# taz.de -- NS-Forscher über Gedenkkultur: „Zwischen Tätern und Opfern besteht ein geschichtliches Vakuum“
       
       > Götz Aly kritisiert die Trennung von Täter- und Opfererzählungen. Ihm
       > fehlt der Blick auf die Mehrheitsgesellschaft – auf Opportunismus,
       > Feigheit und Mitläufertum.
       
 (IMG) Bild: Will nicht über ‚Ideologie‘ sprechen, sondern lieber über das politische Programm der Nationalsozialisten: Götz Aly in Berlin
       
       Götz Aly hat voriges Jahr mit dem Buch „Wie konnte das geschehen?
       Deutschland 1933 bis 1945“ einen Bestseller verfasst, eine Erklärfibel zu
       den politischen und gesellschaftlichen Umständen des Nationalsozialismus.
       Aly, 78, einst taz-Redakteur, empfängt in Berlin-Mitte zu Mineralwasser und
       in freundlicher Beleuchtung. Derzeit räumt er große Teile seiner Bibliothek
       aus, das Material überlässt er anderen Wissenschaftlern, die zur NS-Zeit
       forschen. Die Regale beginnen sich zu leeren.
       
       taz: Götz Aly, es sind kaum noch Zeitzeugen des Nationalsozialismus am
       Leben. Ist das nicht tragisch, dass die Erinnerungen verblassen? 
       
       Götz Aly: Das lässt sich nicht aufhalten, auch nicht mit Denkmälern,
       Gedenkstätten und einigen Tausend Erinnerungsangestellten. Die Zeit geht
       weiter. Wir setzen uns schon sehr lange mit unseren deutschen Vorfahren und
       deren Verhalten in den zwölf kurzen nationalsozialistischen Jahren
       auseinander: mit dieser ungeheuerlichen Gewaltentfaltung, mit der schier
       unvorstellbaren Vernichtung von Städten, Dörfern, Produktionsstätten und
       Verkehrsverbindungen. Mit der Ermordung vieler Millionen Menschen, mit der
       von Deutschen zu verantwortenden Entfesselung des bisher größten Kriegs der
       Weltgeschichte.
       
       taz: Und mit den Familiengeschichten, die daran hängen. 
       
       Aly: Die wurden nach 1945 eher beschwiegen. Oft noch immer. Viele, die
       heute selbstsicher rufen: „Nie wieder!“, wollen nicht darüber sprechen, wie
       nicht wenige ihrer Vorfahren Hitler aktiv, halb überzeugt, opportunistisch
       oder passiv abwartend unterstützt haben.
       
       taz: Was heißt das für die Forschungen zu dieser Zeit, für Sie? 
       
       Aly: Die meist von Privatleuten und interessierten Gruppen vorangetriebene
       lokalgeschichtliche Durchleuchtung der Hitlerjahre erbringt noch immer
       bewundernswerte Ergebnisse. Die universitäre Forschung ist im eigenen Saft
       ziemlich steril geworden. Sie wird aber so lange nicht enden, wie
       Fördermittel fließen. Dennoch wird die Erinnerung verblassen. Ich bin bald
       80 Jahre alt und betrachte es nicht als meine Aufgabe, die Nachgeborenen
       mit Ermahnungen zu traktieren. Die werden ihren Weg schon finden.
       
       taz: Was bedeutet Erinnerung für die heutzutage jungen Menschen? 
       
       Aly: Da habe ich große Zuversicht. Neulich bei einer Lesung am Rande von
       Berlin-Neukölln war das Interesse an meinem Wissen immens, ebenso in
       anderen Schulen. Ich veranstalte mit Schulklassen zunächst ein
       zehnminütiges Quiz. Ich frage: Wie viele Deutsche hatten 1933 einen
       Reisepass? 4 Prozent, sehr wenige also. Oder: Seit wann gibt es die
       gesetzliche Krankenversicherung für Rentner? Seit Juli 1941. Da tippen noch
       weniger halbwegs richtig.
       
       taz: Wo fehlt das historische Wissen? An allen Ecken und Enden? 
       
