# taz.de -- Rationalisierung von Asylverfahren: Wenn KI die Akten liest
       
       > Schleswig-Holsteins Justizministerin von der Decken will künstliche
       > Intelligenz nutzen, um Asylanträge zusammenzufassen. Flüchtlingsrat sieht
       > Risiko.
       
 (IMG) Bild: Liest künftig erst mal die KI: Asylantrag
       
       Ihr Name ist Ada, und sie prüft die Schicksale von Menschen, die in
       Deutschland um Asyl bitten. Nach Baden-Württemberg setzt nun auch
       Schleswig-Holstein den „Akten-Durchdringungs-Assistenten“, kurz Ada, ein,
       um Anträge zu lesen und zusammenzufassen.
       
       Für die Kieler Justizministerin Kerstin von der Decken (CDU) ist das
       Projekt ein Beispiel für „digitale Innovation, föderale Zusammenarbeit und
       praktische Justizanwendung“. Der Flüchtlingsrat warnt dagegen vor Risiken
       für die Betroffenen: Wenn die KI komplexe Sachverhalte und Notlagen nicht
       versteht, könnten [1][Menschen zu Unrecht abgeschoben] werden.
       
       In Baden-Württemberg ist Ada bereits seit mehreren Monaten im Einsatz. Der
       „Durchdringungs-Assistent“ lese die Akte, erkenne „relevante Informationen“
       und erstelle „eine Art digitalen Klebezettel“, heißt es in einer Mitteilung
       des CDU-geführten Justiz- und Migrationsministeriums in Stuttgart.
       
       Den Richter:innen soll das Zeit sparen. Das klappt offenbar:
       Baden-Württemberg rühmt sich, deutschlandweit zu den [2][Ländern mit den
       schnellsten Asylverfahren] zu gehören – dank neuer Strukturen im
       Gerichtswesen, aber auch wegen des digitalen Helferleins Ada.
       
       ## Erfolgreiche Testphase
       
       Auch in Schleswig-Holstein soll Ada eine „schnellere, standardisierte
       Vorprüfung ermöglichen“. Die Testphase, die im Juni 2025 startete, sei so
       erfolgreich verlaufen, dass Ada früher als geplant im Echtbetrieb
       eingesetzt werden konnte, heißt es in der [3][Mitteilung des Ministeriums].
       Die Datensicherheit sei gewährleistet – Schleswig-Holstein setzt im Rahmen
       seiner Digitalstrategie auf deutsche oder europäische Softwarelösungen.
       
       „Die Beschleunigung von Verfahren ist natürlich wünschenswert, ebenso die
       Arbeitsentlastung für Richter:innen“, sagt Leonie Melk, Sprecherin des
       Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein. Es sei zu erwarten, dass vor allem
       wenig aussichtsreiche Verfahren beschleunigt würden. Aber generell sieht
       sie den Einsatz der KI skeptisch: „Das Risiko für die Betroffenen ist nicht
       zu unterschätzen.“
       
       Denn die KI erkennt bekanntlich nur, was ihr vorher eingegeben wurde. So
       „besteht die Gefahr, dass Fluchtgründe sowie schutzbringende Aspekte nicht
       beachtet werden, da nicht alle Wörter, die eine politische Verfolgung
       beschreiben, vom System erkannt werden“, befürchtet Melk. „Die
       Ausführlichkeit der Akten kommt ja gerade durch die komplexen Lagen in
       Herkunftsländern, verschlungene Wege nach Europa und perfide Systeme
       politischer Verfolgung zustande.“
       
       Bei Asylklagen gehe es für viele Menschen um alles: „Um sichernden Schutz
       oder gefährliche Abschiebung.“ Melk wünscht sich daher „eine differenzierte
       Auseinandersetzung mit den Fluchtgeschichten“. Schließlich gehe es um das
       [4][individuelle Recht auf Asyl].
       
       Selbst wenn die Software wenig Fehler mache, bleibe das grundsätzliche
       Problem, dass „neue Technologie an marginalisierten Gruppen getestet wird“,
       sagt Melk. „Dass der ADA ausgerechnet hier eingesetzt wird, ist
       menschenrechtlich und ethisch nicht zu rechtfertigen und eher durch die
       [5][derzeitige politische Lage] zu erklären.“
       
       Das Justizministerium verspricht, dass die neue Software im Jahr 2026
       überprüft wird. Dabei soll es vor allem um Bearbeitungszeiten und
       Arbeitsentlastung gehen.
       
       7 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Verschaerfte-Fluechtlingsabwehr/!6142183
 (DIR) [2] https://jum.baden-wuerttemberg.de/de/presse-service/presse/pressemitteilung/pid/bw-ist-bundesweit-bei-der-verkuerzung-asylgerichtlicher-verfahren-in-der-spitzengruppe
 (DIR) [3] https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/II/Presse/PI/2025/Justiz/20251230_AktenAssistent?nn=b86b3c25-ebd5-4bef-8d38-a1683afc9c00
 (DIR) [4] /Statistik-fuer-2025/!6142641
 (DIR) [5] /Abschiebe-Beschluss-der-EU-Innenminister/!6136427
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Esther Geisslinger
       
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