# taz.de -- Der Rennelberg in Braunschweig: Ein Ort mit üblen Erinnerungen
> In Braunschweig steht eine ehemalige Justizvollzugsanstalt zum Verkauf.
> Wo in der Nazizeit Oppositionelle gefoltert wurden, soll nun Wohnraum
> entstehen.
(IMG) Bild: Wo Menschen mal weggesperrt wurden, soll im Rennelberg gewohnt werden
Können Gefängnisse schön sein? Der Rennelberg ist es. Die braunroten
Backsteine der Treppengiebel strahlen Wärme gegen den grauen Winterhimmel
aus. Glasierte schwarze Ornamente zieren die Stirnseite des
mehrgeschossigen Ziegelbaus, aus dem die Flügel nach Norden und Süden
abzweigen.
Schon seit Mai 2024 sind hier [1][keine Gefangenen mehr unterbracht],
trotzdem hängt überall noch Sicherheitsdraht. Die Zeiger der Uhr über den
weiß vergitterten Fenstern stehen still auf kurz nach neun. Knapp
anderthalb Kilometer vom Braunschweiger Stadtzentrum entfernt war hier seit
der Inbetriebnahme des Kreis- und Untersuchungsgefängnisses im Jahr 1885
Platz für fast 150 Insassen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren 900
Männer und Frauen inhaftiert, informiert eine Stele am Eingang.
Man habe Interessenten im zweistelligen Bereich, erzählt der Mann von der
niedersächsischen Liegenschaftsverwaltung, als wir durch das Torhaus
treten. Das Land will den Rennelberg verkaufen, für 3,6 Millionen Euro.
## Ohne Urteil von den Nazis verhaftet
„Der Rennelberg ist ein Ort des Widerstands, der Opposition und der
Durchsetzung des NS-Regimes“, sagt die Historikerin Martina Staats. Sie
führt durch den Keller in den ersten Stock des Südflügels. „Hier waren die
Menschen, die gleich 33, 34, 35 ohne Urteil verhaftet wurden.“ Von einem
langen Gang zweigen rechts und links Zellentüren ab, aus Holz, eine
Handbreit dick. Drinnen ein schmales Fenster, zu weit oben, um
hinausschauen zu können. Spülkasten und Wasserleitung für WC und
Waschbecken befinden sich außerhalb der Zelle. Hinter einem der Rohre
klemmt eine vergilbte Ausgabe von Jostein Gaarders „[2][Durch einen
Spiegel, in einem dunklen Wort]“.
„Die ganze Opposition wurde hier ausgeschaltet“, erzählt Staats. Ernst
Böhme, SPD-Politiker und Braunschweigs Oberbürgermeister bis 1933, saß im
Rennelberg ein. Parteikollege und Zeitungsredakteur Otto Thielemann wartete
neun Monate auf seine Anklage und verbrachte schließlich drei Jahre hier.
Otto Grotewohl, später erster Ministerpräsident der DDR, wurde im
Rennelberg inhaftiert. Ebenso wie der SPD-Politiker und Ministerpräsident
des Freistaats Braunschweig Heinrich Jasper. Nach Folter und Misshandlung
im Rennelberg starb er schließlich im KZ Bergen-Belsen.
„Durch den Denkmalschutz ist es vielleicht für Kaufinteressenten nicht so
einfach, die zukünftigen Kosten zu wuppen“, meint der Mann von der
Liegenschaftsverwaltung. Die Stadt will den Rennelberg in das umliegende
Wohngebiet integrieren. Inwieweit in den bestehenden Gebäuden Wohnungen
realisiert werden können, könne erst nach einer detaillierten Prüfung
festgestellt werden, heißt es im Kurzexposé.
Zwar strebt die Stadt den Umbau zum Wohnort an, gleichzeitig ging ein
Antrag der SPD-Fraktion zur Einrichtung eines Erinnerungsortes einstimmig
durch den Rat. Ein Konzept zur Nachnutzung solle der historischen Bedeutung
des Ortes in geeigneter Weise Rechnung tragen, informiert die Verwaltung.
Doch der Mann von der Liegenschaftsverwaltung ist skeptisch. „Jemanden zu
verpflichten, so was einzurichten, wird wahrscheinlich privatrechtlich
schwierig.“
Bis Ende Februar können noch Interessenbekundungen nebst Nutzungskonzepten
beim Land eingereicht werden. Erst trifft das Land eine Vorauswahl, dann
die Stadt. Anschließend wird der Rennelberg an den Höchstbietenden
versteigert.
## Für den Erhalt als Erinnerungsort
„Wir waren mit ungefähr 100 Angehörigen der in der NS-Zeit Inhaftierten
hier, ich kriege immer noch ganz viel Briefe“, erzählt Martina Staats. Wir
betreten die Galerie im Nordflügel. „Sie würden es nicht verstehen, wenn
das hier nicht erhalten bleibt.“ Es gehe darum, dass der Kampf für
Demokratie und Freiheit sichtbar sei. Wenn es einen Erinnerungsort gäbe,
„dann kann man mit dem Außengelände so viel Profit verdienen, wie es nur
geht“.
Eine Tür in der obersten Reihe der Galerie sticht heraus. Hinter ihr
verbergen sich gleich zwei Zellen, zu beiden Seiten, gesichert mit
Stahltüren, deren Weiß dunkle Gebrauchsspuren zeigt. Vor den Fenstergittern
verwehrt Milchglas den Blick nach draußen – und drinnen.
„Meine Vermutung ist, dass hier die zum Tode Verurteilten waren“, sagt
Martina Staats. „Hier schrieben sie ihre letzten Briefe.“ Wie Gaarders
Roman führt der Rennelberg die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens vor
Augen. Wer wird hier bauen, hier wohnen? Die Stele wird bleiben. Sie steht
auf städtischem Gebiet.
Menschen aus 17 verschiedenen Nationen wurden im Rennelberg inhaftiert,
darunter auch die französische Widerstandskämpferin Fernande Mathieu. In
ihrem letzten Brief an ihre Mutter schrieb sie vor ihrer Hinrichtung: „Ich
glaube, dass nach diesem Krieg ein glückliches Leben anfängt. Ich bitte
Euch, es gut zu nutzen, alle.“
7 Feb 2026
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## AUTOREN
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