       Aly: Wenn ich Schüler frage, wie viele Juden 1933 in Deutschland lebten,
       dann raten sie haltlos herum. Oft fällt ihnen die Zahl sechs Millionen ein.
       Quatsch, viel, viel weniger. Oder: Wie viel Rente erhielt ein Normalrentner
       1933 im Monat? 25 bis 30 Mark. Nicht nur an dieser Frage scheitern auch
       Lehrer.
       
       taz: Was hat das mit den Verbrechen Hitlerdeutschlands zu tun? 
       
       Aly: Wer den Aufstieg der nationalsozialen Massenbewegung verstehen möchte,
       sollte sich zunächst in die Verhältnisse und Lebensbedingungen dieser Zeit
       hineindenken und sich die Unterschiede zur Gegenwart klarmachen.
       
       taz: Ist es schlimm, dass das Wissen über die NS-Zeit schwindet? Sollte man
       öfter in KZ-Gedenkstätten gehen? 
       
       Aly: Nein. Ich habe keines meiner Kinder zu solchen Erinnerungsorten
       genötigt, sondern gewartet, bis sie selbst hingehen wollten. Mein Buch „Wie
       konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ ist auch deshalb
       erfolgreich, weil es den sozialen Rahmen, die vielfältigen Techniken
       politischer Machtausübung, die kriegerischen Dynamiken und die davon
       beeinflussten menschlichen Verhaltensweisen in nüchternen Worten erklärt.
       Es ist definitiv falsch und geschieht leider viel zu oft, dass die
       Aufklärung junger Menschen vor erkalteten Krematoriumsöfen in feierlich
       abgesenkter Tonlage beginnt.
       
       taz: Was genau stört Sie daran? 
       
       Aly: In der Nähe des taz-Hauses gibt es zum Beispiel die Gedenkstätte
       [1][Topographie des Terrors]. Sie steht auf dem Gelände des ehemaligen
       Reichssicherheitshauptamts. Von dort aus wurden die Polizeiämter in ganz
       Deutschland geleitet, ebenso der Sicherheitsdienst, dem zum Beispiel Adolf
       Eichmann angehörte, und die in Polen und in den besetzten Gebieten der
       Sowjetunion massenmörderisch tätigen Einsatzgruppen. 1982/83 haben wir uns
       in der taz sehr für die Errichtung einer Gedenkstätte eingesetzt.
       Inzwischen hat man es mit perfekter Architektur und mit
       deutschlandtypischem Gedenkdesign zu tun.
       
       taz: Was gefällt Ihnen daran nicht? 
       
       Aly: Durch die grafisch tadellose Dauerausstellung schreiten täglich
       Tausende Besucher. Sie gucken auf die Fotografien unsympathischer Männer
       mit komischen Schirmmützen, Schaftstiefeln und straff sitzenden Reithosen –
       genannt „die Täter“. Da geht man innerlich sofort auf Distanz und denkt
       sich beruhigt, mit denen bin ich weder verwandt noch verschwägert. Ein
       schönes Gefühl! Wenn man an den bösen sogenannten Tätern vorbeidefiliert
       ist, kann man sich am monströs-kalten [2][Holocaustmahnmal], dem jede
       Inschrift fehlt, mit „den Opfern“ identifizieren …
       
       taz: Auf die Frage, was man beim Gang durch die Stelen des
       Holocaustmahnmals denken solle, hat dessen Architekt Peter Eisenman mal
       geantwortet: „Was man will.“ 
       
       Aly: Moment! Das Holocaustmahnmal ist einem Friedhof, einem Gräberfeld
       nachempfunden. Da denkt man nicht, was man will. Man gedenkt dort der sechs
       Millionen von Deutschen ermordeten Juden. Zudem werden im
       Ausstellungskeller des Mahnmals exemplarische Geschichten und anrührende
       Fotos ermordeter jüdischer Familien gezeigt. Mit ihnen soll man sich
       entsprechend dem [3][Anne-Frank]-Schema identifizieren.
       
       taz: Was ja gut ist. 
       
