# taz.de -- Dreikönigstreffen der FDP: Nicht mal die Letzte Generation demonstriert noch gegen sie
       
       > In Stuttgart sucht die FDP ohne Ex-Chef Christian Lindner nach ihrem
       > Profil. Manche hätten es gern radikalliberal. Es droht das endgültige
       > Verschwinden.
       
 (IMG) Bild: Will „Deutschland neu denken“: Christian Dürr, Vorsitzender der FDP
       
       Kein donnerndes Promovideo zur Eröffnung, keine weißen Sitzmöbel auf der
       Bühne. Nicht einmal Greenpeace oder die Letzte Generation beehren in diesem
       Jahr das Dreikönigstreffen der FDP mit ihrem Protest. Der Bedeutungsverlust
       der Liberalen ist an diesem Dienstag greifbar, die Sinnkrise der Partei
       auch.
       
       Im hohen Bogen ist die Partei aus der Ampelregierung geflogen, dann bei der
       Bundestagswahl im Frühjahr auch aus dem Bundestag, und für die kommenden
       Landtagswahlen sieht es nicht unbedingt rosig aus. Immerhin, „die
       ‚Heute-Show‘ sei heute noch in die Stuttgarter Staatsoper gekommen“,
       witzelt Marie-Agnes Strack-Zimmermann in einem skurrilen
       Muppetshow-Auftritt zusammen mit Wolfgang Kubicki, „die kommen bis zum
       Schluss“.
       
       Strack-Zimmermann und Kubicki haben wenig Aufmunterndes aus ihrem
       Logenplatz für die Partei zu bieten – stattdessen ein paar Lästereien über
       jüngere Parteifreunde („können nicht bis fünf zählen“) und ein paar
       abgestandene Gags über Wein und Alter. Zumindest Strack-Zimmermann hätte
       aus Brüssel und über die Ukraine wohl substanziellere Beiträge leisten
       können an diesem Tag; sie ist immerhin die einzig noch bundesweit
       wahrgenommene Liberale. Stattdessen scheint man politische Themen und den
       Aufbruch lieber den Jungen zu überlassen.
       
       Und so steht dann der zweite Christian der Partei nach Lindner für seinen
       Auftritt demonstrativ im Publikum wie ein evangelikaler Prediger. Seine
       Botschaft: Die FDP wieder relevant zu machen, das ist eine Teamaufgabe.
       Christian Dürr, der neue Vorsitzende, hat Mühe, den roten Faden für seine
       liberale Erzählung zu finden – was nicht nur an einem Sanitätereinsatz
       während seiner Rede liegt. Er will „Deutschland neu denken“, so der Slogan,
       und schlägt vor, alle Gesetze seit 2000 erst einmal pauschal abzuschaffen,
       um zu sehen, was man wirklich braucht.
       
       ## Zurück zum Sozialstaat „vor Bismarck“
       
       Die Frage ist nur, ob ein solcher Radikalliberalismus in unsicheren Zeiten
       genug experimentierfreudige Wähler findet. Andererseits: Manche von Dürrs
       vermeintlich radikalen Vorschlägen, wie etwa mehr Geld für Grundschulen und
       eine verbindliche Sprachprüfung für Kitakinder, werden von der SPD in
       Hamburg längst umgesetzt und sind im grün-schwarzen Baden-Württemberg
       beschlossen. Bürokratieabbau und eine Modernisierung des
       Wirtschaftsstandorts Deutschland haben ohnehin auch andere Parteien im
       Programm.
       
       Dürr betont: „Bei allen Fehlern in der Ampel – nur die Liberalen meinen es
       ernst damit.“ 2017, als die Partei schon einmal außerparlamentarisch war,
       kam der Schub für die Rückkehr in den Bundestag aus den Ländern. Bei der
       ersten Wahl in diesem Jahr, in Baden-Württemberg, sind die Voraussetzungen
       noch vergleichsweise gut. In den Umfragen liegt die FDP irgendwo zwischen 5
       und 7 Prozent. Aber der Wahlkampf ist stark auf [1][die Spitzenkandidaten
       von CDU und Grünen] zugeschnitten. Der etwas in die Jahre gekommene
       FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke droht da [2][nicht wahrgenommen zu
       werden]. Womöglich hat die Landespartei den Generationenwechsel verpasst.
       
       Rülke versucht, mit einer radikalen Strukturreform der Landkreise und
       anderem Bürokratieabbau zu punkten – und könnte je nach Wahlausgang
       tatsächlich als dritte demokratische Kraft [3][neben CDU] und Grünen
       gebraucht werden.
       
       Schon schlechter sieht es da im benachbarten Rheinland-Pfalz aus. Dort
       regieren die Liberalen seit zehn Jahren mit, liegen aber in Umfragen bei
       nur 3 Prozent. Die Wahl ist am 22. März. Auch weil Regieren – ob richtig
       oder falsch – vom Wähler offenbar nicht belohnt wird, hätte es die oft
       junge Parteibasis in Stuttgart gern radikaler.
       
       Dort, wo die letzten Jahre vor dem Opernhaus von links gegen liberale
       Politik protestiert wurde, stehen diesmal die „Kapitalistischen Liberalen“,
       eine kleine Gruppe Junger Liberaler, die nach Selbstauskunft zurück zu
       einem Sozialstaat „vor Bismarck“ wollen. Zugegeben, eine extreme
       Minderheiteninterpretation des offiziellen FDP-Wahlkampfslogans „Zurück auf
       Zukunft“. Aber dazu passt, dass der Gaststar des Dreikönigstreffens und vor
       allem des Landesparteitags am Tag davor ein Mitglied der argentinischen
       Regierung von Javier Milei ist.
       
       Der Staatssekretär des dortigen Ministeriums für Disruption, Alejandro
       Cacace, erhält Standing Ovations, und von den üppig verzierten Wänden der
       Stuttgarter Staatsoper hallt der Schlachtruf der radikalliberalen
       argentinischen Regierung wider: „Afuera“. Auf Spanisch heißt das „raus“ –
       und passt gar nicht so gut zur Lage der FDP, denn eigentlich will sie ja
       2026 eher rein, nämlich in die Parlamente.
       
       6 Jan 2026
       
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