# taz.de -- Aktivrente für alle Generationen: Nicht schlecht, aber noch nicht gut genug
       
       > Ab 2026 können Rentner:innen bis zu 2.000 Euro steuerfrei
       > dazuverdienen. Vielleicht könnte die Idee ausgeweitet werden? Hier einige
       > Vorschläge.
       
 (IMG) Bild: Was das bringen soll? Fachkräfte!
       
       Es war nicht alles schlecht im Jahr 2025. Das muss man kurz vor Silvester
       deutlich betonen, damit es nicht untergeht. Selbst bei der schwarz-roten
       Bundesregierung, die sich eher so mit Ach und Krach durchs Jahr geschlagen
       hat, ist hier und da ein Stückchen zu finden, das glänzt. Oder zumindest
       glänzen könnte. Und damit wären wir bei [1][der Aktivrente].
       
       Ab Januar 2026 sollen alle Menschen, die das Renteneintrittsalter erreicht
       haben, aber weiter arbeiten wollen, von ihrem Verdienst weniger an den
       Staat abgeben. 2.000 Euro pro Monat dürfen sie steuerfrei verdienen. Das
       ist toll. Denn für diejenigen, die sich weiter der Arbeit widmen wollen,
       können oder müssen, kann das einen Unterschied von mehreren Hundert Euro
       auf dem Konto machen. Monat für Monat. Das rentiert sich.
       
       Natürlich wäre es unangemessen, die Regierung dafür zu loben, dass sie mal
       an die denkt, die es gebrauchen können. Da ist bekanntlich das Gegenteil
       der Fall, wie die Reform – oder nennen wir es präziser beim Namen – [2][die
       Zerstörung des Bürgergeldes] zeigt. Hier wie dort geht es nicht um die
       Unterstützung der mehr oder weniger Armen. Es geht um die Wirtschaft. Und
       das lässt sich der Staat richtig was kosten. An die 900 Millionen will er
       dafür, nein, nicht ausgeben. Aber immerhin weniger einnehmen.
       
       Was das bringen soll? Fachkräfte! Die sind in nahezu allen Branchen
       Mangelware. Und die Lage wird sich zuspitzen, weil in den kommenden Jahren
       [3][jeweils deutlich mehr Menschen in Deutschland das Rentenalter erreichen
       werden, als Junge nachwachsen]. Es ist also eine durchaus kluge
       Investition, wenn die Regierung die vorhandenen Fachleute dazu bringt,
       länger zu arbeiten und somit Wachstum zu generieren, das am Ende sogar
       wieder die Mindereinnahmen durch erhöhte Steuereinnahmen an anderer Stelle
       ausgleichen könnte. Das wäre dann fast schon so was wie das Perpetuum
       Mobile der Finanz- und Wirtschaftspolitik.
       
       Diese Vorrede ist wichtig, um zum eigentlichen Punkt zu kommen: Die
       Aktivrente ist klasse. Aber sie fasst mal wieder zu kurz. Denn was alles
       könnte sie bewirken, wenn sie nicht nur für die angestellt Arbeitenden
       jenseits der 67 gelten würde, sondern für alle. Kurz gesagt: Wie wäre es,
       die Einkommensteuer erst bei Verdiensten über 2.000 Euro im Monat zu
       erheben?
       
       ## Lohnabstandsgebot und „Sozialschmarotzer“
       
       Der Effekt könnte enorm sein. Er würde gleich auf mehreren Ebenen
       angebliche oder tatsächliche Probleme auf dem Arbeitsmarkt und bei der nach
       sozialem Ausgleich schielenden Sozialpolitik lösen.
       