       Aly: Wohlgemerkt: Ich lehne das nicht ab. Ich habe selbst schon die
       Verlegung von Stolpersteinen angeregt …
       
       taz: … meist vor den Häusern deportierter und ermordeter Jüdinnen und Juden
       in den Gehweg eingelassen … 
       
       Aly: … und ein Buch über das jüdische Mädchen Marion Samuel geschrieben,
       das von Berlin aus deportiert wurde und im Alter von elf Jahren in der
       Gaskammer ermordet wurde, ebenso wie ihre Eltern, arme Leute aus der
       hinteren Ecke vom Prenzlauer Berg. Aber kommen wir auf unser
       halbstaatliches Gedenkwesen zurück: Auf der einen Seite stehen die mühsam
       und dankenswerterweise immer häufiger rekonstruierten Geschichten der Opfer
       und auf der anderen Seite die der Verfolger und Mörder. Und dazwischen
       besteht ein luftleerer Raum, ein geschichtliches Vakuum.
       
       taz: In dem was zu sehen sein müsste? 
       
       Aly: Die deutsche Gesellschaft während der hitlerdeutschen Jahre und damit
       diese Fragen: Wie viel Opportunismus, wie viel Feigheit, wie viel
       Mitmachen, wie viel politisch effektloses Nichtmitmachen haben deutsche
       Männer und Frauen damals an den Tag gelegt? Solche und ähnliche Fragen
       beantwortet in Berlin nur die privat geschaffene, ohne staatliche Zuschüsse
       arbeitende Ausstellung „Hitler – How could it happen?“ im Berlin Story
       Bunker, einem Hochbunker am Berliner Anhalter Bahnhof.
       
       taz: Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt Ihres Buches. 
       
       Aly: Ja. Es handelt von den Herrschaftstechniken, mit denen sich Millionen
       normalerweise nicht kriminelle Menschen in den Sog des Bösen hineinziehen
       ließen. Die Methoden der Macht, die die deutsche Führung damals anwandte,
       die verführerischen wie die robusten, sind nicht ungewöhnlich gewesen. Für
       sich genommen, sind sie alle noch in Gebrauch, derzeit zumeist in
       vergleichsweise milderen Formen.
       
       taz: Was genau? 
       
       Aly: Die sozialen Bestechungspraktiken: Urlaub, Kindergeld, gerechte
       Lebensmittelverteilung im Krieg und so weiter. Das können wir hier
       auslassen. Nehmen wir als Beispiel den Krieg. Egal ob gerecht oder
       ungerecht, lässt er Menschen zusammenrücken und macht sie auch gefügig.
       Krieg ist seit Menschengedenken ein bewährtes politisches
       Integrationsmittel. Hitler wusste das. Er wollte den Krieg. Und der
       ziemlich bald begonnene Bombenkrieg gegen deutsche Städte arbeitete ihm
       sogar in die Hände! Sein Propagandaminister [4][Joseph Goebbels] notierte
       dazu Ende 1943: Die Leute legen sich eine „innere Hornhaut“ zu, das mache
       „sie in einem gewissen Umfang immun“ – immun gegen alles, stumpf gegenüber
       moralischen Bedenken, selbstbezogen, apathisch. Auch diese Voraussetzung
       kann schwere Menschheitsverbrechen begünstigen.
       
       taz: Die Leute waren gleichgültig? 
       
       Aly: Stellen Sie sich vor, da lebt eine Mutter mit ihren drei Kindern in
       relativ bescheidenen Verhältnissen, der Mann ist irgendwo an der Ostfront.
       Von dem hat sie aber lange nichts mehr gehört. In der Zeitung steht, der
       Endsieg sei nah, und das erfordere noch einige letzte Schlachten. In dieser
       Lage flieht diese Frau jede dritte Nacht mit ihren Kindern in den
       Bombenkeller. Nach wenigen Wochen ist sie völlig durch den Wind. Dann wird
       oben ihre Wohnung zerstört. Sie bekommt bald schon ein neues Dach über dem
       Kopf, Hausrat, Kleidung – auch von deportierten Juden. Das ahnt die Frau,
       es ist ihr aber in dieser Situation gleichgültig. Sie denkt an das
       Unmittelbare, an ihre Kinder, ihren Mann, vielleicht an ihre ebenfalls
       unter den Bombenangriffen leidende Mutter. Dasselbe gilt umgekehrt für die
       insgesamt 18 Millionen deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg
       eingesetzt wurden. Mit kriegerischen Mitteln und einer entsprechenden
       Propaganda lässt sich die moralische Verrohung von Millionen Menschen
       leicht bewerkstelligen.
       
       taz: Der Antisemitismus spielte auch eine Rolle, er hat alles während
       dieser Zeit grundiert. 
       
