# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Ein Jahr der Erkenntnis
       
       > 2025 musste die Ukraine lernen, dass sie sich auf die USA kaum noch
       > verlassen kann. Im neuen Jahr hofft das Land auf Frieden – und weiter auf
       > Europa.
       
 (IMG) Bild: Abgestellt: Während Trump mit Putin telefoniert, warten die europäischen Verbündeten und der ukrainische Präsident Selenskyj
       
       Vielen Ukrainern und anderen Europäern wird 2025 als das Jahr des Umdenkens
       in Erinnerung bleiben. Ein Jahr, das keinen militärischen Durchbruch für
       die Ukraine brachte, aber auch nicht die Niederlage. Donald Trump kehrte
       als US-Präsident auf die internationale Bühne zurück, schürte erst Hoffnung
       auf ein Ende der russischen Vollinvasion, aber zementierte dann die bittere
       Erkenntnis, dass die Vereinigten Staaten kein verlässlicher Partner mehr
       sind.
       
       Unvergessen ist der demütigende Streit zwischen Trump und dem ukrainischen
       Präsidenten [1][Wolodymyr Selenskyj im Oval Office im Februar 2025].
       Selenskyjs Anzug erregte in Washington deutlich mehr Aufmerksamkeit als die
       Lieferung von Raketen für die ukrainische Luftabwehr. Und der Wunsch nach
       wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Russland war offensichtlich größer als
       die Absicht, die Ukraine zu unterstützen. Dies erkannten nicht nur die
       Ukrainer, sondern auch die Europäer, als klar wurde, dass die Grundlagen
       einer europäischen Sicherheitsarchitektur und Ordnung nicht nur instabil,
       sondern existenziell bedroht sind. Die Verbündeten mussten umdenken.
       
       Der ukrainische Präsident schloss sich mit den europäischen Staats- und
       Regierungschefs zusammen, um eine neue Strategie für den Umgang mit Donald
       Trump und seiner Regierung zu entwerfen. Eine wichtige Rolle spielte dabei
       der damals frisch gewählte deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz. Zwar
       gelang es Selenskyj, den Kontakt zu den Vereinigten Staaten – von denen die
       Verteidigungsfähigkeit der Ukraine abhängt – nicht völlig zu verlieren.
       Doch die Beziehungen zwischen den US-Amerikanern und den Ukrainern glichen
       in den vergangenen zwölf Monaten einer Achterbahnfahrt.
       
       Im März 2025 stellten die USA ihre Militärhilfe für die Ukraine faktisch
       ein und setzten die Bereitstellung amerikanischer Geheimdienstdaten
       vorübergehend aus. Dies hatte letztlich auch Folgen für die ukrainische
       Militäroperation in der russischen Region Kursk. Doch dann, im April, kam
       es zu einem fast freundschaftlichen Treffen zwischen Trump und Selenskyj im
       Petersdom in Rom. Im Mai gelang es ukrainischen Diplomaten schließlich, die
       US-Seite davon zu überzeugen, ein Abkommen über seltene Erden in der
       Ukraine im Sinne beider Seiten zu überarbeiten.
       
       ## Putin kam zurück auf die Weltbühne
       
       Die eigentliche Überraschung aber folgte im Sommer. Die Amerikaner setzten
       die trilateralen Verhandlungen über ein Ende des Kriegs fort. Der
       Schauplatz: Istanbul. Das Ergebnis: leider nicht wirklich nennenswert. Im
       August folgte schließlich der nächste Versuch auf diplomatischer Ebene.
       Trump rollte dem russischen Präsidenten in Alaska trotz internationalen
       Haftbefehls den roten Teppich aus. [2][Putin war zurück auf der Weltbühne],
       und Trump verschärfte die Rhetorik gegenüber der Ukraine. Gegen Ende des
       Jahrs übermittelte die US-Regierung der Ukraine dann einen 28-Punkte-Plan
       für ein Kriegsende.
       
       Dieser klang jedoch deutlich mehr nach Kapitulation als nach gerechtem
       Frieden. Aus den 28 Punkten wurden schließlich 20, entwickelt von Selenskyj
       und den Europäern, unterstützt von den USA. Bis heute bleiben sensible
       Punkte: Fragen zum Territorium, die Kontrolle über das von Russland
       besetzte Kernkraftwerk Saporischschja sowie Sicherheitsgarantien für die
       Ukraine. Kurz vor Jahresende bekräftigte Selenskyj bei einem [3][Treffen
       mit Donald Trump auf dessen Anwesen in Mar-a-Lago] diese Aspekte. Und
       quittierte Trumps Äußerungen zu einer „erfolgreichen“ Ukraine oder zu
       Putins „großzügigen“ Angeboten von Strompreisrabatten mit einem ironischen
       Lächeln.
       
       Trotz dieser Achterbahnfahrt sind die Gespräche ein gewisser Erfolg: Seit
       Kriegsbeginn 2022 gab es keine solchen konkreten Verhandlungen und Pläne
       für ein Ende des Kriegs. Doch zugleich verstärkt Russland die Intensität
       der Angriffe.
       
       2025 steigerte der Kreml die Produktion von Kamikazedrohnen. Bei
       kombinierten Luftangriffen setzte Russland nicht nur Dutzende
       Marschflugkörper und ballistische Raketen ein, sondern auch bis zu 800
       Drohnen gleichzeitig. Im Herbst nahm Russland seine [4][Angriffe auf die
       ukrainische Energie- und Infrastruktur] wieder auf. An der Front erhöhte
       Russland den Druck entlang der gesamten rund 1.000 Kilometer langen
       Konfliktlinie weiter.
       
