# taz.de -- Schule mit ADHS: Boris Jelzin steuert betrunken mein Gehirn
       
       > Als Kind war Italien für unsere Kolumnistin interessanter als die
       > Sowjetunion. Der Lehrer blieb jedoch beim Schulstoff. Doch ein
       > ADHS-Gehirn macht, was es will.
       
 (IMG) Bild: Ein Prosit, ein Prosit, der Neurodiversität
       
       In der siebten Klasse nahmen wir in Erdkunde die Sowjetunion durch: Zerfall
       und Gründung der Nachfolgestaaten, von der Plan- zur Marktwirtschaft,
       wichtigste Bodenschätze, Gebirge, Ströme und der Hafen von Murmansk.
       
       Damals, 1994, gab es wohl kaum ein spannenderes Thema, wir sahen sogar das
       Video, in dem [1][Boris Jelzin] betrunken einen Polizeichor dirigierte. Ich
       aber langweilte mich zu Tode.
       
       Zu Hause dann verbrachte ich Stunden damit, in hingebungsvoller Sorgfalt
       die Umrisse Italiens aus meinem Atlas abzupausen. Ich spitzte meine
       Buntstifte und färbte die Regionen ein: Die Lombardei malte ich türkis aus,
       die Toskana ockerfarben, Umbrien schraffierte ich olivgrün. Ich zeichnete
       Flüsse und Hauptstädte ein, markierte Berggipfel und strichelte
       Fährverbindungen an die Küsten der Nachbarstaaten.
       
       Die GUS-Staaten interessierten mich nicht, meinen Lehrer wiederum
       interessierte nicht, was ich alles über Italien wusste. Am Ende des
       Schuljahres bekam ich mit viel Glück eine 5 ins Zeugnis.
       
       ## Die versprochene Superkraft
       
       Meine Eltern leierten im Einklang mit den Lehrern bei jeder schlechten
       Leistung ihr Mantra herunter: Du könntest so gute Noten schreiben, wenn Du
       nur wolltest. Du könntest, wenn Du wolltest – der Satz, den
       ADHSler:innen nach „Reiß dich zusammen“ wahrscheinlich am häufigsten
       gesagt bekommen. Mit anderen Worten: Streng Dich mehr an.
       
       Vor Kurzem bekannte sich [2][Supermodel Heidi Klum zu ihrer ADHS,] ihrer
       „Superkraft“, wie sie die Störung nennt. Auch US-Eiskunstläuferin [3][Alysa
       Liu sagte in Interviews], ihre ADHS habe ihr geholfen, ihren Traum von der
       Goldmedaille zu verwirklichen, denn sie liebe unerwartete Situationen.
       
       Schnell und flexibel auf Unbekanntes reagieren, angefixt sein durch
       Herausforderungen, Hundert Ideen pro Minute haben und dazu die Energie, sie
       umzusetzen. Das überbordende Glücksgefühl, das ADHSler:innen imstande
       sind bei kleinsten Erfolgen zu empfinden.
       
       Und das hilft, anders als man angesichts der vermeintlich fehlenden
       Aufmerksamkeit vermuten könnte, an Dingen dranzubleiben, einen Hyperfokus
       zu entwickeln, der einen alles um sich herum vergessen lässt. Das alles
       sind in der Tat Superkräfte. Zumindest potenziell.
       
       ## Wo der Fokus hinfällt
       
       Das Problem ist nur: Wo der Fokus hinfällt, das ist leider nicht steuerbar.
       Es befindet sich außerhalb unserer Kontrolle. Und alle meine Versuche, mich
       oder meine ADHS-Liebsten dauerhaft zu motivieren, anzutreiben oder gar zu
       manipulieren, schlagen fehl.
       
       In den meisten Fällen sind Leute trotz ihrer ADHS erfolgreich, nicht wegen
       ihr. Und dafür brauchen sie von klein auf ein entsprechendes Umfeld. Eines,
       das sie sein lässt wie sie sind, anstatt sie zu steuern.
       
       Kinder mit ADHS bekommen nach Meinung von Psychiatern weitaus häufiger
       negative Rückmeldungen für ihr Verhalten und ihre Leistungen als
       neurotypische Kinder. Sie sind entweder zu viel oder nicht genug.
       
       Fast immer haben sie mindestens ein Elternteil, das ebenfalls von ADHS
       betroffen ist und unbewusst weitergibt, was er oder sie auch schon
       eingetrichtert bekommen hat: Du könntest, wenn Du nur wolltest. Aber Du
       musst Dich mehr anstrengen.
       
       ## Und dann kommt die Scham
       
       Auf Dauer führen diese Rückmeldungen zu Frust über sich und die eigene
       Unfähigkeit, auch nur zu begreifen, was man ändern müsste. Wir geben uns
       Mühe, wir gehen die extra Meile, die andere nicht gehen, aber wir kommen
       einfach nicht da an, wo man uns haben will.
       
       Und dann kommt die Scham. Was ist nur los mit mir? Andere schaffen es doch
       auch, andere, die Tage brauchen, um sich die Vokabeln zu merken, die wir in
       fünf Minuten auswendig hersagen können.
       
       Die Zusammenhänge weniger schnell begreifen, die nicht so brillante Ideen
       haben, die immer nur schreiben, was der Lehrer im Unterricht vorgekaut hat.
       Die später im Berufsleben mit Binsenweisheiten so weit kommen, wie wir mit
       all unserer Kreativität nicht.
       
       ## Die Bodenschätze liegen brach
       
       Viele von uns verfügen über Fähigkeiten wie Russland über Bodenschätze.
       Aber anstatt sie zu nutzen steuert der betrunkene Jelzin in unserem Kopf
       unser Vermögen vorbei an den Erwartungen, die andere und mittlerweile auch
       wir selbst an uns haben, ins Nichts.
       
       Vielleicht sind wir das Scheitern, das Falsch machen, das Enttäuschen zu
       sehr gewohnt. Ein Versager ist ein Versager, wenn man es ihm nur oft genug
       sagt.
       
       Aber vielleicht ist es auch eine Trotzreaktion, die uns davor bewahrt, so
       zu werden, wie uns andere haben wollen. Die Unfähigkeit, sich anzupassen
       oder eben auch: Die Fähigkeit, man selbst zu bleiben.
       
       6 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ich-werde-sie-dafuer-treten/!1540355/
 (DIR) [2] https://www.glamour.de/artikel/heidi-klum-cover-interview-macht-instinkt-lagerfeld-adhs
 (DIR) [3] https://www.espn.com/olympics/story/_/id/47941438/2026-winter-olympics-alysa-liu-women-figure-skating
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sunny Riedel
       
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