       Aly: Aber ohne den Krieg wäre diese Radikalisierung nicht möglich gewesen.
       Im Herbst 1942 beklagte [5][Sophie Scholl] in einem ihrer Flugblätter, das
       deutsche Volk nehme die verbrecherischen Tatsachen zwar zur Kenntnis, lege
       sie aber schnell „ad acta“, um „wieder in seinen stumpfen, blöden Schlaf“
       zu verfallen. Zur zweiten zentralen Voraussetzung des Holocausts gehört
       neben dem Antisemitismus dieser mit extremer Härte geführte Krieg.
       
       taz: Der Holocaust wurde ja viele Jahre ideologisch vorbereitet. 
       
       Aly: Die Wörter „Ideologie“ und „ideologisch“ oder gar „Weltanschauung“
       vernebeln die Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus. Sie erklären rein
       gar nichts. Die gegen Juden gerichteten Maßnahmen bildeten von Anfang an
       einen wichtigen Punkt im Programm der NSDAP. Die Partei hatte ihren Wählern
       versprochen: Wir wickeln die Judenemanzipation ab, die im Jahr 1810 in
       Preußen mit der Gewerbefreiheit für alle begonnen hatte. Die Parteiredner
       argumentierten: Die Juden besitzen die fetten Kaufhäuser, sie sind
       überdurchschnittlich wohlhabend, sei es als Kaufleute, Anwälte, Ärzte,
       Architekten oder Künstler; diese Ausländer, die nicht zu unserem Volk
       gehören, wollen wir in ihren Rechten beschneiden und sie zur Remigration
       nötigen. Das ist keine Ideologie, sondern ein politisches Programm …
       
       taz: … das offenbar bei sehr vielen verfing. Gegen Dummheit ist kein Kraut
       gewachsen, oder? 
       
       Aly: Der Rassismus hat stets zwei Seiten: die Niedertracht gegen andere und
       die Selbsterhebung. Die Nationalsozialisten umschmeichelten jeden einzelnen
       Deutschen als Angehörigen einer kulturell besonders hoch stehenden Rasse,
       die man vor fremden Einflüssen, vor fremder „Zersetzung“ schützen müsse.
       Demnach gehörte jeder einzelne Germanodeutsche einem besonders edlen Volk
       an, sei er auch noch so dumm, unfähig, ungebildet und plump. Das hören die
       Leute gern. Zumal die damals in Deutschland lebenden Juden vielfach die
       Nase vorne hatten. Wegen der auffällig intensiven Unterstützung Hitlers
       seitens akademisch gebildeter Deutscher und deren teils intensiver, Ideen
       gebender und praktischer Beteiligung an der deutschen Terrorherrschaft
       würde ich vorschlagen, auf das Schimpfwort Dummheit zu verzichten. Vielmehr
       müsste man fragen, warum hohe formale Bildung nicht davor schützt, am
       abgrundtief Bösen mitzuwirken.
       
       taz: Und warum ist das so? 
       
       Aly: Die christlich geprägte Mehrheitsbevölkerung war bis 1900 wenig
       aufstiegsorientiert. Anders die jüdische Minderheit. Hitler und angesehene,
       schon in der Weimarer Republik berufene Wissenschaftler ermunterten die
       langsam hinterherhechelnde germanodeutsche Mehrheit mit der Lehre von der
       nordischen Edelrasse, die kulturell und moralisch allen anderen überlegen
       sei. Dazu eine Nebenbemerkung: Unsere frühere Außenministerin Annalena
       Baerbock erinnerte mich mit ihren andauernden Hinweisen auf unsere
       angeblich vorbildliche „Wertegemeinschaft“ an derart dünkelhaftes
       Überlegenheitsgeschwätz: Wir Deutschen mit „unseren Werten“ wissen, was gut
       ist für alle anderen. Das ging mir auf die Nerven. Baerbocks Nachfolger
       Johannes Wadephul verzichtet auf solche Sprüche.
       
       taz: Zurück zu Hitlerdeutschland: Was die Nazis anboten, war im Kern ein
       Neidprogramm, oder? 
       
