# taz.de -- Syrischer Journalist über Ausgrenzung: Wie Worte Zugehörigkeit zerstören
       
       > Deutschland ist für viele syrische Menschen ihr zu Hause. Merz'
       > Stadtbildaussage und Forderungen nach schneller Rückkehr zerstören dieses
       > hart erkämpfte Gefühl.
       
 (IMG) Bild: „Hochkomplexe Zeiten erfordern komplexe Antworten und nicht unterkomplexe Redensarten“: Kanzler Merz am 26.11. im Bundestag
       
       Vor zehn Jahren kam ich als Flüchtling nach Deutschland. Heute, als
       deutscher Staatsbürger und Syrer, frage ich mich, wie sehr ich mich hier
       wirklich zu Hause fühlen darf. Nie war mein Zugehörigkeitsgefühl so bedroht
       wie in den letzten Monaten – nicht durch eine Veränderung der Gesetze,
       sondern durch die Sprache der Politik. Unter dem Vorwand, die „Ordnung“
       wiederherzustellen, wird ein neues Bild von Menschen mit
       Migrationshintergrund gezeichnet. Sie gelten nicht mehr als Menschen mit
       Rechten, sondern als störendes Element im Stadtbild.
       
       Diese Verschiebung im Diskurs ist tiefgreifend. Sie betrifft nicht nur
       Geflüchtete, sondern auch Menschen, die seit Generationen als deutsche
       Staatsbürger hier leben und arbeiten. Sie erinnert uns Menschen mit
       Migrationshintergrund daran, dass Zugehörigkeit entzogen werden kann –
       manchmal nur durch einen einzigen Satz.
       
       [1][Bundeskanzler Merz sprach im Herbst von „Problemen im Stadtbild“ und
       notwendigen Rückführungen.] Jens Spahn reduzierte Araber, Muslime und Syrer
       auf Chaos, Kriminalität und Verfehlungen. Solche Worte sind kein
       Versprecher, sie formen das kollektive Bewusstsein und rechtfertigen neue
       Einschränkungen. Der Bundeskanzler versucht, den Aufstieg der extremen
       Rechten zu stoppen, indem er ihre Sprache übernimmt. Doch das funktioniert
       nicht. In Umfragen liegt die Alternative für Deutschland (AfD) auf
       Bundesebene konstant knapp hinter oder sogar etwas vor Merz’ Partei.
       
       Gleichzeitig regt sich Widerstand. [2][Demonstrationen wie „Wir sind das
       Stadtbild“] oder Hashtags wie #WirSindDieTöchter zeigen, dass Deutschland
       größer und diverser ist, als Merz und Spahn sagen. Bundespräsident
       Steinmeier und Außenminister Wadephul mahnen, dass eine Rückkehr syrischer
       Flüchtlinge in ein zerstörtes Land Zeit braucht und dass ihre Sicherheit
       und Würde dort gewährleistet sein müssen, bevor sie zurückkehren können –
       Bedingungen, die bisher kaum erfüllt sind. Die Kritiker innerhalb der CDU
       fordern schnelle Rückführungen, ignorieren aber andauernde Konflikte,
       Repressionen, zerstörte Infrastruktur und das Leid von Millionen Menschen.
       
       Die Realität in Syrien besteht aus einer fragilen Sicherheitslage,
       zerstörten Städten, kaum vorhandener Infrastruktur, hoher Arbeitslosigkeit,
       Inflation, zusammengebrochenen Bildungs-, Gesundheits- und Wohnsystemen.
       Ähnlich wie Deutschland nach 1945 wird Syrien Jahre des schrittweisen
       Wiederaufbaus, internationale Unterstützung und funktionierende
       Institutionen brauchen.
       
       ## Zugehörigkeit ist kein statischer Begriff
       
       Für viele Syrerinnen und Syrer in Deutschland ist jede Äußerung von
       Politikern ein Prüfstein ihrer eigenen Zugehörigkeit. Das passiert, wenn
       diejenigen, die sich integriert haben, arbeiten und Steuern zahlen, vom
       Kanzler hören, dass ihre Anwesenheit ein „Problem“ sei, das durch
       Abschiebung gelöst werden könne.
       
       Diese Sprache wirkt wie eine Waffe: Sie verdeutlicht, dass Zugehörigkeit
       nicht selbstverständlich ist, sondern erkämpft werden muss. Integration
       allein genügt nicht. Wir brauchen politische Teilhabe, eigene Narrative und
       Erfolgsgeschichten, um gegen pauschale Diffamierungen anzutreten.
       
       Als Journalist, der seit zehn Jahren in diesem Land lebt, weiß ich, dass
       Zugehörigkeit kein statischer Begriff ist. Sie ist ein Zustand, der sich
       Tag für Tag durch Worte, Taten und gegenseitigen Respekt neu formiert.
       
       Zugehörigkeit entsteht durch aktiven Widerstand gegen Ausgrenzung. Mehr als
       eine Million Syrer sind ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft.
       Die Syrerinnen und Syrer bilden eine lebendige, vielfältige Gemeinschaft,
       die hier arbeitet, studiert, ihre Kinder großzieht und die sich wünscht,
       dass Deutschland ein echtes Zuhause ist – und nicht nur eine Wartestation,
       die an einem seidenen Faden von Verlautbarungen hängt. Verantwortungsvoller
       Diskurs, respektvolle Sprache und gesellschaftliche Anerkennung sind
       entscheidend, damit Kinder aufwachsen und Menschen sich sicher fühlen
       können.
       
       Die Voraussetzungen für eine mögliche Rückkehr nach Syrien zu schaffen, ist
       ein langfristiger Prozess. Bis dahin bleibt Deutschland das Zuhause, in dem
       syrische Familien ihre Zukunft aufbauen und zur Vielfalt der Gesellschaft
       und dem deutschen Wohlstand beitragen. Worte können diese Zugehörigkeit
       zerstören oder festigen. Die Politik entscheidet, welchen Weg sie wählt.
       
       Der Autor erscheint auch in der Kolumne „Ankommen“ und im Podcast
       „geschafft?“ der [3][taz Panter Stiftung.]
       
       27 Nov 2025
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Osamah Ali Hamad
       
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       Fabian Schroer war vor Kurzem mit der Seawatch5 unterwegs.