# taz.de -- Fahrradexpertin über Winter und Politik: „Krachend durchgefallen“
> Die Berliner Radverkehrspolitik sei katastrophal, sagt SuSanne Grittner
> vom ADFC. Genauso fatal wie der Zustand der Radwege bei Eis und Schnee.
(IMG) Bild: Auf den winterlichen Straßen Berlins ist es mit dem Rad derzeit schwer, sicher voranzukommen
taz: Frau Grittner, als passionierte Radfahrerin legen Sie im Jahr bis zu
12.000 Kilometer zurück. Fahren Sie auch bei den aktuellen
Witterungsverhältnissen?
SuSanne Grittner: Ja, ich habe ein entsprechendes Winterfahrrad. Das hat
ein bisschen breitere Reifen mit Metallteilchen, sogenannten Spikes. Mit
denen kann man selbst bei Glatteis bremsen und lenken und rutscht nicht.
taz: Das Gefühl, mit dem Rad, salopp gesagt, auf die Schnauze zu fliegen,
kennen Sie demnach nicht?
Grittner: Doch (lacht), bis ich mir vor 15 Jahren Spikereifen gekauft habe.
Das ist wirklich eine Lebensversicherung, seitdem habe ich mich nie mehr
hingelegt. Wenn Kanten oder Eisplatten auf der Straße sind, muss man
trotzdem vorsichtig fahren, aber man ist weiter manövrierfähig, wenn die
Fläche sehr glatt wird.
taz: Was raten Sie Radfahrenden, die keine Spikes haben?
Grittner: Das muss jede und jeder selbst einschätzen. Auf gewohnten
Strecken weiß man, wenn unter dem frischen Schnee noch Glatteis vom Vortag
ist. Bei ungewohnten Strecken wird es schwieriger. Mit einem normalen Rad
würde ich da dann nicht mehr fahren. Generell empfehlen wir, die Luft ein
bisschen abzulassen, dass die Reifen eine breitere Auflage haben. Und den
Sattel ein bisschen tiefer stellen, sodass man sich zur Not mit beiden
Beinen gleichzeitig auf der Fahrbahn abstützen kann. Besonders wichtig zu
wissen ist: Sind die Radwege nicht geräumt, entfällt die Benutzungspflicht.
Sicherer ist man bei nicht geräumten Radwegen, also auf der Fahrbahn. Da
gilt natürlich für alle, auch für Autofahrende, besonders vorsichtig und
umsichtig zu fahren.
taz: Die BSR räumt eigenen Angaben zufolge die Radfahrstreifen. Ist das
wirklich der Fall?
Grittner: Wir haben auf der Website des ADFC Berlin ein Wintermonitoring,
den ADFC-Winterdienst-Check. Dort gibt es Tipps zum Radfahren im Winter und
auch ein Meldeportal, alle Beobachtungen können dort gemeldet werden, wir
sammeln das. Was wir sehen, ist, dass Fahrradstreifen nicht die oberste
Priorität haben bei Straßenreinigung der BSR. Radfahrstreifen, die sich auf
der Fahrbahn befinden, sind eher gut befahrbar. Bei den Radwegen auf den
Bürgersteigen beobachten wir allerdings oft katastrophale Zustände. Das ist
ein echtes Problem für die Menschen, die aufs Rad angewiesen sind, um zur
Arbeit, zur Schule oder mit den Kindern zur Kita zu fahren.
taz: Die BSR sagt, auf den Radwegen auf den Bürgersteigen bestehe eine
Pflicht zur Schneeräumung, aber nicht zur Eisbeseitigung.
Grittner: Das beginnt damit, dass die Schneeräumung nicht richtig gemacht
wird. Wäre gleich bei Neuschnee geräumt worden und nicht erst nach zwei
oder drei Tagen, wären die jetzt auch gut befahrbar. Jetzt ist es so, dass
sich der Schnee verfestigt hat und die unebenen Stellen teilweise
überfroren sind. Das ist extrem gefährlich.
taz: Auf den Fußwegen sieht es zum Teil ähnlich aus.
Grittner: Richtig, auch dort wird viel zu wenig geräumt. Wobei für viele
Fußgängerwege die Anlieger zuständig sind, da trifft die BSR keine Schuld.
Auch hier empfehlen wir, auf die Website des ADFC Berlin zu schauen. Dort
gibt es übrigens auch den Link zu einem Formular, wo man sich bei der BSR
beschweren kann.
taz: Lassen Sie uns über Radfahren im Allgemeinen sprechen. In Berlin sind
im vergangenen Jahr fünf Radfahrende ums Leben gekommen. Ist das viel oder
wenig?
Grittner: In den Jahren davor waren es teilweise deutlich mehr. Aber man
muss immer auch die Schwerverletzten betrachten. [1][Und da haben wir
weiterhin eine viel zu hohe Zahl]. Das ist ja immer eine Gratwanderung, ob
jemand mit schwersten Verletzungen gerade noch so überlebt, aber sich für
die Person dadurch alles ändert.
taz: Im Mobilitätsgesetz Berlin ist die Vision Zero verankert. Was heißt
das?
