# taz.de -- Initiative zu Volkswagen: „Die Verkehrswende muss man in der Höhle des Löwen beginnen“
       
       > Kann VW Straßenbahnen statt Autos herstellen? Über eine Kampagne von
       > Aktivist*innen und VW-Beschäftigten berichtet Mitinitiator Tobi
       > Rosswog.
       
 (IMG) Bild: Wie fährt Wolfsburg am besten?
       
       taz: Herr Rosswog, vor drei Jahren haben Sie eine Initiative gestartet, um
       aus Wolfsburg eine VW-Stadt zu machen, und zwar [1][„VW“ für
       „Verkehrswende“] statt nur für „Volkswagen“. Dabei sind andere Aktivisti,
       aber auch Beschäftigte des Autokonzerns. Wie kam das? 
       
       Tobi Rosswog: Wir haben uns gefragt, was wäre, wenn Welten
       aufeinandertreffen, die sonst gerne gegeneinander ausgespielt werden:
       Fabrikhalle versus Klimacamp, Blaumann versus Fahrradhelm, Schichtplan
       versus Systemwandel. Was wäre, wenn genau aus diesen Unterschieden etwas
       Gemeinsames entstehen kann? Die Idee dazu kam auf, weil es nur konsequent
       ist, radikale Verkehrswende in der Höhle des Löwen der Automobilindustrie
       zu erkämpfen. Da bietet sich der Stammsitz von VW in Wolfsburg ideal an.
       
       taz: Fiel es Ihnen als Auswärtiger schwer, mit den Bewohner*innen
       dieser Stadt in Kontakt zu kommen, die stark von den VW-Arbeitspl ä tzen
       abh ä ngen? 
       
       Rosswog: Eigentlich gar nicht so sehr, denn wir haben die soziale Frage vor
       Ort starkgemacht. Konkret war die Analyse denkbar einfach: Die
       Automobilindustrie ist in einer tiefen Krise – das war auch schon im August
       2022 absehbar und nun gilt es ein deutsches Detroit zu verhindern. Wir sind
       also nach Wolfsburg gegangen und haben klar kommuniziert: Wir brauchen euch
       65.000 Kolleg*innen. Wir können es uns gar nicht leisten, dass erfahrene
       Metaller*innen ihr Know-how nicht für eine zukunftsfähige Industrie
       einsetzen. Denn die Straßenbahnen, Beatmungsgeräte, Windkraftanlagen oder
       was wir noch so brauchen, werden nicht im luftleeren Raum produziert.
       
       taz: Mit der in Wolfsburg starken Gewerkschaft IG Metall hatten Sie aber
       auch Probleme. Warum? 
       
       Rosswog: Das Kernproblem ist, dass sie sich ungern an ihre eigene Satzung
       erinnern lassen mochte. Dort steht sehr weit vorne und ganz schön prominent
       in Paragraf 2, Absatz 4: „Überführung von Schlüsselindustrien und anderen
       markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum“.
       Aber ein Großteil der gewerkschaftlichen Führung ist nicht kämpferisch,
       sondern im Co-Management verhangen. Wichtig ist mir dabei zu betonen: Es
       geht nicht darum, gewerkschaftliche Organisierung zu kritisieren, sondern
       einen Herrschaftsapparat, der nur selten was bewegen mag.
       
       taz: Z wei Jahre lang dauerte Ihre Kampagne in Wolfsburg. Was ist davon
       geblieben? 
       
       Rosswog: Zunächst Beziehungen und Netzwerke, die über die unterschiedlichen
       Standorte des VW-Konzerns hinaus strahlen. Das ist das wichtigste. Dann
       gibt es [2][einen einstündigen Doku-Film], in dem Arbeiter*innen und
       Aktivist*innen sowie Wissenschaft zu Wort kommen und damit Hoffnung
       schaffen. Und außerdem gibt es nun einen weiteren konkreten Kampf: das
       VW-Werk in Osnabrück.
       
       taz: Was ist dort geplant? 
       
       Rosswog: In Osnabrück geht es um die konkrete Auseinandersetzung des
       VW-Werks mit 2.300 Kolleg*innen, wo im Oktober 2027 die Produktion ausläuft
       und Rheinmetall bereits vor den Werkstoren wartet, um dort Kriegsgerät zu
       produzieren.
       
       taz: Zwar sagte der Rheinmetall-Chef im vergangenen November, aktuell
       brauche er das Werk nicht. Zuvor hatte eine Delegation des Konzerns es aber
       schon begutachtet und für geeignet befunden. [3][Bei wachsender
       Auftragslage könnte also Interesse bestehen]. 
       
       Rosswog: Das wäre natürlich eine perverse und fatale Konversion – und
       glücklicherweise gibt es auch dazu Alternativen, für die uns einsetzen.
       
       taz: Sie sagen, dass ohne Vergesellschaftung keine Konversion zum
       Nicht-Autokonzern denkbar ist. Heißt das, Ihr Projekt ist im Kapitalismus
       nicht machbar? 
       
       Rosswog: Die Logik ist erst einmal klar: Wenn der Umbau eines Betriebs
       beispielsweise auf Straßenbahnen nicht profitabler ist, werden die
       Eigentümer*innen – also das Kapital – es nicht machen. Nun ist aber
       glücklicherweise nicht festgeschrieben, dass Unternehmungen so
       funktionieren müssen. Das Modell der Genossenschaften gibt die Möglichkeit,
       andere Spielregeln aufzustellen. Dabei geht es vor allem darum zu fragen:
       Wer entscheidet eigentlich, was und unter welchen Bedingungen produziert
       wird? Die Arbeiter*innen tun das leider nicht. Es gibt keine
       Selbstbestimmung. Wenn wir nun das Motto „Häuser denen, die darin wohnen“
       auf die Industrie übertragen, könnten wir klar formulieren: „Fabriken
       denen, die darin arbeiten“. Dabei ist uns bewusst, dass das natürlich nur
       in den Brüchen und Rissen des Kapitalismus möglich ist und nicht alle
       Probleme auf einmal löst. Aber es ist ein erster Schritt und am Ende ist
       klar: Zur Überwindung des Kapitalismus mit all seinen Herrschaftsformen
       gibt es keine Alternative.
       
       taz: Sie haben gemeinsam mit der Verkehrsexpertin Katja Diehl und dem
       VW-Arbeiter und Gewerkschaftler Thorsten Donnermeier ein Buch über das
       Projekt geschrieben. Lesen das denn auch Automobilarbeiter*innen, ohne die
       eine Konversion nicht m ö glich ist? 
       
       Rosswog: Wir haben das Buch bewusst als einfaches Gespräch gestaltet und
       nicht als das 100. Manifest, welches hochtrabend von der Revolution
       erzählt. Es ist ein Versuch, auf relativ wenig Seiten an unseren
       alltäglichen Erfahrungen und Kämpfen anknüpfend die brisanten Themen der
       Zeit anzugehen. Von der ersten Buch-Tour wird uns berichtet, dass dies auch
       gelungen sei.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kampf-gegen-Autos-in-der-Autostadt/!5901096
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