# taz.de -- Muslime tun was fürs „Stadtbild“: Die Kehrenbürger der Sonnenallee
       
       > Der Neujahrsputz von Muslimen der Ahmadiyya-Gemeinde hat Tradition. Wegen
       > der „Stadtbild“-Debatte kommen dieses Jahr viele Medienvertreter gucken.
       
 (IMG) Bild: Faris Ahmad (l.) und Zeeshan Ahmad helfen mit beim Aufräumen in Neukölln
       
       Der „Bierbaum 2“ auf der Sonnenallee in Neukölln ist am Neujahrsmorgen um
       10 Uhr gut besucht: Bei lauter Schlagermusik trinken und rauchen Standhafte
       den Silvester-Kater weg. Auf der Sonnenallee ist es so ruhig wie nur selten
       im Jahr, hin und wieder rauscht ein Auto die Straße entlang. Vereinzelt
       hört man aus der Ferne Böller knallen. In den Pfützen vermischt sich das
       Schwarzpulver der Raketen mit Verpackungsmüll, Sektflaschen und
       Böllerresten.
       
       Eine Gruppe junger Männer hat sich an diesem Morgen zum Ziel gesetzt, den
       Müll auf der [1][Sonnenallee] zusammenzufegen. „Kehrenbürger“ steht auf
       ihren Westen, die sie für ihre Aktion von den Berliner
       Stadtreinigungsbetrieben (BSR) gestellt bekommen haben. Ausgestattet mit
       Besen, Schaufeln, Schubkarren und Müllsäcken, arbeiten sich die 20 Männer
       schnell voran. Auf Höhe Wildenbruchstraße/Erkstraße fangen sie an. Bis zum
       Hermannplatz wollen sie putzen, also rund 1,5 Kilometer entlang der
       Sonnenallee. Den Müll kehren sie auf Haufen zusammen. Später wird er von
       der BSR abgeholt.
       
       Es sei nicht so viel Müll wie in den Jahren zuvor, sagt der 17-jährige
       Zeeshan Ahmad der taz. Er mutmaßt, das könne mit der hohen Polizeipräsenz
       im Stadtteil zusammenhängen. [2][Noch am Abend zuvor glich die Sonnenallee
       einer Hochsicherheitszone]. Mit Hamburger Gittern waren Teile der
       Sonnenallee abgesperrt, die zur Böllerverbotszone erklärt worden waren.
       
       Zeeshan geht in die 12. Klasse, macht bald sein Abitur. Sein Vater ist vor
       rund 25 Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen. Zeeshan selbst ist
       in Berlin geboren und aufgewachsen. Am Neujahrsputz beteiligt er sich, seit
       er sieben Jahre alt ist. Ihm macht die Aktion trotz der Eiseskälte
       sichtlich Spaß.
       
       ## Motto „Das Stadtbild verbessern“
       
       Seit rund 30 Jahren gibt es die Neujahrstradition. Organisiert wird der
       Putz in Berlin von Gemeindemitgliedern der Khadija-Moschee in Heinersdorf,
       die zum muslimischen Verband Ahmadiyya Muslim Jamaat gehört. Nach dem
       morgendlichen Gottesdienst und Gebet um 6.30 Uhr und einem anschließenden
       Frühstück verteilen sich die Gemeindemitglieder in der Stadt, um an
       ausgewählten Orten den Müll vom Silvesterabend zusammenzufegen. In Berlin
       sind es laut Scharjil Khalid, dem Imam der Gemeinde, rund 100 Teilnehmende.
       
       In diesem Jahr haben sie sich in Pankow und Neukölln verteilt. In Neukölln
       räumen sie die Karl-Marx-Straße und die Sonnenallee auf. Bundesweit
       beteiligen sich laut dem Verband jährlich etwa 10.000 Muslim:innen an
       der Neujahrsputzaktion. Auch in Städten wie Frankfurt, Mannheim und
       Bielefeld räumen Gemeindemitglieder die Straßen am Neujahrsmorgen auf.
       
       In diesem Jahr ist allerdings etwas anders. Neben den rund 40
       Aktionsteilnehmern in Neukölln sind rund ein Dutzend
       Medienvertreter:innen gekommen. Das diesjähriges Motto „Wir reden
       nicht über das Stadtbild. Wir verbessern es“ knüpft direkt an die
       [3][„Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz] an, der im Oktober von
       „Problemen im Stadtbild“ im Zusammenhang mit Migration gesprochen hatte. In
       der Folge entbrannte eine breit geführte, kritische Debatte. Die Aussage
       sorgte insbesondere in migrantischen und muslimischen Communitys für
       Verunsicherung.
       
       Imam Khalid freut sich über das große mediale Interesse. „Es wäre schön,
       wenn Kai Wegner davon was mitbekommen würde“, sagt er. „Ich glaube, man
       unterschätzt, wie stark die Entfremdung von Muslim:innen gegenüber
       Deutschland derzeit ist.“ „Fast alle“ würden darüber nachdenken,
       auszuwandern. Grund sei das politische und wirtschaftliche Klima im Land.
       „Es war nie so schlimm wie jetzt, und das besorgt mich extrem“, so Khalid.
       
       ## „Problematisierende Debatte“
       
       Mit dem Neujahrsputz wolle man zeigen, dass man „nicht in der Opferrolle
       ist“, so der Imam. Man müsse „weg von der problematisierenden Debatte über
       Muslime.“ Zugleich sei es auch eine „intrinsisch religiös motivierte
       Aktion“, sagt Khalid: „Wie man sein Haus sauber hält, hält man sein Land
       sauber.“
       
       Um kurz nach 11 Uhr sammelt sich die Gruppe zum Abschluss noch einmal am
       Hermannplatz. Die Bilanz: Rund 150 Müllsäcke konnten sie in diesem Jahr
       füllen. Der BSR kommt das sehr gelegen: „Über dieses starke Engagement der
       Bürger:innen für ihre Kieze und unsere Stadt freuen wir uns sehr“,
       erklärt ein Sprecher.
       
       1 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nicolai Kary
       
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