Grittner: Es wird angestrebt, keine Verkehrstoten und keine
Schwerverletzten im Verkehr zu haben. Davon sind wir noch weit entfernt. Zu
den fünf toten Radfahrenden 2025 ist anzumerken, dass der Anteil derer, die
das nach unserem ersten Eindruck selbst verschuldet haben, sehr gering ist.
Nur bei einem der fünf war das vermutlich so. Bei den anderen hat der
Unfallgegner die Vorfahrt des Radfahrenden verletzt. In der jährlichen
Unfallstatistik der Polizei Berlin ist zu sehen, [2][dass die meisten
schweren Radunfälle von Kfz-Fahrenden] verursacht werden.
taz: Waren Lastwagen involviert? Der ADFC fordert ja, dass alle Lkws mit
einem technischen Abbiegeassistenten und einer Notstopp-Einrichtung
ausgestattet werden.
Grittner: Unter anderem gab es einen Unfall mit einem auf die A100
auffahrenden Lkw an der Oberlandstraße. Das ist eine sehr gravierende
Stelle, da endet der Radweg ungefähr 100 Meter vor der Autobahnauffahrt.
Der Radverkehr fährt dann auf dem normalen Fahrstreifen. Dort ist ein Lkw
auf dem zweiten Fahrstreifen nach rechts auf die Autobahn aufgefahren und
hat einen Radfahrer getötet. Dort ist ganz dringend ein separater Radweg
mit getrennten Ampelphasen erforderlich.
taz: Im Jahr 2022, als Berlin noch von Rot-Rot-Grün regiert wurde, sind
25,5 Kilometer Radwege gebaut worden. Was für eine Note würden Sie der
derzeitigen CDU-geführten Verkehrsverwaltung ausstellen?
Grittner: Im aktuellen ADFC-Fahrradklima-Test stellen die Radfahrenden
Berlin die Note 4,3 aus – also durchgefallen. Der Regierende Bürgermeister
Kai Wegner (CDU) ist damit angetreten, dass deutlich mehr Radwege gebaut
werden sollen, als es die Vorgängerregierung getan hat. Das Ergebnis ist
das Gegenteil. Es sind nur wenige Kilometer überhaupt gebaut worden. Ein
Großteil davon war geplant, von der vorhergehenden Regierung. Alle anderen
Planungen sind quasi eingestellt worden. Das Einzige, wo wir noch Bewegung
beobachten, befindet sich in der bezirklichen Zuständigkeit. Die Bezirke
sind teilweise sehr aktiv im Nebenstraßennetz.
taz: Laut landeseigener Fahrradinfrastrukturgesellschaft Infravelo sollen
in diesem Jahr 12,25 Kilometer neue Radwege gebaut werden.
Grittner: Das ist viel zu wenig. [3][Das Mobilitätsgesetz] bzw. der
Radverkehrsplan der Stadt schreibt für 2026 den Bau von 350 km Radwegen
vor. Das macht deutlich, wie krachend Berlin das Ziel eines Radnetzes bis
2030 verfehlt. Im Haushalt sind viel zu wenig Mittel für den Radverkehr
eingestellt. Nicht nur für Investitionen für Radinfrastruktur, sondern auch
für Verkehrssicherheit.
taz: Im Herbst sind in Berlin Wahlen. Was für eine Erwartung haben Sie an
die künftige Regierung?
Grittner: Unsere Forderung ist natürlich, dass das Mobilitätsgesetz
vollständig umgesetzt wird. Es ist ein gültiges Berliner Gesetz, wurde mit
breiter zivilgesellschaftlicher Beteiligung erarbeitet und bindet alle
Teile der Verwaltung, dies so umzusetzen.
taz: Was heißt das bei Radwegen in Kilometern?
Grittner: Wir müssen sehr viele Kilometer bauen. Das Defizit der
vergangenen Jahre muss aufgeholt werden. Bis zum Jahr 2030 sollten 2.350
Kilometer Radnetz fertiggestellt sein, mehr als 2.000 Kilometer davon
fehlen noch. Um das Radnetz umzusetzen, muss sich die künftige Regierung
zum Radverkehr bekennen, Kapazitäten und Finanzierung für den Radverkehr
hochfahren und mit Mut und Klarheit den nachhaltigen Umbau der Stadt
vorantreiben.
taz: Zum Schluss hätten wir von Ihnen als Meteorologin und Klimatologin
gerne noch einen Ausblick aufs Wetter.
Grittner: Die Kälte bleibt uns auf jeden Fall noch ein paar Tage erhalten.
Wenn die Straßen brauchbar sind, kann man trotzdem Rad fahren, sollte sich
aber so anziehen, dass man nicht friert. Ich trage immer mehrere Schichten
übereinander. Radfahren ist außerdem gut fürs Immunsystem.
taz: Fahren Sie mit Helm?
Grittner: Es gibt keine Helmpflicht, ich fahre aber nie ohne. Bei der Kälte
ziehe ich eine dünne Mütze drunter an. Der Helm sollte richtig fest auf dem
Kopf sitzen, wenn man stürzt, darf er nicht runterrutschen. Eine
Bommelmütze und den Helm obendrauf – das geht gar nicht!
13 Jan 2026
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