# taz.de -- ADHS und Soziale Ausgrenzung: „Die haben Angst, dass ich ansteckend bin“
       
       > Kinder mit ADHS haben es schwer, Freunde zu finden. Das liegt nicht nur
       > an ihnen. Gerade bildungsnahe Eltern grenzen zum Schutz ihrer Kinder oft
       > aus.
       
 (IMG) Bild: Nur auf dem Spielplatz treffen sich alle
       
       In meinem Kiez wohnt ein Junge, ein lautes, offenes Kind, dem nichts
       peinlich zu sein scheint. Er schreit oft gut gelaunt über die Straße oder
       spricht random Leute an: „Darf ich Ihren Hund streicheln?“, „Warum sitzen
       Sie im Rollstuhl?“, „Sie sollten nicht rauchen, rauchen ist ungesund!“ Im
       Sommer schmeißt er manchmal Wasserbomben oder er macht Klingelstreiche,
       auch jetzt noch, wo er schon im Teenageralter ist.
       
       Der Junge hat ADHS. Typischerweise [1][trägt er seine Gefühle vor sich
       her], ob er traurig, wütend oder glücklich ist – er teilt sich mit, er
       sucht Resonanz. Weil er aber ein Junge ist, trifft er, je älter er wird,
       umso mehr auf Ablehnung, denn Gefühle bei Jungs? Das passt nicht.
       
       Als der Junge, nennen wir ihn Nino, in der dritten Klasse war, durften die
       Kinder ohne Erzieher in Kleingruppen zum Hort gehen. Doch Nino fand keine
       Gruppe. Die Mädchen machten ihr eigenes Ding und Ninos bester Freund wollte
       nicht riskieren, seinetwegen in eine peinliche Situation zu geraten.
       
       Nino fragte sich, was er falsch machte. Die Erwachsenen in seinem Umfeld
       sagten es ihm: „Weil Du immer so laut bist und im Mittelpunkt stehen musst.
       Das nervt halt.“ Andere wollten ihn empowern: „Du hast auch Deinen Stolz.
       Jetzt zeigst Du ihnen die kalte Schulter!“
       
       Das allerdings konnte Nino nicht. Er sehnte sich nach Kontakt. Bei
       nächstbester Gelegenheit bot er seinem Freund, egal wie mies der ihn
       behandelt hatte, die Hand: „Wieder Freunde?“ Trotzdem musste er weiterhin
       mit den Erziehern laufen.
       
       ## Ausgrenzung im aufgeklärten Milieu
       
       In meinem Kiez ist es wie in vielen Gegenden von Berlin. [2][Immer mehr
       wohlhabende Akademikerfamilien kartoffeldeutscher Herkunft ziehen in frisch
       sanierte Altbauwohnungen]. Sobald es warm wird, bilden sich Schlangen vor
       der fancy Eisdiele, wo die Kugel 4 Euro 20 kostet, der billigere Laden
       bleibt leer. Die Grundschule hat einen exzellenten Ruf, es ist eine
       Inklusionsschule, es gibt also mehr Personal als anderswo. Seit Langem
       leben auch viele queere Leute hier. Man wählt grün, die AfD dümpelt im
       niedrigen einstelligen Bereich vor sich hin.
       
       Und trotzdem ist die Angepasstheit mit Händen zu greifen. Eltern wenden
       ihre Blicke ab, wenn das von Armut betroffene Kind, der hörgeschädigte
       Junge oder der laute Nino auf den Spielplatz kommen – ich habe es mehrfach
       beobachtet. Und Nino mit seinem ADHS-Instinkt merkt es auch: „Die haben
       Angst“, erzählt er mir und lässt seine langen, braungebrannten Beine von
       der Tischtennisplatte baumeln. „Die haben Angst, dass ich ansteckend bin“.
       Dabei haut er immer wieder seinen Basketball mit voller Wucht auf die
       Platte und fängt ihn wieder auf.
       
       Die Lehrerin habe ihn in der Schule mal dafür gelobt, dass er mit dem
       hörgeschädigten Jungen spielt, sogar außerhalb der Schule, erzählt er. Er
       habe das damals nicht verstanden. Mittlerweile ist Nino älter und hat
       einiges begriffen.
       
       Besonders bildungsnahe Eltern betreiben oft, bewusst oder unbewusst,
       „soziale Optimierung“. Sie wollen ihre Kinder schützen und mithilfe der
       richtigen Freunde fördern. Die Kinder merken, dass Ausgrenzung erlaubt, ja
       erwünscht ist, solange sie latent bleibt. Also laden Max und Lena Mohammed
       oder Chantal nicht zu ihrem Geburtstag ein. Nur auf dem Spielplatz treffen
       sich alle.
       
       ## Mit Beleidigungen kann er umgehen
       
       Neben der Tischtennisplatte wartet jetzt eine Mutter mit ihrem Sohn, etwa
       in Ninos Alter. Sie haben Kellen in der Hand, aber sie wagen es nicht, Nino
       von der Platte zu verscheuchen. „Der war in meiner Parallelklasse“, macht
       Nino eine Kopfbewegung. Er sitzt auf der Platte und hofft auf Streit. Aber
       sie ignorieren ihn. Irgendwann gehen sie.
       
       Nino hängt jetzt oft im Jugendfreizeitheim ab. „Da haben alle ADHS“,
       behauptet er. Oft kommt es zu Streit, Schlägereien, auch Diebstahl. Statt
       Obst gibt es Chips und Cola. Mädchen kommen kaum hierher, es wird viel
       gezockt. Aber lieber gemeinsam vor der Konsole als allein zu Hause, sagt
       die leitende Sozialarbeiterin.
       
       Nino ist der einzige Junge ohne Migrationshintergrund und musste sich
       anfangs einige Beleidigungen anhören. Doch damit kann er gut umgehen,
       besser als mit den wohlerzogenen Heuchlern. Offen über seine Gefühle zu
       reden, hat er sich allerdings abgewöhnt.
       
       31 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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