# taz.de -- US-Diplomat über Venezuela: „Wir werden einen hohen Preis zahlen“
       
       > Der Militäreinsatz in Venezuela sei ein gravierender Fehler, sagt der
       > Diplomat Daniel Benjamin. Langfristig könne das Donald Trump selbst
       > schaden.
       
 (IMG) Bild: Donald Trump begleitet die US-Operation in Venezuela mit Verteidigungsminister Pete Hegseth und CIA-Direktor John Ratcliffe
       
       taz: Herr Benjamin, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der
       Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro durch
       US-amerikanische Spezialkräfte gehört haben?
       
       Daniel Benjamin: Zwei ganz unterschiedliche Dinge. Zum einen empfinde ich
       die Kommandoaktion in Caracas als gravierenden Fehler, sowohl haarsträubend
       aus der Perspektive des Völkerrechts als auch unvereinbar mit US-Recht. Und
       was die Tat an sich anbelangt, macht mich zum anderen sprachlos, wie wenig
       die Regierung Trump aus der jüngeren Geschichte gelernt hat. Sie scheint
       tatsächlich zu glauben, dass [1][ihr imperialistisches Vorgehen] im
       Wesentlichen ohne Folgen bleibt. Sie nimmt an, dass das Ölembargo die
       venezolanische Führung dazu bringen werde, Anweisungen der USA zu befolgen.
       Meine direkte Erfahrung – die US-Invasion in den Irak – sagt mir etwas
       anderes.
       
       taz: Und zwar? 
       
       Benjamin: Aus den Fehlentscheidungen von damals habe ich mitgenommen, dass
       souveräne Staaten und Völker sich nicht einfach unterjochen lassen. Es ist
       doch abstrus zu glauben, es würden bald US-Ölfirmen und ihre Mitarbeiter
       vor Ort in Venezuela sein und beschützt durch die US-Armee in Ruhe Öl
       fördern ohne die Gefahr weiterer Gewalteinwirkungen. Dies würde nur die
       Ressentiments der Maduro-Clique und die des venezolanischen Volks
       verstärken, das sich nichts sehnlicher wünscht als Demokratie. Für die
       Venezolaner besteht gerade die große Gefahr, dass ihr Land in Chaos und
       Gewalt versinken könnte. Erheblich gefährdet sind auch die Amerikaner, die
       sich zurzeit im Land aufhalten. Außerdem gibt es gar kein Mandat in den USA
       für Imperialismus. Schon gar nicht für dieses Wirtschaftsprojekt. Die
       Regierung Trump glaubt allen Ernstes, sie komme ohne viel Aufwand und
       zusätzliche Anstrengung davon.
       
       taz: Schwächt das Vorgehen in Venezuela Donald Trumps Regierung? 
       
       Benjamin: Ich glaube, schon. Zudem nimmt das Ansehen der USA in der Welt
       durch solche Kommandoaktionen auf tragische, fast schon groteske Weise
       Schaden. Damit wird die Weltordnung noch mehr durcheinandergewirbelt. Unser
       Land wird langfristig einen hohen Preis zahlen müssen in Sachen Weltfrieden
       und Sicherheit, aber auch, was den Wohlstand angeht. Denn wir gelten
       inzwischen als unberechenbar. Internationale Handelspartner und Investoren
       in den USA beunruhigt das.
       
       taz: Die Monroe-Doktrin gilt seit 1823, als sich das russische Zarenreich
       einen Teil von Alaska sicherte und die südamerikanischen Staaten nach
       Unabhängigkeit vom spanischen Kolonialreich strebten. Seither reklamieren
       die USA für sich die Karibik sowie Mittel- und Südamerika als Hinterhof und
       verbitten sich Einmischung von außen. Steht die Entführung Nicolás Maduros
       im Einklang mit der Doktrin? 
       
