# taz.de -- Lost in Translation: Verstehen Sie ADHS?
> Neurodivergente wissen genau, wie Normalos ticken. Denn nur so können sie
> sich den herrschenden Verhältnissen anpassen. Zeit, das Privileg
> umzudrehen.
(IMG) Bild: Um am Leben teilnehmen zu können, müssen wir uns um unsere sogenannte Zeitblindheit herumarbeiten
[1][Als ADHSler wächst man gewissermaßen zweisprachig auf.] Muttersprache:
neurodivergent. Aber um uns im Alltag zurechtzufinden, müssen wir
mindestens gute passive Kenntnisse davon haben, wie die Normalos ticken.
Denn die Welt ist bekanntlich nicht für uns gemacht: Stillsitz-Befehl in
der Schule, Nine-to-five-Arbeitszeiten, Bürokratie-Fetisch und soziale
Normen, die auf maximaler Selbstkontrolle basieren – Menschen mit ADHS
müssen erst mühsam lernen, wie das geht oder wie sie so tun, als ob. Unser
Erfolg im Leben hängt davon ab.
Beispiel: Wie verhalte ich mich angemessen in Gesprächssituationen? Mit
leicht debilem Lächeln auf den Lippen sporadisch nicken und manchmal,
äußerst zurückhaltend, generische Ausrufe („Echt? Krass!“) einstreuen. So
haben wir das bei den Normalos gesehen, so machen wir es auch.
Ob ADHSler wirklich zuhören, merkt man daran, dass wir ständig reinreden,
den Satz der anderen beenden, immer wieder das Gespräch kapern und es in
auch für uns komplett unvorhersehbare Gefilde lenken: „Ich kannte mal eine
Katze, bei der war das auch so. Die lief dann aber weg und dann …“. Wir
hören nicht zu, während wir reden, sondern indem wir reden. Manche von uns
hören besser zu, wenn sie parallel auf ihrem Handy spielen. Nur wenn wir
uns nicht langweilen, kriegen wir mit, worum es geht, das ist der Trick.
## Zeitblind und fehlende Objektpermanenz
Menschen mit normalen Gehirnen können sich das nicht vorstellen. Wie soll
das gehen, gleichzeitig reden und zuhören? Sie fühlen sich nicht
gewertschätzt, wenn sie keine ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen. Wir
wissen das. Deshalb setzen wir eine Maske auf und nicken sporadisch. Um sie
zu pleasen.
Herausfordernd ist für ADHSler auch, mit der unterschiedlichen Wahrnehmung
von Zeit umzugehen. Die Einteilung in 12 Monate, 7 Tage, 24 Stunden ergibt
sicher Sinn. Aber nicht für uns. Für uns gibt es jetzt und nicht jetzt.
Wenn wir ein neues Projekt anfangen, kann jetzt Stunden dauern. Alles, was
davor war und danach kommt, eine Verabredung, eine Zahlungsfrist, die
Deadline – ist nicht jetzt.
Auch den Raum nehmen wir anders wahr. Es gibt da und nicht-da. Was nicht
sichtbar ist, vergessen wir. Ein bisschen wie bei kleinen Kindern. Diese
fehlende Objektpermanenz führt auch dazu, dass wir uns oft monatelang nicht
bei Freund:innen melden. Mir haben schon Leute die Freundschaft
gekündigt, weil ich sie wiederholt nicht zu ihrem Geburtstag angerufen
habe. Weil sie sich nie die Mühe gemacht haben, neurodivergent zu
verstehen, konnten sich als Grund nur meine mangelnde Wertschätzung
vorstellen.
## Wer leistet unbezahlte Übersetzungsarbeit?
Es ist das Privileg dominierender Gruppen, sich mit der Sprache der
Minderheit nicht auseinandersetzen zu müssen, um klarzukommen. Warum
sprechen so wenige Kartoffel-Deutsche türkisch oder arabisch? Also
wenigstens ein paar Wörter? Warum kennen cis-Männer sich nicht mit
[2][Tampon]größen aus? Warum parken Menschen ohne Mobilitätseinschränkung
ihr Auto genau auf den abgesenkten Bordstein?
Weil sie die andere Perspektive nicht brauchen. Und das geht so weit, dass
sie nicht einmal merken, dass es da draußen, außerhalb ihrer gated
community, richtig viel Leid und Unzufriedenheit gibt. Und wenn man ihnen
davon erzählt, dann verstehen sie nicht, was sie damit zu tun haben.
Den Druck, sich an ein oktroyiertes System anzupassen, kennen nicht nur
Neurodivergente, sondern auch [3][Flinta*]. Ein System, das von Leuten
erdacht wurde, die nicht ihre Gehirne, nicht ihre Körper haben. Aber wie
übersetzt man die eigenen Bedürfnisse, die eigene Wahrnehmung, die
strukturellen Probleme in die Sprache derer, die diese Probleme nicht
einmal sehen? Und wer soll die unbezahlte Übersetzungsarbeit leisten?
Wieder Flinta*? Wieder Neurodivergente?
Zum Glück gibt es Leute, die lernen gern neue Sprachen, neue Perspektiven.
Und auch wenn sie dabei einen peinlichen Akzent haben, lassen sie sich von
Hatern nicht verunsichern. Die leisten diese Übersetzungsarbeit. Die sehen
die Anstrengung und die Ungerechtigkeit und sie solidarisieren sich. Und
halten uns den Rücken frei. Indem sie die Arbeit von streikenden Flinta*
mit übernehmen. Oder bei der Geburtstags-SMS einfach für die ADHS-Partnerin
mit unterschreiben.
8 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sunny Riedel
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