# taz.de -- Hauptstadt als Schutthalde: Berlin vermüllt und verroht. Wir brauchen eine Müllabgabe!
> Gemeinsinn hört für manche Berliner:innen auf, sobald sie die
> Wohnungstür hinter sich schließen. Nur eines kann diese Leute zur
> Vernunft bringen.
(IMG) Bild: Is mir egal: Müll wird in Berlin einfach abgeladen, kümmere sich wer will
Sie kommen in der Dunkelheit. Sie schleichen sich aus den Häusern, tragen
schwer. Von der Nacht geschützt schleppen sie alte Sofas, Kühlschränke,
Waschmaschinen, Matratzen, Säcke mit Bauschutt heimlich die Treppen
hinunter und über die Straße. Ihre Flüche ob der Schwere der Fracht werden
verschluckt.
Jede Nacht wiederholt sich dieses Spektakel. Wo? In Berlin natürlich,
[1][dieser vermüllten Hauptstadt], der nachgesagt wird, dass ihr Kern das
Ist-mir-egal sei. (Wobei: Auch in anderen Städten geht es so zu.)
Obwohl die Männer nachts unsichtbar sein wollen, sieht man sie mitunter
doch. Da, dieser. Mit einer Matratze auf der Schulter tritt er aus dem Tor.
Er schaut nach rechts, nach links und geht vor zum Platz, wo ich wohne.
Ich, auf dem Heimweg, versuche ihn aufzuhalten. „Hej, das ist keine
Müllhalde“, schreie ich und folge ihm. „Ich mach doch nichts“, sagt er,
kehrt um, geht zurück zum Haus, aus dem er kam, die Matratze über der
Schulter.
Oder der, der einen Kühlschrank auf das Trottoir schiebt. Der Mann ist zwei
Meter groß und wiegt dreimal so viel wie ich. „Müll gehört zur
Stadtreinigung in der Lengeder Straße“, sage ich, meine Stimme klingt
unsicher. Er kommt auf mich zu. „Was willst du?“
Meistens aber sind die Leute von der Dunkelheit geschützt. Morgens steht
ihr Müll zwischen den Bäumen, beim Spielplatz oder auf dem Platz. Wenn ich
aus dem Fenster schaue, sehe ich ihn. Dabei ist die Straße, wo ich wohne,
ganz schön; in der Mitte wachsen Bäume. Eine Frau hat Tagetes, Cosmeen und
Malven darunter ausgesät und pflegt den Ort hingebungsvoll. Der Müll wird
in die Blumen gekippt.
Neulich ein Schauspiel ungeahnten Ausmaßes. Nachts lud ein Lieferwagen
[2][Altkleidersäcke auf dem Platz] ab. Tags darauf beginnen Vorbeikommende
die Tüten aufzureißen. Sie stapfen über die Berge alter Kleider, alter
Schuhe, ziehen etwas raus, begutachten, werfen es zurück. Müllsucher auf
einem Berg Unrat mitten in Berlin.
## Zwischenmenschliche Verwahrlosung
Von mir nur Fragen. Warum machen sie das? Warum steht jeden Morgen neuer
Müll auf dem Platz? Oder am Straßenrand? Oder überall? Selbst im nahen See
hab ich schon Kühlschränke gesehen. Sie schleppen sie dahin, nicht zur
Stadtreinigung. Warum?
„Der öffentliche Raum wird zunehmend als Verbrauchsraum gesehen“, wird die
Abfallwirtschaft Stuttgart in der Welt zitiert, „Rücksicht und
Verantwortungsgefühl nehmen ab, das Wegwerfverhalten steigt.“
Und im Magazin Aus Politik und Zeitgeschichte steht in einem Text von Laura
Moisi: „Schmutz und Abfall sind vor allem eine Grenzverletzung: eine
Bedrohung der kulturellen Kohärenz.“ Kultur gedacht als etwas Aufgeräumtes
und Beständiges. Nur, wie wurde daraus eine Kultur der Vermüllung?
Ich habe hilflose Erklärungen. Die, die den Müll wild abladen, haben kein
Verhältnis zu ihrer Stadt. Es ist nicht ihre. Gemeinsinn hört auf, sobald
sie die Wohnungstür hinter sich schließen. Ihr Planet ist geschrumpft auf
ein paar Quadratmeter. Oder er ist noch kleiner, gerade so groß wie ihr
Bildschirm. Der ist clean. Um die reale Welt sollen sich die anderen
kümmern.
Wenn die Vermüllung Berlins für etwas steht, dann für den konsensualen
Kulturverlust ihrer Bewohner*innen. Oder klarer: für zwischenmenschliche
Verwahrlosung. Das müsste die Politik auf den Plan rufen. Tut es aber
nicht. Nicht in Berlin.
## Der wahre Preis muss klar werden
Dabei bieten sich Lösungen an: Auf alles Kaufbare muss Pfand oder eine
Müllabgabe erhoben werden. Auf alles, nicht nur auf Einwegverpackungen wie
in Tübingen. 15 Euro auf ein Kleidungsstück, 150 auf ein Sofa, 100 auf den
Kühlschrank usw. Der wahre Preis muss klar werden. Das wäre ein Anfang.
Ansonsten, fragt mich, es fällt mir noch mehr ein. Die Kommunen sollen
[3][Aufräumwochen] einrichten wie derzeit in Hamburg. Zudem sind Schulen
gefragt; Müllsammeln als Unterrichtsfach. Der Ausflug ins Grüne mit
Müllgreifer statt Wanderstock. Auch Kirchen können sich einmischen. Von
Kanzeln, Minbars und Bimas herab machen religiöse Vordenker*innen ihrem
Klientel klar, dass die Erde ein Abbild des Paradieses ist. Im Dreck wollen
die Schafe nicht grasen.
Nicht zuletzt muss die Kehrwoche kommen. Keine, die im Treppenhaus endet,
sondern die Straße miteinbezieht. Alle sollten Verantwortung auf den
Schultern tragen, keinen Dreck.
10 Mar 2026
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