       Aly: Neid gehört zu den sieben Todsünden, sie ist die einzige, die
       überhaupt keinen Spaß macht, und gedeiht vorwiegend in der sozialen Nähe.
       Der jüdische Nachbar hat einen tollen Job, man selbst nicht; dieser Nachbar
       schickt seine Kinder auf exzellente Schulen, ist fleißiger, hartnäckiger,
       flexibler …
       
       taz: … moderner? 
       
       Aly: Ja, auch das. Dazu eine schöne Statistik: Stuttgart zählte im Jahr
       1900 knapp 170.000 Einwohner, etwa 3.000 davon waren Juden, also weniger
       als 2 Prozent, aber: Sie besaßen 20 Prozent aller Telefonanschlüsse.
       
       taz: Musste all das zur Schoah führen? 
       
       Aly: Nein! Was den Neid betrifft, geht es um einen Faktor, der die
       Judenfeindschaft förderte. In der Folge entstand im frühen 20. Jahrhundert
       ein verquetschter Neidantisemitismus, verbunden mit übler Nachrede und
       Schadenfreude. Äußerlich verliefen antijüdische Aktionen in anderen Ländern
       oft sehr gewalttätig, etwa in Rumänien, Polen und Russland; in Deutschland
       sehr viel weniger.
       
       taz: Ein Beispiel? 
       
       Aly: Wenn ich vor 20 Jahren nach meinen Vorträgen mit älteren Leuten
       geredet habe, fragte ich gerne: Gab es denn bei Ihnen auf dem Dorf Juden?
       Typisch waren Antworten wie diese: Ja, das war der Viehhändler, und der
       hatte als Erster ein Auto.
       
       taz: Der „Jude“ galt ja seitens der Völkischen als oberflächlich … 
       
       Aly: … und nicht nur unter Nationalsozialisten, sondern in allen Milieus.
       Der bürgerlich gepflegte Antisemit Wilhelm Stapel warf den schlagfertigen
       Juden in den 1920er Jahren oberflächliche Geschwätzigkeit vor. Neid muss
       man immer verstecken und stattdessen den Beneideten Oberflächlichkeit,
       Intriganz oder unehrliche Machenschaften unterstellen. Im Gegenzug
       bescheinigte Stapel den schläfrigen, weniger gewitzten Mehrheitsdeutschen
       „Vornehmheit“ und „Tiefe“.
       
       taz: Während der Weimarer Republik hat sich in der Gesellschaft viel
       verschoben. 
       
       Aly: Schon unter Kaiser Wilhelm II. wurden die Grundlagen für ein modernes
       deutsches Bildungssystem gelegt. Jede Kreisstadt der damals noch recht
       kleinen Landkreise sollte ein Gymnasium bekommen und bekam es auch.
       Allerdings nutzten die Juden die in Deutschland vorhandenen
       Bildungsmöglichkeiten intensiver als die Mehrheit. Im Jahr 1901 erreichten
       56 Prozent der jüdischen Schüler einen höheren Abschluss als Volksschule,
       aber nur 7 Prozent der christlichen Schüler. In der Weimarer Republik
       verringerte sich der Abstand dank guter Bildungspolitik deutlich, war aber
       immer noch offenkundig. Das ließ den neidbasierten Antisemitismus
       ansteigen, besonders sichtbar an den Universitäten.
       
       taz: Und der Nationalsozialismus konnte an diese Gemütslagen anknüpfen? 
       
       Aly: Begünstigt von der in Deutschland besonders heftig verlaufenen
       Weltwirtschaftskrise versprachen die Propagandaredner der NSDAP den vielen
       inzwischen aufstiegsbereiten nichtjüdischen Deutschen eine blühende
       Zukunft. Dabei stützten sie sich auf die Parolen „Deutschland den
       Deutschen“ oder „Hinaus mit der ganzen Ausländerei“, den sogenannten
       Volksfremden.
       
       taz: Das Paradox schlechthin: Demokratie macht Nazis möglich. Die NSDAP kam
       ja nicht durch einen Militärputsch an die Macht. Wie stehen Sie zur
       Brandmauerdebatte [6][in puncto AfD]? 
       
