# taz.de -- US-Angriff auf Venezuela: Eine Supermacht Europa ist keine Alternative zum US-Bündnis
       
       > Europa kann sich von Trumps Drohungen erpressen lassen oder die offene
       > Konfrontation riskieren. Militärisches Hochrüsten ist aber auch keine
       > Lösung.
       
 (IMG) Bild: Noch von Dänemark kontrolliert: In Kangerlussuaq (Grönland) nehmen dänische Soldat*innen an einer europäischen Nato-Übung teil
       
       Wer sich die Bundespressekonferenz nach dem US-Schlag in Venezuela
       angeschaut hat, bekam ein erstklassiges Theaterstück geboten. In den
       Hauptrollen: der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille, ihm
       gegenüber die versammelte Hauptstadtpresse. Eine halbe Stunde lang
       wiederholten die Journalist*innen Variationen derselben Frage: Wie kann
       die Bundesregierung behaupten, die rechtliche Lage bezüglich des
       [1][US-Angriffs auf Venezuela sei komplex, wenn alle
       Völkerrechtler*innen sagen, sie sei eindeutig]?
       
       Jedes Mal folgten Variationen derselben Nichtantwort. Den
       Journalist*innen war derweil bewusst, dass und warum sie keine bessere
       Antwort bekommen würden. Genauso, wie Hille wusste, dass und warum er keine
       andere Antwort geben kann: Die Bundesregierung will ihre
       Abhängigkeitsbeziehung zu den USA nicht gefährden.
       
       Die Empörung über die hier offengelegten kommunikativen Doppelstandards war
       erwartungsgemäß groß – zu Recht. Doch übertönte sie zuweilen die viel
       essenziellere Frage: Aus welchem Interesse halten Deutschland und seine
       europäischen Partner an dieser totalen Abhängigkeitsbeziehung mit den USA
       fest? Und was müsste geschehen, um sie zu beenden?
       
       Beginnen wir bei den Interessen: Die USA sind und bleiben Europas
       wichtigster Handelspartner. 17 Prozent der europäischen Exporte gehen in
       die Vereinigten Staaten. Solange Europa den dem Kapitalismus innewohnenden
       Wachstumszwang bedienen will, um im globalen Kampf um den Weltmarkt zu
       bestehen, ist man auf gute transatlantische Beziehungen angewiesen. Dazu
       kommt: Europa ist von den USA und ihren auf dem Kontinent verteilten
       Langstreckenraketensystemen als militärische Schutzmacht gegenüber Russland
       und für den Erhalt der Ukraine als europäische Einflusssphäre abhängig.
       
       Europa ist keineswegs nur Opfer der bösen Imperialmacht USA. Man ist diese
       Beziehung willentlich eingegangen, um den eigenen Anspruch auf eine
       Partnerweltmacht aufrechtzuerhalten. Auch die Aussage, das Trump’sche
       Vorgehen markiere einen Epochenbruch, ist geschichtsvergessen. Die USA
       setzen ihre globalen Machtinteressen seit jeher entweder unter Einsatz
       ihrer wirtschaftlichen oder ihrer militärischen Dominanz durch. So
       funktioniert das Supermachtsein. Man denke an die Invasionen im Irak und in
       Afghanistan, an die vielen US-Regimewechsel in Südamerika.
       
       Von dieser Tradition unterscheidet sich das, was Trump macht, nur in
       zweierlei Hinsicht: Frühere Präsidenten hüllten ihre Politik noch in eine
       Moralerzählung. Trump dagegen gibt ganz offen zu, worum es ihm geht: das
       venezolanische Öl. Aber viel wichtiger noch: Dominanz über die
       amerikanische Hemisphäre. Das macht es den europäischen Regierungen nun
       verdammt schwer, ihre eigene Moralerzählung glaubhaft zu verkaufen.
       
       Der zweite Unterschied: Das Land, dessen militärische Dominanz bislang
       europäische Machtansprüche schützte, droht nun damit, jene Militärgewalt
       gegen uns und unsere Machtansprüche zu richten – etwa gegen das für Europa
       strategisch wichtige Grönland, dessen Bevölkerung seinerseits von Dänemark
       fremdkontrolliert wird und das EU-Land als Kolonialmacht ansieht.
       
       Europa steht vor der Wahl: sich [2][von Trumps Drohungen erpressen] zu
       lassen und sich im Ernstfall zu beugen oder eine offene Konfrontation zu
       riskieren, die man sicher verliert. Der Weg aus diesem Dilemma scheint für
       viele linksliberale Kommentator*innen offensichtlich: Auf Trumps
       America-first-Politik könne nur ein „starkes, geeintes Europa“ die Antwort
       sein, das sich wirtschaftlich wie militärisch sowohl gegen China und
       Russland als auch gegen die USA behaupten kann. Eine solche
       hyperkapitalistische und hochgerüstete Supermacht Europa mag zwar eine
       vorstellbare, vielleicht sogar umsetzbare Alternative sein. Aber mit
       Sicherheit ist sie keine linke – erst recht nicht in Anbetracht der
       derzeitigen europäischen Regierungen.
       
       Der Politologe Daniel Marwecki bringt in seinem Buch [3][„Die Welt nach dem
       Westen“] eine andere Idee ins Spiel: Europa gibt seine Großmachtansprüche
       auf und konzentriert sich auf ein kluges [4][Abstiegsmanagement]. Links
       gedacht müsste dies beinhalten, die eigene Wirtschafts- und
       Verteidigungsinfrastruktur radikal an den ökonomischen und
       sicherheitspolitischen Bedürfnissen der Bevölkerung auszurichten, statt
       Kapitalinteressen zu bedienen, wie es für den Weltmachtanspruch nötig ist.
       Dass das nicht im Interesse der Gewinner des Status quo und auch nicht der
       meisten europäischen Regierungen wäre, ist klar. Der notwendige Wandel – so
       schwer vorstellbar er ist – kann nur von unten kommen.
       
       11 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Angriff-auf-Venezuela/!6143792
 (DIR) [2] /Intervention-der-USA-in-Venezuela/!6142589
 (DIR) [3] https://www.aufbau-verlage.de/ch-links-verlag/die-welt-nach-dem-westen/978-3-96289-239-5
 (DIR) [4] /Sipri-Bericht-ueber-den-Ruestungsboom/!6130782
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Jäckels
       
       ## TAGS
       
 (DIR) US-Angriff auf Venezuela
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Weltmacht
 (DIR) Erdöl
 (DIR) Europa
 (DIR) GNS
 (DIR) US-Angriff auf Venezuela
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Außenpolitik von Donald Trump: Durch und durch einseitig
       
       Der US-Angriff auf Venezuela und die Entführung Maduros waren nicht nur
       völkerrechtswidrig, sondern vor allem auch strategisch fragwürdig.
       
 (DIR) US-Angriff auf Venezuela: Ein Land im Wartemodus
       
       Seit dem US-Angriff auf Caracas ist die venezolanische Hauptstadt nicht
       mehr dieselbe. In die Unsicherheit vor Ort mischt sich aber auch
       Zuversicht.
       
 (DIR) US-Diplomat über Venezuela: „Wir werden einen hohen Preis zahlen“
       
       Der Militäreinsatz in Venezuela sei ein gravierender Fehler, sagt der
       Diplomat Daniel Benjamin. Langfristig könne das Donald Trump selbst
       schaden.
       
 (DIR) US-amerikanischer Angriff auf Venezuela: Was bisher geschah
       
       Es ist der erste Angriff auf das Land seit 123 Jahren. Eine historische
       Einordnung der Ereignisse und was die deutsche Marine damit zu tun hat.