       Benjamin: Die Regierung Trump beruft sich auf die Monroe-Doktrin, das ist
       richtig. Man muss aber wissen, dass die Monroe-Doktrin vor allem eine
       diplomatische Strategie war und dass sie vor allem ins Leben gerufen wurde,
       um europäische Großmächte wie Frankreich, Spanien und England davon
       abzuhalten, sich in Angelegenheiten unserer Hemisphäre einzumischen. Die
       US-Regierung wollte die Nachbarstaaten durch die Monroe-Doktrin aber nicht
       in erster Linie wirtschaftlich unterdrücken. Zusätzlich haben die USA einen
       hohen Preis durch die mit der Doktrin hervorgerufene feindselige Haltung
       der Nachbarstaaten gezahlt. Franklin D. Roosevelt hat die Monroe-Doktrin
       dann in den 1930ern um die Politik der guten Nachbarschaft modifiziert. Und
       trotzdem hat das vor allem nach 1945 mit Beginn des Kalten Kriegs und
       seiner antikommunistischen Ideologie nichts bewirkt, und die USA haben in
       Südamerika immer wieder interveniert.
       
       taz: Der von 1901 bis 1909 regierende Präsident Theodore Roosevelt hat die
       sogenannten Bananenkriege führen lassen. Die USA sind in Nicaragua
       einmarschiert und sorgten dafür, dass sich Panama von Kolumbien lossagte.
       Lässt sich das mit Trumps Vorgehen vergleichen? 
       
       Benjamin: Es stimmt, Teddy Roosevelt hat für die Karibik und Südamerika um
       1900 diese „Big Stick“-Politik entwickelt. Aber seine Form von
       Imperialismus hat andere Staaten nicht zu Ölfeldern der USA gemacht. Und
       innenpolitisch war er durchaus progressiv, er hat als Republikaner viele
       Reformen durchgesetzt. Bis heute gilt er als Champion guter, ehrenhafter
       Regierungsarbeit. In der US-Geschichte gibt es eine Reihe bewundernswerter
       Politiker, die auch ihre düsteren Seiten hatten, ob das jetzt die Innen-
       oder die Außenpolitik betrifft.
       
       taz: Trump ist auffallend anders. 
       
       Benjamin: Was mich an Trump sehr beunruhigt: In seiner ersten Amtszeit hat
       er als Oberbefehlshaber noch eher davon abgesehen, Militäreinsätze zu
       bewilligen. Auch wenn er den Al-Kuds-General Soleimani ausschalten ließ,
       verlief die erste Amtszeit weitgehend ohne Blutvergießen. Das hat sich nun
       deutlich geändert. An Bord der Air Force One machte er letzthin bizarre
       Ankündigungen, wer als Nächstes an der Reihe sei, ob Kuba oder Kolumbien.
       Auch im Fall Venezuela machte Trump klar: Er will das Öl.
       
       taz: Wie beeinflusst so ein Politikstil Russland und China? 
       
       Benjamin: Die USA machen es damit den Russen und den Chinesen noch
       leichter, das zu tun, was den USA eigentlich missfällt. Seit der Entführung
       Maduros ist es für die USA noch schwerer geworden, die russische Invasion
       in die Ukraine zu verurteilen. Auch die Taiwaner sollten sich ernsthaft um
       ihre Sicherheit sorgen. Die USA haben für zig Milliarden Dollar Waffen nach
       Taiwan geliefert. Allerdings glaube ich nicht, dass die USA jetzt auf
       einmal zugestehen, dass China in ganz Asien machen kann, was es will. Die
       Aktion in Venezuela wird dennoch gravierende Folgen für die internationale
       Weltordnung haben. Für die Europäer könnte speziell der drohende Ausverkauf
       der Ukraine bedeutsam werden, aber auch Trumps scheinbar ungezügelter
       Appetit auf Grönland.
       
       taz: Hätte die offizielle deutsche Reaktion auf Nicolás Maduros Entführung
       nicht schärfer ausfallen müssen? 
       