       Nach 2022 war das vergangene Jahr das schwierigste für die ukrainische
       Armee. Erbittert und blutig wurde um die Städte im Donbass gekämpft.
       Gleichzeitig gelang es der Ukraine, [5][Städte zu halten:] Tschassiw Jar,
       Pokrowsk, Mirnohrad, Kostjantyniwka, Kupjansk und andere. Doch die Front
       rückt langsam, aber stetig näher an die am dichtesten besiedelten Städte
       des Donbass im von der Ukraine kontrollierten Teil heran, Slowjansk und
       Kramatorsk. 2025 gelang es der Ukraine, ihre Abhängigkeit von
       Waffenlieferungen ihrer Partner zu verringern und einen Anteil von etwa 50
       Prozent an Waffen aus eigener Produktion zu erreichen. Erstmals stellte die
       Ukraine eine eigene Langstreckenrakete vor, die bereits unter
       Kampfbedingungen eingesetzt wurde.
       
       ## Es rumort in der ukrainischen Innenpolitik
       
       Auch innenpolitisch war es ein herausforderndes Jahr für die Ukraine, in
       dem die Menschen trotz der Last des andauernden Krieges nicht müde wurden,
       ihre Demokratie zu verteidigen. Im Sommer fanden trotz der Einschränkungen
       durch das Kriegsrecht in 15 Städten des Landes zum ersten Mal seit Beginn
       der Großinvasion politische Proteste statt. Die Menschen gingen auf die
       Straße, um das Parlament und Präsident Selenskyj dazu zu bringen, ein
       hastig verabschiedetes Gesetz zurückzuziehen. Es sollte die Unabhängigkeit
       der ukrainischen Antikorruptionsbehörden einschränken. Die Demonstrationen
       zeigten Wirkung, das Gesetz wurde zurückgenommen.
       
       Es war das erste Mal seit 2022, dass die Ukrainer ihre Unzufriedenheit mit
       der Regierung und dem Präsidenten öffentlich zum Ausdruck brachten. Im
       Herbst folgte erneut eine Welle der Empörung, als dieselben
       Antikorruptionsbehörden eine Untersuchung veröffentlichten, die Korruption
       unter Beteiligung von Personen aus dem engsten Umfeld von Selenskyj
       aufdeckte.
       
       Die Enthüllungen zeigten [6][das Ausmaß und die dreiste Veruntreuung
       staatlicher Gelder] und führten unter den Ukrainern zu einem erheblichen
       Verlust des Vertrauens in Selenskyj. Sie waren aber auch ein Zeichen dafür,
       dass die Ermittlungsbehörden im Land selbst unter Kriegsbedingungen
       effektiv arbeiten.
       
       Das dritte bedeutende politische Ereignis für die Ukraine im vergangenen
       Jahr war der Rücktritt des Chefs des Präsidialamts, Andrij Jermak. Unter
       dem Druck der Öffentlichkeit war Selenskyj gezwungen, seinen engsten
       Vertrauten und langjährigen Freund zu entlassen, der seit Beginn der groß
       angelegten Invasion Russlands seine rechte Hand gewesen war. Obwohl es
       keine offiziellen Anklagen oder Verdächtigungen gegen Andrij Jermak gibt,
       macht die Öffentlichkeit ihn für die von den Antikorruptionsbehörden
       aufgedeckte Korruption verantwortlich. Selenskyj gelang es, durch die
       Entlassung seines Vertrauten Misstrauen und Spannungen in der Gesellschaft
       abzubauen. Es war ein schwieriger Moment für den ukrainischen Präsidenten.
       [7][Druck von außen und innen hatten ihn politisch in die Ecke getrieben.]
       
       ## Verhaltener Optimismus für 2026?
       
       Nicht nur den Ukrainern stellt sich nun die Frage: Gibt es 2026 Grund für
       verhaltenen Optimismus – oder gar ein realistisches Ende des Kriegs?
       Selenskyj hat Trumps Forderung zugestimmt, in der Ukraine
       Präsidentschaftswahlen abzuhalten, obwohl die Umsetzung in Kriegszeiten
       eine Herausforderung darstellt. Im nächsten Jahr könnten [8][also Wahlen
       und ein Referendum zur Unterstützung des Friedensabkommens] oder einzelner
       Punkte daraus auf die Ukraine zukommen.
       
       Die wenig greifbaren Ergebnisse des Treffens zwischen Selenskyj und Trump
       am 28. Dezember in Mar-a-Lago deuten jedoch darauf hin, dass Anfang 2026
       weder mit einem baldigen Frieden für die Ukraine noch mit verstärktem Druck
       der USA auf Russland zu rechnen ist. Auch die verzweifelt geforderten
       Tomahawk-Raketen als Sicherheitsgarantie für die Ukraine werden wohl nicht
       so schnell geliefert.
       
       Für das erste Halbjahr des neuen Jahrs ist eher damit zu rechnen, dass
       Putin seine Selbstsicherheit behält. Russland wird seine Angriffe
       vermutlich verstärken und Druck auf die Front im Donbass und in Richtung
       Saporischschja ausüben. Und die USA? Da auch 2026 ein Friedensnobelpreis
       verliehen werden wird, wird Trump wohl weiter darauf drängen, dass es in
       den kommenden Monaten zu einem Friedensabkommen zwischen Russland und der
       Ukraine kommt – unabhängig von dessen Inhalt. Im Kampf um einen gerechten
       Frieden für die Ukraine kommt es also einmal mehr auf die Europäer an.
       
       2 Jan 2026
       
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