       Aly: Frau Weidel und Herr Chrupalla sind keine Nachfolger Hitlers.
       
       taz: Und Björn Höcke? 
       
       Aly: Der ist ein anderer Fall. Den hätte ich gerne los.
       
       taz: Wohin? 
       
       Aly: Schwer zu sagen. Das müssen wohl Gerichte entscheiden, die AfD scheint
       nicht in der Lage zu sein, sich von ihm und seinem starken Parteiflügel zu
       trennen.
       
       taz: Abermals [7][zur Brandmauer], bitte. 
       
       Aly: Ich halte weder von dem Begriff noch vom damit offenbar verbundenen
       Kontaktverbot etwas. Allerdings bin ich Privatier und kein verantwortlicher
       Politiker. Da stellen sich manche Fragen sicherlich anders.
       
       taz: Wie halten Sie es denn nun mit der Brandmauer?
       
       Aly: Von Fall zu Fall verschieden. Vor etwa eineinhalb Jahren reiste ich
       nach Pirna in der Nähe von Dresden. Die Stadt beherbergte in den Jahren
       1940 und 1941 eine Gaskammer, in der mehr als 13.000 psychisch kranke
       Menschen, auch KZ-Insassen und einige Hundert sowjetische Kriegsgefangene
       ermordet wurden. Ich hatte der dortigen, personell sehr knapp
       ausgestatteten [8][Gedenkstätte] aus meiner Sammlung 20 Meter Akten
       geschenkt. Deshalb sollte es eine Veranstaltung geben. Als ich am
       Nachmittag ankam, fragte ich den Gedenkstättenleiter, ob denn auch der
       Oberbürgermeister von Pirna, Tim Lochner, von Beruf Tischlermeister,
       eingeladen sei, der für die AfD kandidierte und 2023 gewählt worden war.
       Sinngemäß erhielt ich die Antwort, den wolle man in der Gedenkstätte lieber
       nicht sehen.
       
       taz: Und Sie haben doch mit ihm geredet? 
       
       Aly: Vom Hotel aus rief ich Herrn Lochner an, fragte ihn, ob er denn jemals
       sinngemäß geäußert habe, die Euthanasiemorde seien in der glorreichen
       Geschichte der Stadt Pirna ein „Vogelschiss“. Das wies Herr Lochner
       entschieden und in jeder Weise glaubhaft zurück. Da er sich von der
       Stiftung Sächsische Gedenkstätten angegriffen sah, besonders heftig [9][in
       der taz], wollte er meiner Einladung zunächst nicht folgen.
       
       taz: Und schließlich akzeptierte er Ihren Vorschlag? 
       
       Aly: Ja, einer muss doch versuchen, das Eis zu brechen. Meiner Ansicht nach
       gibt es keinen Grund, Herrn Lochner zu unterstellen, er verharmlose die
       NS-Vergangenheit. Auch darf nicht jeder, der eine Regenbogenfahne am
       Rathaus und das Gendern in amtlichen Verlautbarungen ablehnt, als Neonazi
       abgestempelt werden. Das fanden übrigens auch die gut gelaunten Delegierten
       der Selbsthilfeinitiative Psychiatriebetroffener aus Leipzig, die eigens zu
       unserem Abend angereist waren. Sie begrüßten Herrn Oberbürgermeister
       Lochner, freudig riefen sie ihm zu: Natürlich müssen wir im Kommunalen
       zusammenarbeiten, gut, dass Sie in die Gedenkstätte gekommen sind, vielen
       Dank, Herr Lochner!
       
       taz: Sie sind 1947 zur Welt gekommen. Waren Sie ein Kind des Friedens? 
       