       Benjamin: [2][Die Reaktionen der Europäer] fand ich angemessen, denn die
       Verletzung des Völkerrechts wurde überall bemerkt und angemahnt –
       wenngleich die deutsche Reaktion etwas milde ausfiel. Die Reaktion der
       Bundesregierung verstehe ich so, dass sie die USA weiterhin so weit wie
       möglich hinsichtlich der Unterstützung der Ukraine im Boot halten will. Das
       ist unter den gegebenen Umständen für mich nachvollziehbar.
       
       taz: Sollte man von ihnen nicht dennoch verlangen, Donald Trump Grenzen
       aufzuzeigen? 
       
       Benjamin: Sie nehmen wahr, dass ihr Verbündeter im Weißen Haus immer
       schwerer einzuschätzen ist und sie äußerst vorsichtig mit ihm umgehen
       müssen. Der US-Präsident führt seine Geschäfte ohne größere Rücksicht auf
       die Ansichten seiner Nato-Verbündeten. Man will unbedingt vermeiden, dass
       die USA die Ukraine fallen lassen oder noch stärker prorussisch
       einschwenken als ohnehin schon. Ich glaube daher: In Berlin jetzt ewig auf
       den Prinzipien des Völkerrechts herumzureiten, führt uns nicht weiter.
       
       taz: Wie steht es um die Opposition in den USA? Könnte die Venezuelaaffäre
       der Demokratischen Partei Aufwind verschaffen? 
       
       Benjamin: Die Demokraten wirkten bis vor Kurzem politisch völlig
       abgemeldet. Aber sie haben nun durchaus einige Wahlerfolge gefeiert, etwa
       bei den Gouverneurswahlen in New Jersey und Virginia. In New York City ist
       [3][mit Zohran Mamdani ein Außenseiter Bürgermeister] geworden. Es scheint
       möglich, dass die Demokraten bei der nächsten Wahl die Mehrheit im
       Repräsentantenhaus gewinnen, es besteht sogar eine kleine Chance auf den
       Senat.
       
       taz: Auch, weil die Republikaner innenpolitisch unter Druck stehen. 
       
       Benjamin: Donald Trump hat mit der Maduro-Entführung wieder ein neues
       Narrativ etabliert. Seine Regierung wurde in letzter Zeit durch die
       Epstein-Affäre und Uneinigkeiten in der MAGA-Basis deutlich geschwächt.
       Deshalb kann man das Abenteuer Venezuela als versuchtes Ablenkungsmanöver
       betrachten. Aber die Probleme lösen sich deshalb für Trump nicht in Luft
       auf. Er wird ohne Möglichkeit der Wiederwahl mehr und mehr zur lame duck,
       die MAGA-Szene ist zerstritten. Wenn die Dinge in Venezuela aus dem Ruder
       laufen, wird Trump weiter an Boden verlieren.
       
       taz: Es gibt also Grund für vorsichtigen Optimismus? 
       
       Benjamin: Nun ja. Was mich wirklich beunruhigt, ist die Tatsache, dass die
       Trump-Regierung bereits bei ihrem Amtsantritt wichtige Ministerien massiv
       beschädigte – etwa durch die Massenentlassungen im Justizministerium, die
       [4][fast völlige Abschaffung von Entwicklungshilfen] und die neue, sehr
       politische Ausrichtung des Heimatschutzministeriums.
       
       taz: Wenn sich die Trump-Regierung nicht besonders für gute Beziehungen zu
       Europa interessiert, bringt das auch die American Academy in
       Schwierigkeiten? 
       
       Benjamin: Im Gegenteil, die Lage führt bei uns zu einer gewissen
       Wertsteigerung. Unsere Arbeit wird zunehmend wichtig. Auch wenn wir uns
       etwas einsamer fühlen als üblich, denn normalerweise wähnen wir die
       US-Regierung an unserer Seite. [5][Wir glauben aber, dass ein enges
       transatlantische Verhältnis] für beide Seiten enorme Vorteile bringt. Auch
       wenn es für die US-Regierung zurzeit keine Priorität hat, wollen wir die
       transatlantischen Beziehungen weiterhin fördern und unterstützen. Wir haben
       in den 80 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg gelernt, dass dies der einzig
       richtige Weg ist.
       
       9 Jan 2026
       
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