# taz.de -- Russische Luftangriffe auf Kyjiw: „Die schwierigste Lage in diesem Winter“
> Russland setzt seine Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine
> fort. Bei extremer Kälte fehlt Millionen Menschen Strom und Heizung.
(IMG) Bild: Draußen strenger Frost und die Hinterlassenschaften russischer Raketen und Drohnen: Aufwärmzentrum in Kyjiw, 10. Januar
Am Montag ist der 1419. Tag der [1][Vollinvasion Russlands in die Ukraine].
Damit dauert dieser Krieg bereits einen Tag länger als der
Deutsch-Sowjetische Krieg 1941-45, der in der russischen
Geschichtsschreibung als „Großer Vaterländischer Krieg“ bezeichnet wird. In
dieser Zeit ist es Russland nicht gelungen, Kyjiw einzunehmen oder den
Donbass vollständig zu besetzen.
Allerdings führt Russland regelmäßig Angriffe auf [2][die ukrainische
Energieversorgung] durch. In der vergangenen Woche hat Russland laut
Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj etwa 1.100
Angriffsdrohnen, fast 900 gelenkte Bomben und mehr als 50 Raketen gegen die
Ukraine eingesetzt. Eine davon war die Mittelstreckenrakete „Oreshnik“, mit
der ein Gaslager im Gebiet Lwiw 70 Kilometer von der Grenze zu Polen
angegriffen wurde.
Die Angriffe auf Strom- und Wärmekraftwerke bei zweistelligen
Minustemperaturen und Schnee haben zur kritischsten Situation für die
Bevölkerung des Landes seit Beginn der Invasion geführt. Allein in der
vergangenen Woche gab es laut Angaben der ukrainischen Premierministerin
Julia Swyrydenko 44 solcher Angriffe in elf Regionen. „Derzeit ist die Lage
mit der Stromversorgung die schwierigste in diesem Winter“, stellte das
ukrainische Energieunternehmen DTEK fest.
Bei dem jüngsten massiven Angriff auf die Hauptstadt Kyjiw wurden Objekte
getroffen, die Wohnhäuser mit Wärme versorgen. Tausende Haushalte in Kyjiw
sind seit mehr als drei Tagen ohne Heizung und Strom, wodurch ein Teil der
Bevölkerung auch keine Wasserversorgung hat. Im gesamten Gebiet Kyjiw sind
370.000 Haushalte ohne Strom.
## Bombardiert, repariert, wieder bombardiert
In den Regionen Dnipropetrowsk und Saporischschja, die in den letzten
Wochen täglich [3][russischen Angriffen ausgesetzt] waren, kam es bereits
mehrfach zu vollständigen Stromausfällen, sodass dort bis heute etwa eine
Million Menschen ohne Stromversorgung sind.
Die Notfalldienste führen umgehend Reparaturarbeiten durch und konnten
bereits Tausende von Haushalten im ganzen Land wieder an die
Stromversorgung anschließen. Jedoch behindern das Ausmaß der Zerstörungen,
erneute Angriffe und schwierige Wetterbedingungen diese Bemühungen.
Da die meisten Wohnhäuser in der Ukraine über eine zentrale Gasversorgung
verfügen, ist Gas aus Gasherden in Küchen für viele Menschen die einzige
Möglichkeit, ihre Wohnungen zu heizen, wenn ansonsten Heizung und Strom
ausfallen. Rentnerin Hanna, die im achten Stock eines Mehrfamilienhauses in
Kyjiw wohnt und derzeit ebenfalls ohne Strom ist, berichtet: „Ich schalte
ein oder zwei Kochplatten ein und setze mich daneben in die Küche, um mich
zu wärmen. Ich versuche, nicht nach draußen zu gehen, außer zum Einkaufen.
Es ist schwierig für mich, ohne Aufzug in meine Etage zu gelangen, und dort
ist es außerdem kalt und rutschig.“
## „Wie im Mittelalter“
In sozialen Netzwerken tauschen die Menschen Tipps aus, wie man sich wärmen
kann. Ein Trend ist, einen Ziegelstein auf die Gasherdplatte zu legen,
darauf einen gusseisernen Topf zu stellen und so beide Gegenstände zu
erwärmen, die dann langsam Wärme abgeben. „Wie im Mittelalter, aber es
funktioniert“, schreiben die Menschen und ermutigen sich gegenseitig.
Die Regierung verspricht, die Situation in Kyjiw bis zum 15. Januar
deutlich zu verbessern und zum Zeitplan für geplante Stromabschaltungen
zurückzukehren. Allerdings sind einige soziale Gruppen von diesen
Herausforderungen stärker betroffen als andere – insbesondere alleinlebende
Ältere und Familien mit Kindern.
In der Wohnung von Wiktorija, Universitätsprofessorin in Kyjiw, gibt es
seit mehr als drei Tagen weder Strom noch Heizung. Die Frau geht in ein
Café in der Nähe, in dem alles mit einem Generator betrieben wird, um sich
aufzuwärmen und ihr Telefon aufzuladen.
Sie sagt: „Das ist moralisch sehr schwer, ich bin niedergeschlagen. Ich
warte einfach darauf, dass ich wieder zu einem normalen Leben zurückkehren
kann – mit Strom, Wärme und der Möglichkeit, mit meiner geliebten
Straßenbahn zur Arbeit zu fahren. Das Paradoxe daran ist jedoch, dass
selbst diese Situation unseren Kampfeswillen nicht mindert. Ganz im
Gegenteil – so schwer es uns derzeit auch fällt, wir werden noch stärker,
Putin wird uns nicht brechen.
11 Jan 2026
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