# taz.de -- „Marmor, Quecksilber, Nebel“: Der Ursprung der Welt, die Grenzen der Sprache
> In „Marmor, Quecksilber, Nebel“ kreist Judith Schalansky um die Frage, ob
> sich die Weltgeschichte aus einem einzelnen Gegenstand entfalten lässt.
(IMG) Bild: Nebel als Sinnbild des Undurchsichtigen, das sowohl den Ursprung der Welt als auch die Grenzen von Wissen und Sprache markiert
Es ist eine ebenso verlockende wie weitreichende Überlegung, die [1][Judith
Schalansky] formuliert, gleich am Anfang ihres jüngst veröffentlichten
Buchs „Marmor, Quecksilber, Nebel: Woraus die Welt gemacht ist“: Ließe sich
die gesamte Weltgeschichte nicht aus einem einzelnen Gegenstand entfalten?
Oder anders: Stecken nicht in jedem Ding zugleich alle Herrlichkeit und
alles Verhängnis?
Auslöser des Gedankens ist eine Irritation. Während der Fahrt mit einer
Fähre durch das Thrakische Meer war der Blick der Autorin und
Buchgestalterin im gleißenden Licht eines griechischen Augustmorgens auf
einen immensen Marmorblock gefallen.
Der glatte, gleichermaßen erhabene wie banale Quader auf der Ladefläche
eines Lkw löste in ihr eine Erschütterung aus, die dazu drängte, ihn zu
vermessen oder anzubeten. Um weder dem einen noch dem anderen zu erliegen,
nimmt die Autorin ihn zum Ausgangspunkt einer gedanklichen Erkundung der
Stofflichkeit der Welt.
In drei, auf ihren 2025 gehaltenen Frankfurter Poetikvorlesungen
basierenden Kapiteln, die zwischen Essay und Erzählung oszillieren, folgt
sie Beunruhigungen der Gegenwart in die kulturgeschichtliche Bewältigung
von Wirklichkeit und Materialität. Lose Fluchtpunkte sind die titelgebenden
Stoffe Marmor, Quecksilber und Nebel.
## Ovids Metamorphosen und die Sage von Pygmalion
Von der Fähre im Meer führt der Marmorblock Schalansky über die Steinbrüche
von Thassos in die marmorverkleideten Säle der Berliner Staatsbibliothek,
den Ort ihres Arbeitens. Von dort folgt sie geistesgeschichtlichen Vektoren
bis zu Ovids Metamorphosen und der Sage von Pygmalion. Über dessen
Beziehung zu einer von ihm erschaffenen und zum Leben erweckten Marmorfrau
gelangt Schalansky zum Prozess von Avignon und Gisèle Pelicot. Beides
zeige, dass die Überhöhung der Frauen kaum weniger fatale Folgen haben
könne als ihre Erniedrigung. Freilich bestehen Unterschiede.
Das mäandernde Verfahren setzt sich im gesamten Buch fort, wendet sich aber
anderen Gegenständen zu. Mehr noch als der Marmor fungiert das Quecksilber
im folgenden Kapitel als motivisches Echo. Wie das Element, das immer
wegzuspringen scheint, wenn man es zu fassen sucht, und sich doch im
Organismus ablagert, sickert es in den Text ein.
In ihm geht es um eine Vortragsreise nach Guadalajara, die Schalansky zu
Reflexionen über die Bedeutung des Obskuren für die Tradierung von Wissen
veranlasst und in einer Erregung über Dichtung und Wahrheit mündet. Während
traditionelle Bereiche der Wissensbildung sich wie die Stimme der Autorin
während ihres Vortrags in einer Kunsthochschule aufzulösen beginnen, findet
sie im mexikanischen Wrestling eine unerwartete Wahrhaftigkeit.
## Schöpferische Unordnung
Wie im ersten Kapitel erweist sich die Fremde als Ort, der die Begriffe von
Dichtung und Wahrheit in schöpferische Unordnung bringt. Auch der dritte
Abschnitt ist mit einem Blickwechsel verbunden, der Erinnerung an einen
fragwürdigen Besuch des Brockens und seine nebelverhangene Spitze. Das
atmosphärische Phänomen, das durch Verhüllung und Verfremdung die Dinge neu
erkennbar werden lässt, verwebt Schalansky mit der Sehnsucht nach
Erkenntnis.
Der Nebel wird zum Sinnbild des Undurchsichtigen, das sowohl den Ursprung
der Welt als auch die Grenzen von Wissen und Sprache markiert. Schalansky
montiert Formen der Welterschließung von frühen Orakelsprüchen und Texten
neuzeitlicher Enzyklopädien mit der Geschichte computergestützter
Sprachmodelle als Vorläufer sogenannter künstlicher Intelligenz.
Letzterer begegnet sie mit Skepsis, nicht nur, weil ihre industrielle
Infrastruktur vom Rechenzentrum bis zum Bergbau hinter Begriffen wie Cloud
und Stream verschleiert werde, sondern weil sie Denken lediglich
mathematisch nachahmen und ordneten.
## Wild wucherndes Wissen
Judith Schalansky hält dem ein Verständnis menschlicher Weltaneignung
entgegen, das sich durch das Unvorhergesehene auszeichnet. Sie sieht den
Ort dieses wild wuchernden Wissens im Buch, und in der Poesie den womöglich
letzten Ort, an dem Forschung unordentlich sein dürfe. Ob sich so aus jedem
einzelnen Ding die Welt entfalten lässt, mag dahingestellt sein. Dass
bereits im Versuch eine eigene Wahrheit liegt, stellt ihr Buch
eindrucksvoll unter Beweis.
6 May 2026
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(DIR) Lukas Böckmann
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