# taz.de -- Wenn die Gedanken Gassi müssen: Leinenzwang ist keine Lösung
       
       > Wie kläffende Hunde lärmen die Gedanken unserer Autorin in ihrem Kopf
       > herum und sabotieren sich gegenseitig. Das ist anstrengend für alle. Was
       > tun?
       
 (IMG) Bild: Wie kläffende Hunde lärmen die Gedanken unserer Autorin in ihrem Kopf herum
       
       Manchmal ist mein Kopf so voll, dass ich Angst habe, er platzt gleich. Dann
       muss ich dringend los, um mein Gehirn auszulüften und meine Gedanken Gassi
       zu führen. Draußen rennen sie dann über Wiesen und klettern auf Bäume,
       jagen Eichhörnchen und spielen Rutschbahn auf dem Glatteis. Sie rangeln
       miteinander, wälzen sich im Dreck und springen vom höchsten Ast in den
       Schnee.
       
       Nach [1][einer Weile purer Ausgelassenheit] kehren sie wieder zu mir zurück
       und erzählen atemlos, was sie erlebt haben. Nur so, nur in ständiger
       Bewegung, kann mein Kopf einigermaßen zur Ruhe kommen. Meine Gedanken
       brauchen viel Auslauf, frische Luft und vor allem unbegrenzt Platz, um sich
       austoben zu können. Sie sind wie [2][ein Haufen aufgeregter, kläffender
       Hunde]. Laut, immer im Weg und schwer erziehbar.
       
       Sie kläffen den ganzen Tag und auch in der Nacht, wenn auch weniger
       enthusiastisch. Mindestens sechs, sieben Gedanken gleichzeitig kämpfen im
       Sekundentakt um meine Aufmerksamkeit. Sie sagen erstaunliche Dinge, kriegen
       einiges mit, weil sie gute Beobachter sind. Sie bringen mich zum Lachen und
       sind voller Empathie und Zuneigung.
       
       Aber leider sind sie auch wahnsinnig anstrengend, denn sie halten einfach
       nie die Klappe. Sie begleiten alles, was ich sehe, höre und tue mit ihren
       Kommentaren, ihrem Gesang, ihren Ideen, ihren Lieblingswörtern. Sie
       sabotieren sich gegenseitig, indem sie einander ständig ins Wort fallen.
       Und wenn ich mich dem Einen zuwenden will, kommt der Nächste und zieht mich
       weg – und so läuft das schon mein ganzes Leben.
       
       ## Partytauglich aufgekratzt
       
       Ich hab die kleinen Kläffer unheimlich gern, sie bedeuten mir sehr viel.
       Aber sie machen mir auch das Leben schwer. Denn sie sind der Grund, warum
       ich in der Schule die Anweisung der Lehrerin auch beim dritten Mal nicht
       gehört habe, warum ich mich in den Klassenarbeiten nicht richtig
       konzentrieren konnte und am Nachmittag vor lauter Erschöpfung herumsaß und
       Löcher in die Luft gestarrt habe, statt zu lernen.
       
       Ihr pausenloses Gequatsche führte dazu, dass ich als Kind oft nicht auf
       Geburtstage eingeladen wurde. Und dann wiederum, dass man mich später sehr
       wohl auf Partys dabei haben wollte. Aber nur, um sich von der
       Aufgekratztheit meiner Gedanken unterhalten zu lassen, mit denen man
       tagsüber lieber nichts zu tun haben wollte.
       
       Viele Leute rümpfen die Nase oder rollen mit den Augen, wenn ich mit meinen
       Gedanken um die Ecke komme. Sie weisen darauf hin, dass für so viele
       bewegungsfreudige Gedanken in Deutschland eine Leinenpflicht herrscht. Doch
       wenn ich versuche, sie festzuhalten, gräbt sich das Seil tief in meine
       Finger, bis ich blute. Oder ich verheddere mich, falle am Ende hin und das
       tut alles ganz schön weh.
       
       Aber ich weiß auch: Den Leuten macht es Angst, wenn da ständig und überall
       wilde Gedanken umherrennen, Zäune einreißen, Beete zerstören oder auch mal
       auf den Gehweg kacken. Sie wollen nicht von dreckigen Pfoten angesprungen
       und von nassen Schnauzen beschnüffelt werden. Es stört sie die
       Unkontrollierbarkeit, aber auch die Lautstärke und das Durcheinander.
       
       ## Manchmal hilft nur schreien
       
       Sie sehen mich vorwurfsvoll an, als hätte ich nicht nachgedacht, bevor ich
       mir fünf, sechs, sieben Tölen gleichzeitig in der Stadt anschaffe. Oder als
       wäre ich unfähig, konsequent durchzugreifen. Sie sagen: Andere schaffen es
       doch auch, ihre Gedanken zu konzentrieren und sie nicht ständig mit
       unpassenden Bemerkungen herausplatzen zu lassen. Man muss sich eben
       anstrengen.
       
       Dabei macht es mich ja selbst wahnsinnig, dieses ständige [3][Gebelle um
       Aufmerksamkeit.] Manchmal muss ich mit ihnen schreien. Weil ich mein
       eigenes Wort kaum höre bei dem Lärm. Dann sind sie kurz leise, als wären
       sie im Schock über meinen Ausbruch, und ich höre das Blut in meinen Ohren
       rauschen.
       
       Aber dann fangen sie wieder an zu plappern, erst vorsichtig und dann immer
       lauter. Und während ich über den Einfall des einen unbändig lachen muss,
       und über die Bemerkung des anderes am liebsten heulen würde, muss ich mich
       wieder unheimlich anstrengen, damit mein Umfeld nicht allzusehr gestört
       wird, von dem Widerstreiten meiner aufdringlichen Gedanken.
       
       Und dann, wenn ich wieder das Gefühl habe, dass mein Kopf vor lauter
       Anstrengung und Lautstärke heiß läuft, dann muss ich raus. Und meine
       Gedanken kommen mit. Sie lassen mich nie allein.
       
       8 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spektrum.de/news/neurodivergent-und-gluecklich/2307303
 (DIR) [2] /Jakob-Blasel-in-der-Boulevardpresse/!6041299
 (DIR) [3] /Aufmerksamkeitsdefizit-bei-Erwachsenen/!6137765
       
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