       Punkt 1: Das viel beklagte Lohnabstandsgebot. Immer wieder heißt es, die
       armen „Sozialschmarotzer“, die sich von der wohligen Staatsknete baumeln
       lassen, seien nicht zur Arbeit zu begeistern, weil sich die nicht lohne. Da
       ist ja tatsächlich was dran. Nicht, weil die Menschen wirklich faul wären.
       Aber die Abgaben an den Staat, die nicht nur aus zu zahlenden Steuern
       bestehen, die beim (Zu-)Verdienst anfallen, sondern vor allem durch die
       rabiaten Kürzungen der staatlichen Unterstützung entstehen, die schon bei
       Geringverdienern anfällt, sind enorm. Da kommt man schnell mal auf
       Grenzabgaben, bei denen jeder Multimillionär stöhnen würde, weil sie locker
       höher liegen können, als die 45 Prozent Maximalsteuersatz, die die
       Superreichen zahlen müssten, wenn sie sich nicht durch lukrative
       Abschreibeprojekte und andere ganz legale Steuertricks davor drücken
       dürften.
       
       Jede Reform, die den Abstand zwischen Nichtarbeitenden und Arbeitenden
       erhöht, weil letzten mehr Geld auf dem Konto bleibt, ist also ein Schritt
       in die richtige Richtung. Für die tatsächlich Schaffenden, für die
       Arbeitnehmersuchenden und letztlich auch für eine Regierung, der es
       gelingt, den Laden am Laufen zu halten.
       
       Punkt 2: Eine Erhöhung des monatlichen Steuerfreibetrags von aktuell 1.000
       auf 2.000 Euro im Monat wäre eine Steuerform, die allen Verdienenden
       zugutekäme. Sofort. Und deutlich spürbar. Nicht nur für die
       Geringverdiener:innen, sondern auch für die mit fetten Gehältern. Letztere
       würden, je nach Auslegung der Reform, sogar überproportional davon
       profitieren – wie von nahezu jeder Änderung der Steuersätze.
       
       Denn wenn man etwas an der Steuerlast dreht, klingelt es stets bei denen
       stärker im Beutel, die 45 Prozent Steuern entrichten müssen, als bei denen,
       die nur 20 Prozent zahlen müssen. Das gehört zu den oft übersehenen
       Geheimnissen der Steuerpolitik, auch wenn es nur schnöde Mathematik ist.
       
       Kurz gesagt: Eine im Selbstmarketing begabte Regierung könnte die Anhebung
       der Freibeträge als großes Sozialprojekt verkaufen (Hallo, SPD!) und
       gleichzeitig die Topverdiener mitpampern (Na, CDU/CSU?).
       
       Punkt 3: So eine Reform würde natürlich viele Milliarden Euro kosten. Aber
       sie würde, ähnlich wie oben bei der Aktivrente beschrieben, Prozesse in
       Gang setzen, die fehlende Staatseinnahmen an anderer Stelle wieder
       ausgleichen könnten. Denn eine mehr arbeitende Bevölkerung bewirkt nicht
       nur automatisch Wachstum (das ist zumindest das, was Marktliberale gern so
       predigen). Hinzu kommt ja auch noch die Ausgabenseite.
       
       ## Geld für Konsum?
       
       Wenn Menschen, die es nicht so dicke haben, plötzlich mehr Geld auf dem
       Konto haben, geben sie es aus. Jedenfalls eher als die oberen Millionen,
       die es nur in irgendwelchen Projekten parken, um damit mehr Geld zu machen
       und Steuern zu sparen. Aus ökologischer Sicht ist es bedenklich, wenn die
       Massen ihr Geld für Konsum raushauen. Aber je mehr sie kaufen, desto mehr
       brummt die Wirtschaft. Wachstum, Wachstum und Wachstum sind die drei
       wichtigsten Faktoren jeder Politik. Und letztlich werden die mit wenig Geld
       immer noch sinnvoller Dinge erwerben, als diejenigen, die schon von allem
       zu viel haben.
       
       Tatsächlich gäbe es nur ein Problem bei dieser Freibetragsrevolution: Was
       passiert, wenn die Menschen gar nicht zu wenig arbeiten, weil der Verdienst
       zu niedrig ist? Sondern weil sie sich um anderes kümmern wollen? Kurz
       gesagt: das gute Leben. Oder müssen? Kinder, pflegebedürftige Eltern oder
       Ähnliches. Dann würde die Reform verpuffen. Aber da ja immer der Glaube an
       die all heilende Wirksamkeit von Geld gepredigt wird, darf man solche
       Bedenken locker zurückstellen.
       
       30 Dec 2025
       
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