wir uns von ungebetenen Tipps neurotypischer Mitmenschen
       schnell sowohl unter- als auch überfordert, auf alle Fälle aber
       missverstanden, teilweise sogar beleidigt.
       
       Was wir eher bräuchten: Fragt uns, ob und wie Ihr helfen könnt. Manchen
       hilft body doubling, also die bloße Gegenwart einer anderen Person, die
       unsere Aufmerksamkeit an eine geplante Aufgabe bindet. Manchmal lohnt es
       sich, über eine andere Aufgabenverteilung nachzudenken. Dinge, die wir
       lieben, erledigen wir meist problemlos. Und was immer geht: Akzeptanz. Und
       das Eingeständnis, dass es nicht so einfach ist, wie es für Euch vielleicht
       aussieht.
       
       3 May 2026
       
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