       Aly: Nein. Meine Eltern wollten einfach Kinder haben. Meine ältere
       Schwester starb aufgrund der Kriegsverhältnisse sehr früh, im
       katastrophischen Durcheinander des Kriegsendes erlitt meine Mutter die
       Fehlgeburt eines schon weit entwickelten Jungen. Nach dieser nicht
       einfachen Vorgeschichte wurde ich geboren.
       
       taz: Wie haben Sie als Kind die fünfziger und sechziger Jahre erlebt? 
       
       Aly: Das Gewaltniveau war sehr viel höher als heute. Was damals in den
       Schulen geprügelt wurde – untereinander und von Lehrern –, kann man sich
       heute nicht mehr vorstellen. Ich erinnere mich an jähzornige Nachbarn. Das
       war nach diesem Krieg, dessen Gewalt am Ende mit aller Härte auf die
       deutschen Aggressoren zurückgefallen war, kein Wunder. Wir verbrachten
       unsere Kindheit in einer traumatisierten, schweigenden Gesellschaft. Es
       fehlte uns an Nestwärme. Dieses Schicksal hatte zumeist schon die Eltern
       meiner Generation betroffen.
       
       taz: Auch sie wuchsen in verhärteten, kalten Verhältnissen auf? 
       
       Aly: Auch sie waren von Eltern und Lehrern erzogen worden, die den sehr
       verlustreichen Ersten Weltkrieg durchgemacht hatten, die von Gewalt,
       Inflation und Orientierungslosigkeit geprägt worden waren. In dieser
       Generationsabfolge, die direkt zu den deutschen Achtundsechzigern mit ihren
       extrem doktrinären und terroristischen Ausläufern führte, konzentrierten
       sich die Folgen der deutschen Gewaltgeschichte besonders folgenschwer.
       
       taz: Wurde in Ihrer Familie über den Nationalsozialismus geredet? 
       
       Aly: Als ich knapp 16 war und meine Eltern fragte, antworteten sie wie die
       meisten anderen Eltern, sie hätten von den Judenmorden nichts gewusst.
       Später relativierten sie das etwas und dann kurz vor ihrem Tod sehr klar.
       
       taz: Wie das? 
       
       Aly: Mein Vater lag im Frühjahr 1943 als Schwerverwundeter viele Wochen in
       einem großen Reservelazarett in Warschau. Dieses Lazarett grenzte [10][an
       das Warschauer Ghetto]. Von ursprünglich 600.000 dort ghettoisierten Juden
       lebten damals nur noch 50.000. Angesichts der Massenmorde in den
       nahegelegenen Gaskammern von Treblinka entschlossen sich die Aktivisten
       unter ihnen zum Aufstand. Den schlugen die Deutschen nach fünf Wochen
       nieder und erschossen fast alle 50.000 Ghettoinsassen. Erst im hohen Alter,
       zwei Jahre vor seinem Tod, erzählte mein Vater: Wir hörten im Lazarett die
       Schüsse, Schreie und Explosionen – wir wussten, was dort geschah.
       
       taz: Der 27. Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des
       Nationalsozialismus – braucht es den noch? 
       
       Aly: So, wie unsere Geschichte verlaufen ist, sollten wir auf diesen
       formalisierten, rituell gestalteten Gedenkakt keinesfalls verzichten. Wir
       haben diesen Gedenktag erst seit 30 Jahren. Die Reden im Bundestag waren
       stets beeindruckend, besonders die der eingeladenen Gastredner und
       Gastrednerinnen. Lebhaft erinnere ich mich an die Gedenkrede der
       Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch im Jahr 2018. Sie beendete
       ihre Rede mit diesen Sätzen: „Ich hatte geschworen, nie wieder meine Füße
       auf deutschen Boden zu setzen. Mein Hass auf alles, was deutsch war, war
       grenzenlos. Wie Sie sehen, bin ich eidbrüchig geworden – schon vor vielen,
       vielen Jahren –, und ich bereue es nicht. Hass ist ganz einfach ein Gift,
       und letzten Endes vergiftet man sich selbst. Ich verabschiede mich jetzt
       von Ihnen mit Dank für diese Einladung und Anerkennung für die Würde und
       Offenheit, mit der Sie jedes Jahr diesen Gedenktag begehen.“
       
       27 Jan 2026
       
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