# taz.de -- Alltag in der Ukraine: Literaturkreis im Luftschutzkeller
       
       > Der Comic „Eine kurze Geschichte eines langen Kriegs“ erklärt deutschen
       > Leser*innen den jahrhundertealten Konflikt Russlands mit der Ukraine.
       
 (IMG) Bild: Im Luftschutzkeller kommt die junge Frau mit Nachbar*innen ins Gespräch über ukrainische Literatur
       
       Seit mehr als zehn Jahre tobt der russische Angriffskrieg gegen die
       Ukraine. Doch seine Vorgeschichte reicht viel weiter zurück. Der Comic
       „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges. Russland gegen die Ukraine“
       will die „politischen Ursprünge und historischen Parallelen“ dieses
       jahrhundertealten Konfliktes erklären.
       
       Eingebettet werden die einzelnen historischen Etappen der
       ukrainisch-russischen Beziehungen in eine Rahmenhandlung: Während eines
       nächtlichen russischen Luftangriffs recherchiert eine junge Frau auf ihrem
       Smartphone zur Geschichte der russischen Aggressionen gegen ihr Land. So
       stößt sie unter anderem auf die Hungersnot von 1932/33, auch als
       „Holodomor“ bekannt, bei der mindestens 4 Millionen Ukrainer*innen
       starben. Mittlerweile wird der Holodomor von vielen Staaten, nicht aber von
       Russland, als Völkermord anerkannt. Und sie stößt auf die „Orange
       Revolution“ von 2004, die begann, nachdem ein prorussischer
       Präsidentschaftskandidat offenbar durch Wahlfälschung an die Macht gekommen
       war.
       
       ## Hoffnungsschimmer in Orange
       
       Später kommt die junge Frau im Luftschutzkeller mit Nachbar*innen ins
       Gespräch über [1][ukrainische Literatur]. Wir erfahren mit ihr von Erlassen
       aus Moskau, mit denen bereits im 19. Jahrhundert die ukrainische Literatur
       verboten wurde. Und davon, dass in der Stalinzeit der 1930er Jahre eine
       ganze Generation ukrainischer Schriftsteller*innen in Lager deportiert
       und erschossen wurde. Düstere Ereignisse, deren Dramatik die
       Schwarz-Weiß-Zeichnungen verstärken, – auch wenn das Orange der Revolution
       als dritte Farbe wie ein Hoffnungsschimmer hinzukommt.
       
       Geschrieben und gezeichnet von Ukrainer*innern während des Krieges mit
       Russland, ist das Buch 2024 in der Ukraine erschienen. Die Autor*innen
       selber erklären, was sie zur Arbeit an dem Buch motiviert hat: „Wie Sie
       sich vorstellen können, haben wir es ziemlich satt, dass über uns
       geschrieben wird, und brennen darauf, unsere eigene Stimme zu erheben“,
       heißt es im Verlagsprospekt.
       
       Was aber für ein ukrainisches Lesepublikum sicher gut funktioniert, ist für
       [2][deutsche Leser*innen] nicht ganz unproblematisch. Denn viele der
       Ereignisse, die jedem Ukrainer, jeder Ukrainerin bekannt sind, werden hier,
       auch dem Genre geschuldet, sehr kurz abgehandelt. Und sind damit nicht ganz
       einfach zu verstehen beziehungsweise einzuordnen.
       
       In der zweiten Hälfte des Buches geht es um die aktuellen Ereignisse. Hier
       nimmt das Buch deutlich an Fahrt auf und liest sich spannend. Die
       Leser*innen werden mitgenommen zur Revolution der Würde 2013/14, besser
       bekannt als „Euro-Maidan“, die Moskau zum Anlass zur Annexion der Krim und
       den Krieg in der Ostukraine nahm. Wir erfahren vom Abschuss des
       malaysischen Passagierflugzeuges MH17 über der Ostukraine durch eine
       russische Rakete im August 2014. Von den beiden „Minsker Abkommen“, mit
       denen 2014 der Krieg im Donbass eingefroren werden sollte. Und schließlich
       vom Beginn der vollumfänglichen Invasion am 24. Februar 2022.
       
       ## Ein paar Infos mehr wären gut
       
       Für die deutsche Ausgabe wären ein paar zusätzliche Informationen nützlich
       gewesen: eine Zeittafel der historischen Ereignisse, eine Ukrainekarte.
       Oder ein Glossar zur Erklärung ukrainischer Begriffe. Dann wüsste man, dass
       das Wort „Holodomor“ sich vom ukrainischen Wort „holod“ (Hunger) und vom
       slawischen Verb „moriti“, qualvoll sterben, ableitet. So wie man mit einem
       Personenverzeichnis schnell gewusst hätte, dass „Molotov“ und
       „Kaganovitsch“, die während der Hungersnot die Getreidelieferungen in der
       Ukraine überwachten, enge Vertraute von Josef Stalin waren: Vjatscheslaw
       Molotov als sowjetischer Regierungschef, später Außenminister, Lasar
       Kaganovitsch als Vollmitglied des Politbüros und unter anderem für die
       Zwangskollektivierung der Landwirtschaft verantwortlich.
       
       Einen Anmerkungsapparat am Ende gibt es, doch dort wird auf Seitenzahlen
       verwiesen, die im Buch fehlen. Eine Liste der Bücher, die die
       Autor*innen als Quellen genutzt haben, verzeichnet vor allem aktuelle
       Werke bekannter Historiker: des in den USA lebenden Ukrainers [3][Serhii
       Plokhy], des US-Amerikaners Timothy Snyder und des kanadisch-ukrainischen
       Historikers Orest Sutbtelny. Dass hier nur die englischsprachigen
       (Original-)Ausgaben genannt werden, obwohl gerade Plokhys und Snyders
       Bücher in exzellenter deutscher Übersetzung vorliegen, ist schade.
       
       Trotz dieser handwerklichen Mängel ist die „Kurze Geschichte eines langen
       Konflikts“ all jenen zu empfehlen, die mehr zur ukrainischen Geschichte
       wissen möchten, um den aktuellen Krieg besser zu verstehen.
       
       22 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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